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Religiöse Verfolgung : Weil sie Christen sind?

Flüchtlinge in einer Unterkunft in Rottenburg. Bild: dpa

Christliche Flüchtlinge in Deutschland werden systematisch durch Muslime verfolgt und drangsaliert. Das behauptet eine Studie der Organisation „Open Doors“. Doch Belege fehlen.

          Als Markus Rode am 9. Mai seine großangelegte Befragung zur Situation der Christen in deutschen Flüchtlingsheimen vorstellte, sprach er von einem „Klima der Angst und Panik“ in diesen Unterkünften. Die Christen würden dort von Muslimen drangsaliert, mit dem Tode bedroht, geschlagen und sexuell belästigt, sagte der Leiter der Organisation „Open Doors“. Die 231 Fälle, die im Rahmen der Untersuchung zusammengetragen wurden, bildeten lediglich „die Spitze des Eisbergs“. Die tatsächliche Zahl läge um ein Vielfaches höher. Volker Baumann von der „Aktion für verfolgte Christen und Notleidende“ sagte, bis zu 40000 Flüchtlinge würden in Deutschland aufgrund ihres Glaubens drangsaliert.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          „Open Doors“ präsentierte seine Untersuchung im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin und erzielte damit große öffentliche Wirkung. In der Presse wurde die Erhebung vielfach zitiert, die großen Fernsehanstalten widmeten dem Thema ausführliche Beiträge. „Es wurde leider immer wieder von Einzelfällen gesprochen“, führte Rode etwa in der ARD-Tagesschau aus. „Wir verstehen das eigentlich nicht, denn wenn man von Einzelfällen spricht, muss man ja in die Tiefe bohren. Wir haben das getan, mit mehreren anderen Nichtregierungsorganisationen.“ Ergebnis: „Es kommt überall vor.“ Mitten in Deutschland ereigne sich eine „systematische Verfolgung“.

          Einige Tage später findet Rode Zeit für ein Gespräch in der Deutschland-Zentrale von „Open Doors“ in Kelkheim nahe Frankfurt. Seine Mitarbeiter verbreiten von dort unter anderem den jährlichen „Weltverfolgungsindex“ zur Lage verfolgter Christen. Die Organisation lege großen Wert auf einen „sehr hohen wissenschaftlichen Anspruch“, sagt Rode. Die Situation der Christen in deutschen Flüchtlingsheimen unterscheidet sich in seiner Sicht nur noch unwesentlich von den Zuständen in den Flüchtlingslagern im Nahen Osten, die von der Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen UNHCR unterhalten werden. „Christen hätten in einem solchen Lager keine Überlebenschance“, sagt Rode. „Das ist dasselbe hier. Sie werden zusammengeschlagen, werden diffamiert, man reißt ihnen die Kreuze ab.“ Der Koran legitimiere bei Konvertiten auch Mord. „Das ist das Klima - und das versteht man in Deutschland nicht.“

          Irritation über die Kirchen

          Rode sieht eine Spirale des Schweigens, die von einzelnen Flüchtlingen kaum zu durchbrechen sei. Die muslimischen Flüchtlinge hielten zusammen. Christen trauten sich aus Angst kaum, über ihre Situation zu sprechen. Auf Strafanzeigen von Christen folge in der Regel eine Flut von Gegenanzeigen. Der Wachschutz rekrutiere sich zu „über 90 Prozent“ aus Muslimen und stehe religiösen Minderheiten im Konfliktfall ebenfalls nicht bei. Die Heimleitungen hätten ebenfalls kein Interesse an negativen Schlagzeilen über ihre Einrichtungen.

          Besonders schlecht zu sprechen ist der „Open Doors“-Leiter auf die beiden großen Kirchen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hatte jüngst erklärt, bei den Übergriffen auf Christen handele es sich nach seinem Kenntnisstand um kein flächendeckendes Problem. Rode erzürnen solche Einlassungen. „Ich würde mir wünschen, dass Bedford-Strohm nicht nur vor Kameras steht, sondern sich mit den Opfern selbst ein Bild macht.“ Stattdessen seien die „Großkirchen“ vornehmlich damit beschäftigt, abzuwiegeln. Weil man Muslime auf keinen Fall unter einen Generalverdacht stellen wolle, werde die Situation der Christen von ihnen „vertuscht“ und „verharmlost“.

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