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Mittelmeer : Die Route der Hoffnungslosen

Gerettet: Flüchtlinge auf einem sinkenden Schlauchboot im Mittelmeer am Sonntag – sie wurden nach Lampedusa gebracht. Bild: dpa

Das neuerliche Unglück im Mittelmeer zeigt, wie schnell sich die Fluchtrouten verschieben. Die Zahl derjenigen, die die gefährliche Überfahrt wagen, könnte zunehmen.

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          In Italien wurde prompt an das traurige Jubiläum erinnert. Auf den Tag genau vor einem Jahr war vor der libyschen Küste ein Flüchtlingsboot gekentert. Bis zu 950 Menschen sollen damals an Bord gewesen sein. Am Montag dann die Nachricht: Wieder ist ein Schiff mit vielen Flüchtlingen an Bord auf dem Weg nach Italien gesunken. Wie viele Personen ums Leben kamen, blieb zunächst unklar. Berichten zufolge sollen es mehrere hundert Migranten gewesen sein. „Es ist sicher, dass wir es genau ein Jahr nach der Tragödie in libyschen Gewässern wieder mit einer Tragödie zu tun haben“, sagte Italiens Außenminister Paolo Gentiloni am Montag am Rande eines EU-Ministertreffens in Luxemburg. Konkrete Opferzahlen nannte er nicht. Der italienische Staatspräsidente Sergio Mattarella bezifferte die Anzahl der Vermissten auf bis zu 400. Bei den Opfern soll es sich um vorwiegend um Somalier handeln.

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          Die Internationale Organisation für Migration und auch die Europäische Grenzschutzagentur Frontex konnten das Unglück zunächst nicht bestätigen. Der Vorfall habe sich in ägyptischen Gewässern ereignet, daher seien die dortigen Behörden zuständig, sagte eine Frontex-Sprecherin der F.A.Z. Einsatzkräfte von Frontex seien nicht involviert gewesen. Die Flüchtlinge hätten versucht, auf vier Booten von Ägypten aus Italien zu erreichen, hieß es nach italienischen Angaben.

          Rückgang von knapp zehn Prozent

          Italien ist das Ziel gleich mehrerer Fluchtrouten über das Mittelmeer: der zentralen Mittelmeerroute, ausgehend von Tunesien und vor allem Libyen, sowie der apulisch-kalabrischen Route, ausgehend von Ägypten, Griechenland und der Türkei. 154.000 Personen wurden auf beiden Routen im Jahr 2015 aufgegriffen. Das war gegenüber 2014 ein Rückgang von knapp zehn Prozent, der allerdings vor allem darauf zurückzuführen ist, dass weniger Syrer diese Routen benutzten – die Zahl der afrikanischen Flüchtlinge stieg im gleichen Zeitraum um rund 40 Prozent an. Am gesamten Flüchtlingsaufkommen der EU des vergangenen Jahres hatte die zentrale Mittelmeerroute laut Frontex einen Anteil von etwa acht Prozent.

          Schmuggler schicken die Flüchtlinge zumeist von Libyen aus in kaum hochseetüchtigen, überfüllten Booten auf das Meer und setzen Notrufe ab, sobald die Boote internationale Gewässer erreicht haben. Für die apulisch-kalabrische Route, auf der auch die Flüchtlinge in diesem Fall unterwegs waren und die durch Hunderte Kilometer offenes Wasser führt, nutzen ägyptische Schmuggler-Netzwerke hingegen mittlerweile größere „Mutterschiffe“, in vielen Fällen Yachten, an denen wiederum mehrere kleine Fischerboote befestigt sind. In der Nähe der kalabrischen Küste werden die Flüchtlinge auf die Boote verladen, während das große Schiff mit den Schmugglern zurückkehrt.

          Die Route ist bisher weit weniger stark frequentiert als jene von Libyen aus. Im Jahr 2011, dem Jahr der „arabischen Revolution“, gab es nach Angaben von Frontex knapp 5260 illegale Grenzübertritte in Kalabrien – so viele wie noch nie. Danach seien die Zahlen zurückgegangen, da die Überlandroute durch den West-Balkan in den Vordergrund rückte. Diese ist mittlerweile gesperrt. Die Türkei wiederum geht verstärkt gegen Schmuggler vor, und der Weg durch Libyen ist angesichts andauernder Kämpfe gefährlich. Daher dürfte die Zahl derjenigen, die von der ägyptischen Küste aus aufbrechen, wieder zunehmen. Ein EU-Funktionär sprach Ende Februar gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters von einem „zunehmenden Problem“.

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