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Flüchtlingskrise : Ein Riss geht durchs Dorf

  • -Aktualisiert am

Die Unterkunft für Flüchtlinge in Winden am Aign. Bild: Tobias Schmitt

In jedem Ort in Deutschland, in dem Asylbewerber unterkommen, findet sich eine Schar von Ehrenamtlichen, die sich um sie kümmern. Ohne die Helfer ginge es nicht. Durch manchen Ort aber geht ein Riss. Ein Besuch in Winden.

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          Aus dem großen, weißen Gebäude dringen leise arabische Gesänge. Auch der süße Geruch einer Wasserpfeife liegt in der Luft. Drinnen, im Erdgeschoss, in einem Raum vollgestopft mit Kinderwagen, Kleidern und Toilettenpapier, sitzen in einem großen Kreis rund ein Dutzend Leute. Es wird durcheinandergeredet und immer wieder in unterschiedliche Sprachen übersetzt. Etwa die Hälfte hier am Tisch sind Asylbewerber, ihnen gegenüber sitzen einige ehrenamtliche Helfer. Es ist der harte Kern der etwa siebzig Personen, davon fünfzig aus dem Ort, die sich hier in der Flüchtlingsbetreuung engagieren. Wie an Tausenden Orten in Deutschland bieten Helfer auch in Winden Sprachkurse, Filmabende, Hilfe bei Behördengängen oder Arztbesuchen, Fahrradkurse, Kinderbetreuung und vieles mehr an.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Ohne sie wären Flüchtlingsunterkünfte nur eine Behausung. Auch die Unterkunft in Winden. Aber Winden ist doch anders. Denn wenn die Helfer aus dem Fenster blicken, schauen sie auf ein eingeschossiges Nebengebäude, das in einer Julinacht lichterloh brannte. Brandbeschleuniger wurde gefunden. Im Rathaus der Gemeinde hängt noch das Fahndungsplakat. 10.000 Euro Belohnung sind ausgesetzt, bisher ohne Ergebnis. Aber seither geht ein Riss durch den Ort.

          Im Frühjahr hatten sich viele der knapp 850 Einwohner in dem kleinen Ort rund eine Autostunde nördlich von München gegen die Unterbringung von, wie es anfangs hieß, rund 130 Flüchtlingen gewehrt. „Wir brauchen keine 131 Asylanten“, stand auf Schildern gegenüber der Asylunterkunft. „30 Asylbewerber sind genug. Winden wehrt sich.“ Bald fanden Anwohner Flugblätter der NPD in ihren Briefkästen. Dann brannte ein Teil der noch unbewohnten Unterkunft. „Jetzt erst recht“, hieß es danach von der Politik. Später fanden viele Leute Flugblätter im Briefkasten, auf denen protestierende Anwohner abgebildet waren. „Die (geistigen) Brandstifter von Winden“, stand darüber geschrieben. Von „Rufmord“ ist seitdem im Ort die Rede.

          „Mei, die san halt jetzt do“

          Seit rund sechs Wochen sind nun 67 Asylbewerber im früheren Gasthof an der Hauptstraße untergebracht. Und seitdem wollen diejenigen, die sich gegen eine Unterbringung von über hundert Flüchtlingen wandten, nicht mehr viel sagen. Sie hätten ihr Ziel erreicht. Es seien nun ja weniger Flüchtlinge als geplant. Und: „Mei, die san halt jetzt do“, sagt Werner Klein. Klein ist Schreiner und führte einst den Protest im Dorf an. Viel will auch er nicht sagen. Im Frühjahr fand er, 67 seien immer noch deutlich zu viele Flüchtlinge. Auf die Kriminalität wurde von einigen im Dorf damals verwiesen. Auf angeblich sinkende Immobilienpreise.

          Manche wie Klein formulierten damals ihre Vorbehalte vorsichtig. Andere weniger. In Tröglitz, wo in diesem Jahr die erste Unterkunft gebrannt hatte, habe man sich ja auch nicht alles gefallen lassen, hatte ein Rentner aus dem Ort der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor dem Anschlag gesagt. Er habe in Deutschland „keine Türken gebraucht, keine Italiener und auch keine Asylanten“.

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