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Ausreise aus Ungarn : Ungarn stoppt Flüchtlingstransporte an die Grenze

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Sie kamen in Bussen nach Nickelsdorf. Wie weitere Flüchtlinge aus Budapest nach Österreich gelangen sollen, ist zur Stunde unklar. Bild: AFP

Budapest schickt keine weiteren Busse mit Flüchtlingen mehr Richtung Westen. Die Regierung spricht von einer einmaligen Aktion. Ein erster Sonderzug ist derweil in Salzburg angekommen.

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          Ein Sonderzug mit etwa 450 Flüchtlingen ist am Samstag in Salzburg angekommen. Der aus Ungarn kommende Zug sei gegen 10.50 Uhr eingetroffen, wie ein Polizeisprecher vor Ort der Deutschen Presse-Agentur sagte.

          Salzburg liegt direkt an der Grenze zu Deutschland. Der Zug sollte nur kurze Zeit am Bahnhof halten und dann nach München weiterfahren. Etliche Flüchtlinge wurden von Passanten mit Getränken und Kleidern versorgt.

          Dem Polizeisprecher zufolge wollten keine Flüchtlinge in Salzburg bleiben, sondern alle nach Deutschland weiterreisen. Im Untergeschoss des Bahnhofes standen dutzende Feldbetten bereit, die aber nicht gebraucht wurden. Die Situation am Bahnhof wurde allgemein als ruhig beschrieben.

          Ungarn hat derweil den Bustransport von Flüchtlingen an die österreichische Grenze eingestellt. Das sagte Regierungssprecher Zoltan Kovacs am Samstag am Grenzübergang Hegyeshalom, wie die ungarische Nachrichtenagentur MTI meldete.

          Die am Freitag im Einvernehmen mit Österreich und Deutschland gestartete Transportaktion per Bus sei einmalig gewesen. Ziel sei gewesen, eine Notsituation zu vermeiden. Ab sofort aber stünden keine Busse mehr zur Verfügung.

          In der Nacht zum Samstag hatten nach offiziellen ungarischen Angaben 90 Busse insgesamt 4500 Flüchtlinge nach Hegyeshalom gebracht. Österreichs Behörden stellten sich auf bis zu 10.000 Flüchtlinge ein.

          Tausende Flüchtlinge warten in den frühen Morgenstunden am Samstag in Bussen vor dem Ostbahnhof in Budapest. Bilderstrecke
          Tausende Flüchtlinge warten in den frühen Morgenstunden am Samstag in Bussen vor dem Ostbahnhof in Budapest. :

          Nach Informationen des Magazins „Spiegel“ hat Deutschland dieses Jahr schon mehr als 10.000 Menschen abgeschoben. Damit seien bereits mehr Ausländer zum Verlassen Deutschlands gezwungen worden als im gesamten vergangenen Jahr, berichtete das Magazin am Samstag unter Berufung auf Bund- und Länder-Angaben. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte, ihm lägen aktuelle Zahlen nicht vor. Bis Ende Juni seien 8178 Menschen abgeschoben worden.

          Nach tagelangem Warten und Auseinandersetzungen mit der ungarischen Polizei  waren In den frühen Morgenstunden bereits 4000 Menschen nahe der Ortschaft Nickelsdorf über die österreichische Grenze gekommen. Viele von ihnen hatten Deutschland als Ziel gennant.

          Überraschend hatten in der Nacht die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge in Richtung Österreich und Deutschland ausreisen dürfen. Auf ungarischer Seite werden die meisten Flüchtlinge nun mit Bussen an die Grenze gefahren, bevor sie auf der österreichischen Seite von Helfern mit Wasser und Nahrungsmitteln versorgt werden. Die österreichische Polizei beklagt die mangelnde Kooperation Ungarns beim Weitertransport. Man habe die Polizei im Grenzort Hegyeshalom vergeblich gebeten, die ungarischen Busse bis in den österreichischen Grenzort Nickelsdorf fahren zu lassen, berichtete der Landespolizeidirektor Hans Peter Doskozil der österreichischen Nachrichtenagentur APA.

          Die Regierungen in Wien und Berlin hatten sich darauf geeinigt, den Flüchtlingen die Einreise zu gewähren. „Wir sind glücklich. Wir werden nach Deutschland gehen“, sagte ein Syrer bei der Ankunft.

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          Der erste Bus mit Flüchtlingen war am frühen Morgen an der österreichischen Grenze angekommen, wie die ungarische Nachrichtenagentur MTI berichtete. Dort hätten Österreicher sie mit Applaus, Willkommensplakaten und Essen erwartet. Der Bus kam aus Zsambek, 33 Kilometer westlich von Budapest, wo besonders misstrauische Flüchtlinge zu Fuß Richtung Westen unterwegs waren. Sie ließen von mehreren zur Verfügung stehenden Bussen nur einen einzigen losfahren – unter der Bedingung, dass auch Journalisten oder Aktivisten mitfahren. Sie hatten Angst, dass die Regierung sie wieder in ein ungarisches Flüchtlingslager bringen wolle anstatt an die Westgrenze. Nachdem sie erfahren hatten, dass der erste Bus an der österreichischen Grenze angekommen war, folgten sie in weiteren zehn Bussen.

          Die ungarische Regierung hatte 100 Busse bereitgestellt. Die meisten waren für die Menschen am Budapester Ostbahnhof im Einsatz. Die Regierungen Österreichs und Deutschlands verständigten sich darauf, die Migranten einreisen zu lassen.

          In Ungarn wollte zunächst niemand der Flüchtlinge so recht glauben, dass die Busse wirklich zur Grenze fahren würden. „Vielleicht ist das nur wieder so ein Trick, um uns in ein Lager zu verfrachten“, sagte ein junger Syrer in Budapest. Doch als sich der Konvoi in Bewegung setzte, sprangen schließlich auch er und seine zwei Weggefährten in einen der Busse der Budapester Verkehrsbetriebe. Einige ungarische Nachtschwärmer winkten den Abreisenden hinterher. Nicht wenige waren offensichtlich froh, die Fremden ziehen zu sehen. Doch es gab auch herzliche Abschiedsszenen zwischen Flüchtlingen und freiwilligen Helfern.

          In Zsambek hatten Hunderte Flüchtlinge Rast gemacht, die zuvor zu Fuß aus Budapest Richtung Westgrenze aufgebrochen waren. Am Donnerstag hatten Ungarns Behörden Flüchtlinge in einen vermeintlich zur Grenze fahrenden Zug gelockt, der dann von der Polizei in der Nähe eines Flüchtlingslagers gestoppt wurde, wohin die Migranten gegen deren Willen gebracht werden sollten.

          Nach geltenden Regeln ist das Land für einen Flüchtling zuständig, in dem er zum ersten Mal den Boden der EU betritt. Die ungarische Regierung hatte zunächst versprochen, sich an die Vereinbarungen zu halten und tagelang Züge nach Deutschland und Österreich gestrichen. Die konservative ungarische Regierung macht Deutschland für die Lage verantwortlich, weil es versprochen hat, keine Syrer in andere EU-Staaten zurückzuschicken. Die Bundesregierung hat die Kritik zurückgewiesen.

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