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Flüchtlingskrise : Herr Hetze und die Menschen von Clausnitz

  • -Aktualisiert am

Hochemotionale Situation

Überhaupt die Polizei: Am Samstagnachmittag bezeichnet der Chemnitzer Polizeipräsident Uwe Reißmann auf einer Pressekonferenz die zupackende Maßnahme für „notwendig“. Die Lage habe sich verschärft, nachdem einige Flüchtlinge im Bus dem Mob draußen den Mittelfinger gezeigt hätten. Es habe die Gefahr bestanden, dass aus der Menge nicht mehr nur Schneebälle, sondern auch Steine und Böller auf den Bus geworfen würden, weshalb die Beamten richtig entschieden hätten, alle Asylbewerber schnellstmöglich in die sichere Unterkunft zu bringen. Von der Größe des Protests sei die Polizei überrascht gewesen; in den vergangenen Monaten habe man „-zig solche Einrichtungen“ in der Region belegt, und bis auf einen Fall sei das stets „völlig störungsfrei“ verlaufen.

Wurde nun auch in Bautzen eine geplante Flüchtlingsunterkunft das Ziel eines fremdenfeindlichen Anschlags?

Dass das auch in Clausnitz so sein würde, sei „eine Fehleinschätzung“ gewesen. Zwei Stunden lang mussten die Flüchtlinge im Bus ausharren, bis es der Polizei gelang, 30 Beamte zur Verstärkung heranzuschaffen und die aufgeputschte Menge, die für die Aufforderung der Beamten, den Platz zu räumen, nur höhnisches Gelächter übrig gehabt habe, in Schach zu halten. Die Polizei stellte bisher 14 Strafanzeigen, darunter gegen die drei Fahrzeughalter, welche die Einfahrt blockierten; der Staatsschutz ermittelt wegen Landfriedensbruchs. Am Einsatz selbst aber gebe es „nichts zu rütteln“, sagt Reißmann. Die Beamten hätten die hochemotionale Situation ohne Verletzte und Sachschäden geklärt. Dafür jetzt mit einer „kurzen, losgelösten Videosequenz und ohne Kenntnis der Hintergründe öffentlich angeprangert zu werden“, weise er entschieden zurück.

„Ich kenne die arabische Kultur gut, ich bin dort herzlich aufgenommen worden„

Am Samstag ist die Polizei in Clausnitz mit mehreren Einsatzwagen präsent, aber kaum jemand ist auf der Straße zu sehen. Nur vom Ortsende her dröhnt Musik, dort stehen mitten im Schneetreiben rund 100 junge Leute, meist aus Dresden und Leipzig bei einer Spontan-Kundgebung gegen Rassismus. Michael Funke, der parteilose Bürgermeister der Gemeinde, hatte schon am Freitag bekundet, er schäme sich für das Geschehen. Dabei hatte er alles richtig machen wollen und seine Bürger – transparent, wie stets gefordert – über die Ankunft der Flüchtlinge informiert. Die Information zog wohl auch Krawallmacher aus anderen Orten an; der Großteil von ihnen aber sei aus Clausnitz gewesen, sagt die Polizei.

Und dann ist da noch Thomas Hetze, der „Heimleiter“, der eher ein Betreuer für die Asylbewerber ist, ein Heim gibt es ja hier nicht. Der 47 Jahre alte Mann mit freundlich rundem Gesicht ist am Samstag von Wohnung zu Wohnung unterwegs, ein Machertyp, der mit den Flüchtlingen scherzt und mit Anwohnern redet und umgekehrt, und, ja, er ist in der AfD. Die Partei habe nichts dagegen, dass er sich um Flüchtlinge kümmere, also sei sie nicht so schlimm, wie immer erzählt werde, findet er. Im vergangenen November sprach Hetze auf einer Anti-Asyl-Demo im Nachbarort, wo „Merkel muss weg“ gebrüllt wurde. „Diejenigen, die ein Recht auf Asyl haben, sind herzlich willkommen“, sagte er dort. „Aber dass daraus ein hunderttausendfacher Einmarsch von Wirtschaftsflüchtlingen wird, ist völlig unverständlich und stellt in meinen Augen ein Verbrechen an der deutschen Nation dar.“

Er stehe dazu, sagt Hetze. Er protestiere gegen eine Politik, die keinen Plan habe, und die Bevölkerung müsse das ausbaden; hier im Erzgebirge etwa seien sie völlig abgehängt, die Flüchtlinge könnten freilich nichts dafür. Hetze ist Bauingenieur, er war früher viel in Marokko, Tunesien und Syrien unterwegs. „Ich kenne die arabische Kultur gut, ich bin dort herzlich aufgenommen worden und das werde ich jetzt zurückgeben.“ Einem der Jungen habe er schon einen Platz im Fußballclub organisiert, und zwischen Flüchtlingen und Einwohnern wolle er vermitteln, ihnen „Angst und Unwissenheit vor dem Fremden“ nehmen. Die Krawallmacher vom Donnerstagabend seien damit allerdings nicht zu entschuldigen. Ihnen fehlt wohl jene Eigenschaft, deren Abwesenheit im August bereits der Heidenauer Bürgermeister bitter beklagt hatte: „Anstand, einfach nur Anstand.“

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