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Flüchtlingskrise : Herr Hetze und die Menschen von Clausnitz

  • -Aktualisiert am

Clausnitz begrüßt Sie! Bild: dpa

Die öffentliche Empörung war groß nach den Vorkommnissen in Clausnitz. Doch was haben die Bewohner des Erzgebirgsdorfs nach der stundenlangen Blockade des Flüchtlingsbusses zu sagen?

          Der Hutzenabend ist ein fester Begriff im Erzgebirge. Besonders im Winter rückte man früher in der Dämmerung in Nachbars Stube zusammen, um eigenes Heizmaterial und Essen zu sparen. Heutzutage sind Hutzenabende Feste der Gemütlichkeit – und an ein solches erinnern am Samstagabend auch die kleinen Häuser von Clausnitz, in denen seit zwei Tagen neben Deutschen auch Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Libanon und Iran wohnen. Haus an Haus fädelt sich hier entlang der Hauptstraße auf wie an einer Kette, gepflegte Grundstücke, Urlaubsregion, aber meist auch: gespenstische Stille. Draußen pfeift ein eisiger Wind, und es fällt nasser Schnee, drinnen toben Kinder von Wohnung zu Wohnung, und immer wieder kommen Einwohner mit Tüten, Töpfen und Schüsseln mit Essen vorbei.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Die Idylle freilich stören etliche Reporter und Kamerateams, die da sind, weil es 48 Stunden zuvor in dem Dorf zu erschütternden Szenen gekommen war. Am Donnerstagabend traf ein Bus mit 20 Asylbewerbern ein, zehn Frauen sowie je fünf Kinder und Männer, die aus Chemnitz und Dresden in diese entlegene Gegend gebracht worden waren, wo sie in drei Häusern leerstehende Wohnungen im Erdgeschoss beziehen sollten. Begleitet wurde der Bus von einem Streifenwagen mit zwei Polizisten. Empfangen wurde er von annähernd hundert aufgebrachten Bürgern. Ein Traktor und zwei Autos blockierten die Zufahrt zu den Häusern.

          Angst und Morddrohungen

          Das Ergebnis des Aufeinandertreffens kennt die Öffentlichkeit aus zwei kurzen Videos, die sich seit Freitag in Windeseile im Internet verbreiten. Sie zeigen überwiegend ängstliche, zum Teil weinende Asylbewerber im Bus, vor dem ein Mob „Wir sind das Volk!“, „Verpisst Euch!“ und „Haut ab nach Hause!“ brüllt. Als dann noch zu sehen ist, wie Polizisten den Bus unter dem Gejohle der Menge räumen und drei Flüchtlinge, darunter zwei Kinder, mit Gewalt ins Haus bringen, und obendrein bekannt wird, dass der „Heimleiter“ Mitglied der AfD ist und mit Nachnamen Hetze heißt, wird Clausnitz über Nacht wie Freital und Heidenau ein Synonym für sächsischen Schrecken. Dass in der Nacht zum Sonntag im sächsischen Bautzen eine noch unbewohnte Flüchtlingsunterkunft angezündet wurde – und dass Schaulustige davor standen, die Löscharbeiten behinderten, applaudierten und Schmähungen riefen, machte in der Summe der Ereignisse einen besonders verheerenden Eindruck.

          „Es war grausam, eine völlig hysterische Situation“, erzählt ein Rentner aus Clausnitz, der am Samstag im Treppenaufgang des mittleren der drei Häuser steht, in denen die Flüchtlinge wohnen, und der unentwegt zwischen ihnen und Anwohnern dolmetscht. „Die haben so eine Angst gehabt“, sagt er über die Flüchtlinge, und er weiß das, weil er an jenem Abend im Bus war und versuchte, die Menschen zu beruhigen und zum Aussteigen zu bewegen. Auf den Videos ist er zu sehen, seinen Namen aber will er nicht in der Zeitung lesen. Es habe eine Morddrohung gegen ein Mitglied der Unterstützergruppe gegeben, zu der er gehört und welche die Ankunft der Flüchtlinge vorbereitet hatte. Und dennoch: Die Mehrzahl der Clausnitzer sei nicht fremdenfeindlich, man lebe nicht hinter dem Mond, sagt er. „Es gibt ein paar Scharfmacher, aber viele sind abwartend skeptisch, sie wissen nicht, wer da kommt und woher.“

          Kind aus dem Bus gezogen

          Nicht weit von ihm steht Sadia Azizi, eine junge Frau mit buntem Kopftuch, die sagt, mit ihrem Freund aus Kandahar vor den Taliban geflohen zu sein. Der „Empfang“ in Clausnitz habe sie sehr erschreckt, denn ihre Erfahrungen mit den Deutschen, genauer: drei Monate in der Erstaufnahme in Dresden, seien bisher nur positiv gewesen. Inzwischen aber verdränge sie das Schlechte. „Wir waren heute im Dorf und haben eingekauft, ganz allein, ohne Sicherheit, und die Leute waren sehr hilfsbereit.“ Von oben kommt eine ältere Frau mit einem Korb die Treppe herunter. Wie sie die neuen Nachbarn finde? „Ach“, sagt sie und lächelt, „wir werden uns schon arrangieren.“

          So leicht fällt das nicht jedem. Es gibt Mieter, die ausgezogen sind, als klar wurde, dass Asylbewerber einziehen würden. Und es gibt Flüchtlinge, die ungehalten sind, weil sie in die Provinz verfrachtet wurden. Familie Qaytasi aus Iran etwa, die 50 Tage lang auf der Flucht war – zu Fuß durch die Türkei, mit dem Boot nach Griechenland, mit dem Bus nach Österreich und nach Deutschland mit dem Zug – ist zwar froh, endlich eine eigene Wohnung zu haben, fürchtet aber, dass ihr sieben Jahre alter Sohn hier nicht zur Schule gehen kann. „Wir wollen wieder in die Stadt“, sagt der Familienvater. Und wie lange Luai, der mit Bruder und Vater aus dem Libanon floh, brauchen wird, um das Geschehen zu verarbeiten, kann niemand sagen. Er ist einer der Jungen, die Polizisten an jenem Abend gewaltsam aus dem Bus zogen.

          Hochemotionale Situation

          Überhaupt die Polizei: Am Samstagnachmittag bezeichnet der Chemnitzer Polizeipräsident Uwe Reißmann auf einer Pressekonferenz die zupackende Maßnahme für „notwendig“. Die Lage habe sich verschärft, nachdem einige Flüchtlinge im Bus dem Mob draußen den Mittelfinger gezeigt hätten. Es habe die Gefahr bestanden, dass aus der Menge nicht mehr nur Schneebälle, sondern auch Steine und Böller auf den Bus geworfen würden, weshalb die Beamten richtig entschieden hätten, alle Asylbewerber schnellstmöglich in die sichere Unterkunft zu bringen. Von der Größe des Protests sei die Polizei überrascht gewesen; in den vergangenen Monaten habe man „-zig solche Einrichtungen“ in der Region belegt, und bis auf einen Fall sei das stets „völlig störungsfrei“ verlaufen.

          Wurde nun auch in Bautzen eine geplante Flüchtlingsunterkunft das Ziel eines fremdenfeindlichen Anschlags?

          Dass das auch in Clausnitz so sein würde, sei „eine Fehleinschätzung“ gewesen. Zwei Stunden lang mussten die Flüchtlinge im Bus ausharren, bis es der Polizei gelang, 30 Beamte zur Verstärkung heranzuschaffen und die aufgeputschte Menge, die für die Aufforderung der Beamten, den Platz zu räumen, nur höhnisches Gelächter übrig gehabt habe, in Schach zu halten. Die Polizei stellte bisher 14 Strafanzeigen, darunter gegen die drei Fahrzeughalter, welche die Einfahrt blockierten; der Staatsschutz ermittelt wegen Landfriedensbruchs. Am Einsatz selbst aber gebe es „nichts zu rütteln“, sagt Reißmann. Die Beamten hätten die hochemotionale Situation ohne Verletzte und Sachschäden geklärt. Dafür jetzt mit einer „kurzen, losgelösten Videosequenz und ohne Kenntnis der Hintergründe öffentlich angeprangert zu werden“, weise er entschieden zurück.

          „Ich kenne die arabische Kultur gut, ich bin dort herzlich aufgenommen worden„

          Am Samstag ist die Polizei in Clausnitz mit mehreren Einsatzwagen präsent, aber kaum jemand ist auf der Straße zu sehen. Nur vom Ortsende her dröhnt Musik, dort stehen mitten im Schneetreiben rund 100 junge Leute, meist aus Dresden und Leipzig bei einer Spontan-Kundgebung gegen Rassismus. Michael Funke, der parteilose Bürgermeister der Gemeinde, hatte schon am Freitag bekundet, er schäme sich für das Geschehen. Dabei hatte er alles richtig machen wollen und seine Bürger – transparent, wie stets gefordert – über die Ankunft der Flüchtlinge informiert. Die Information zog wohl auch Krawallmacher aus anderen Orten an; der Großteil von ihnen aber sei aus Clausnitz gewesen, sagt die Polizei.

          Und dann ist da noch Thomas Hetze, der „Heimleiter“, der eher ein Betreuer für die Asylbewerber ist, ein Heim gibt es ja hier nicht. Der 47 Jahre alte Mann mit freundlich rundem Gesicht ist am Samstag von Wohnung zu Wohnung unterwegs, ein Machertyp, der mit den Flüchtlingen scherzt und mit Anwohnern redet und umgekehrt, und, ja, er ist in der AfD. Die Partei habe nichts dagegen, dass er sich um Flüchtlinge kümmere, also sei sie nicht so schlimm, wie immer erzählt werde, findet er. Im vergangenen November sprach Hetze auf einer Anti-Asyl-Demo im Nachbarort, wo „Merkel muss weg“ gebrüllt wurde. „Diejenigen, die ein Recht auf Asyl haben, sind herzlich willkommen“, sagte er dort. „Aber dass daraus ein hunderttausendfacher Einmarsch von Wirtschaftsflüchtlingen wird, ist völlig unverständlich und stellt in meinen Augen ein Verbrechen an der deutschen Nation dar.“

          Er stehe dazu, sagt Hetze. Er protestiere gegen eine Politik, die keinen Plan habe, und die Bevölkerung müsse das ausbaden; hier im Erzgebirge etwa seien sie völlig abgehängt, die Flüchtlinge könnten freilich nichts dafür. Hetze ist Bauingenieur, er war früher viel in Marokko, Tunesien und Syrien unterwegs. „Ich kenne die arabische Kultur gut, ich bin dort herzlich aufgenommen worden und das werde ich jetzt zurückgeben.“ Einem der Jungen habe er schon einen Platz im Fußballclub organisiert, und zwischen Flüchtlingen und Einwohnern wolle er vermitteln, ihnen „Angst und Unwissenheit vor dem Fremden“ nehmen. Die Krawallmacher vom Donnerstagabend seien damit allerdings nicht zu entschuldigen. Ihnen fehlt wohl jene Eigenschaft, deren Abwesenheit im August bereits der Heidenauer Bürgermeister bitter beklagt hatte: „Anstand, einfach nur Anstand.“

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