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Auf dem Flüchtlingstreck : Schlag nach bei Facebook

Bloß nicht ausgehen: Denn wenn das Handy keinen Strom mehr hat, sind die Flüchtlinge blind. Nur auf dem Smartphone können sie nachschauen, wo sie sind, wo sie hin müssen und wo sich ihre Freunde aufhalten. Bild: Reuters

Wie viel für einen Schlepper von Ungarn nach Österreich bezahlen? Wie auf die Polizei reagieren? Im Internet finden Flüchtlinge alle Informationen – und viele Gerüchte.

          6 Min.

          Wer als Flüchtling nach Europa will, braucht nur bei Facebook reinzuschauen. Da steht alles Wichtige drin. Zum Beispiel in der arabischsprachigen Gruppe „Stationen für Leute, die nicht wissen, wohin sie gehen“. Sie hat über hunderttausend Mitglieder, die sich im Minutentakt gegenseitig informieren: über neue Entwicklungen an den Grenzen, über Flüchtlingsrouten, über die Preise der Schlepper. Als Ungarn vor wenigen Tagen seine Grenze zu Serbien dichtmachte, verbreitete ein Nutzer mit dem Namen Juan einen Screenshot seines Handybildschirms. Darauf abgebildet: der Weg von der serbischen Hauptstadt Belgrad über die kroatische Grenze. Juan schreibt dazu: „Wir sind wieder unterwegs. Es geht nach Sid, in Kroatien. Ich zeige euch später genau, wie man hinkommt, aber lasst uns erst mal ankommen.“ Darunter hat Abod einen Kommentar hinterlassen: „Wir sind gespannt auf die Infos. Bitte vergiss nicht, alles schnell aufzuschreiben.“

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Einen Tag später hat ein anderer das dann getan. Er erklärt Schritt für Schritt, wie man an Ungarn vorbei nach Österreich kommt. Von Belgrad den Zug nach Sombor nehmen, Kosten: ungefähr 30 Euro, Dauer: acht Stunden. Dann mit dem Zug über die kroatische Grenze, nach Osijek. Von dort nach Zagreb, nach Maribor in Slowenien, anschließend weiter nach Graz. Eine Karte mit Pfeilen und arabischen Städtenamen zeigt, wo die Reise langgeht. „Wenn ihr erst mal in Österreich seid und clever seid“, schreibt der Mann, „könnt ihr nach Deutschland gehen oder wohin auch immer ihr wollt. Wenn nicht, wird euch die Polizei festnehmen. Dann müsst ihr in Österreich bleiben.“

          Flüchtlingskrise : Lage an den Grenzen spitzt sich weiter zu

          „Geht nach links, bis keine Soldaten mehr da sind“

          Diese Wegbeschreibung ist noch eine der kürzeren auf Facebook. Denn die Flüchtlinge reisen erst seit wenigen Tagen über Kroatien. Sie kennen noch nicht alle Tricks. Die anderen Routen haben sie dagegen lückenlos dokumentiert. Welche Busse und Züge man nehmen muss und wie viel sie kosten. Was man für die Taxis höchstens bezahlen sollte. An welchen Orten sie warten. Welche Hotels billig sind und bequem. Wo man sein Handy aufladen kann. Wo Polizisten lauern. Und wo man Bettzeug bekommt, um im Wald zu schlafen. Da gebe es ein Geschäft in der griechischen Hafenstadt Thessaloniki, schreibt ein Khalid, gleich links hinter dem Hauptbahnhof. „Einfach nach Maria fragen. Die hat das Billigste vom Billigsten.“ Außerdem empfiehlt er, serbischen Polizisten Geld zuzustecken, das erleichtere die weitere Reise sehr. Höchstens aber 500 Euro – „alles drüber ist Wucher“.

          Kartenmaterial: Für wichtige Informationen gilt unter Flüchtlingen eine einfache Regel: Screenshots machen, bei Facebook reinstellen. Dann wissen alle anderen auch Bescheid. So verbreiten die Flüchtlinge zum Beispiel vielversprechende Routen. Manche rufen aber auch um Hilfe. Etwa, wenn ihr Boot gesunken ist.
          Kartenmaterial: Für wichtige Informationen gilt unter Flüchtlingen eine einfache Regel: Screenshots machen, bei Facebook reinstellen. Dann wissen alle anderen auch Bescheid. So verbreiten die Flüchtlinge zum Beispiel vielversprechende Routen. Manche rufen aber auch um Hilfe. Etwa, wenn ihr Boot gesunken ist. : Bild: Screenshots

          Den Weg über die nun abgeriegelte Grenze nach Ungarn schildert Khalid wie ein Krimiautor: Sobald die Dämmerung einsetzt, geht es vom serbischen Ort Kanjiza am Fluss entlang. Links liegt die Straße, rechts Wald. „Lauft, bis es dunkel ist oder in Ferne ein Grenzpfahl auftaucht. Dort stehen ungarische Soldaten und mehrere Wasserwerfer. Geht nach links, bis keine Soldaten mehr da sind, dann in den Wald, über einen Trampelpfad und einen Friedhof bis ins nächste Dorf. Die Taxifahrer stehen schon bereit, um euch nach Budapest zu bringen. Das sind zwar alles Abzocker, aber ihr habt keine Wahl. Wenn ihr nicht mitfahrt, holen sie die Polizei.“ Khalid ist Syrer, und lebt mittlerweile selbst in Deutschland. Auf seinem Titelbild posiert er vor dem Kugelbrunnen in der Gießener Innenstadt. Das Foto beweist: Er hat es geschafft. Jetzt sollen seine Freunde auch was davon haben.

          Deswegen erklärt er ihnen, wie sie am besten nach Europa kommen. So ist das oft. Ungefähr die Hälfte aller Nachrichten bei Facebook stammt von Flüchtlingen, die ihr Reiseziel erreicht haben und nun den anderen zeigen, wie das geht. Den Rest schreiben die Leute unterwegs, auf dem Handy. Sie schreiben im Zug, im Bus oder auf Booten im Mittelmeer. Sie teilen aber nicht nur ihre Routen mit, sondern stellen auch Videos online, zum Beispiel von Ausschreitungen an der ungarischen Grenze. Sie diskutieren über jede Nachricht, die sie in die Finger bekommen können. Und manchmal rufen sie um Hilfe. Am Donnerstag verbreitete jemand ein Foto von einer Karte bei Googlemaps. Man sieht ein blaues GPS-Signal vor blauem Hintergrund. Sonst nichts. Da, wo normalerweise der Name irgendeines Ortes steht, ist nur eine Positionsangabe. Soundso viel Grad Ost, soundso viel Grad West. Der Text dazu: „Bitte helft uns! Unser Boot ist gerade untergegangen. Kann jemand die Küstenwache anrufen?“

          Die Sache mit den Fingerabdrücken

          In wenigen Minuten kommentierten Hunderte das Bild. Manche schrieben nur: Möge Gott euch helfen. Andere wollten wissen: Wo seid ihr genau, ist irgendeine Insel in der Nähe? Einer listete in seiner Verzweiflung auf, was Flüchtlinge bei der Fahrt übers Mittelmeer beachten sollten. Erstens, sie brauchen GPS. Zweitens, genügend Schwimmwesten. Drittens sollte jemand mitkommen, der flüssig Englisch spricht. Und viertens sollte jemand folgenden Text in sein Handy einspeichern, um ihn im Notfall an die Küstenwache zu schicken: „Please help me as you can, we are 50 people children and women in the boat in the sea between Turkey and Greece and this is my location... Please hurry up.“ Den Flüchtlingen, die im Mittelmeer um ihr Leben schwammen, brachte das nichts mehr. Sie wurden aber trotzdem gerettet. Auch das stand später in den Kommentaren. Außerdem machte ein Mann namens Rafee noch Werbung für ein Medikament gegen Seekrankheit. Das Foto der Packung lieferte er gleich mit.

          Oft tauschen die Flüchtlinge solche allgemeinen Informationen aus. Zum Beispiel, wie das mit den Fingerabdrücken ist. Die müssen sie abgeben, wenn sie von der Polizei gefasst werden und Pech haben. Allerdings gibt es zwei Arten von Fingerabdrücken. Den Unterschied kennen die Flüchtlinge genau. Nummer eins: für die Flüchtlingskartei. Nummer zwei: für die Kriminellenkartei. Wer in einem Land Fingerabdrücke als Flüchtling hinterlassen muss, kann wegen des Dublin-Abkommens wieder dahin zurückgeschickt werden, selbst wenn er später woanders Asyl beantragt. Wer sie als „Krimineller“ hinterlässt, hat das Problem nicht. Die ersten Fragen im Netz, nachdem Ungarn die Grenze zu Serbien geschlossen hatte, lauteten deshalb: Muss man in Kroatien Fingerabdrücke abgeben, und wenn ja, welche Sorte?

          Abobadi stellte diese Frage auch für Deutschland. Eigentlich sei er auf dem Weg nach Holland. „Aber die Deutschen haben unsere Fingerabdrücke genommen, von allen zehn Fingern. War das für die Flüchtlings- oder Kriminellenkartei?“ Die Antwort: „Keine Sorge. Meine Cousins haben im Dezember ihre Fingerabdrücke in Deutschland hinterlassen. In Schweden haben sie es den Polizisten dann gesagt. Aber die meinten: kein Problem. Ihr könnt trotzdem hier bleiben.“

          Gerüchte und Informationen gemischt

          Der Vorteil für die Flüchtlinge ist: Facebook legt ihnen keinerlei Beschränkungen auf. Sie können sich über alles austauschen. Das einzige Kriterium: Es muss interessant sein. Wenn viele Leute auf „Gefällt mir“ drücken, wandern die Beiträge nach oben, sonst eben nicht. So bekommen auch kuriose Geschichten Aufmerksamkeit. Zum Beispiel die eines Journalisten, der beweisen wollte, wie leicht man sich als Syrer ausgeben kann. Dazu stellte er dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte syrische Passdokumente aus. Das dauerte ungefähr 40 Stunden, und kostete 800 Dollar. Die Kommentare darunter: „Gut für den Journalisten, dann kann er seine Familie nachholen! :)“. Und: „Seid nicht überrascht. Bald sind auch Barack Obama und Ban Ki-Moon Syrer.“

          Oder eine Statistik, welche Flüchtlinge eigentlich nach Deutschland kommen: Von 5470 Leuten, die sich als Syrer ausgeben, seien 2430 aus dem Irak, 600 aus dem Libanon, 160 aus Palästina, 120 aus Marokko, 230 aus Algerien, 460 aus Afghanisten, und so weiter und so fort. „Jedenfalls sind nur 20 Prozent Syrer. Deswegen hat Deutschland Ungarn und Österreich gebeten, jetzt die Grenzen zu schließen.“ Woher er diese Zahlen hat, schreibt der Mann nicht. Auch nicht, woher er wissen will, dass Deutschland hinter dem Stacheldraht in Ungarn steckt. Das ist typisch: Die Flüchtlinge mischen Gerüchte und Informationen oft wild durcheinander.

          Sie stehen zwischen Bildern von Kindern, die an den Küsten der Türkei angespült oder im Bombenhagel in Syrien schwer verletzt wurden. Zwischen Videos, auf denen blutüberströmte Familienväter durch Rauchschwaden laufen, ihre Kinder im Arm, irgendwo an der ungarischen Grenze. Und zwischen Bildern von endlos langen Menschentrecks, die durch kroatische Kornfelder laufen. All diese Informationen nehmen Einfluss darauf, wohin die Leute wollen und wohin sie am Ende gehen.

          Preise der Schlepper stehen bei Facebook

          Weil sich auf Facebook Hunderttausende organisieren, machen dort selbst syrische Bürgerkriegsparteien Propaganda. Es gibt unzählige Fotos von Soldaten Baschar al Assads, direkt neben Bildern vom Elend der Flüchtlinge. Die einen tragen Sonnenbrillen und posieren mit Maschinengewehren, die anderen tragen nur noch Fetzen am Leib. „Bald werden die Flüchtlinge heulen wie Weiber“, steht unter einem Bild. „Denn sie haben ihr Land im Stich gelassen.“ Zwar versuchen die Administratoren, solche Beiträge zu löschen. Aber es rutscht immer mal wieder einer durch. Der Nachrichtenstrom lässt sich kaum kontrollieren.

          Das wissen auch die Schlepper. Sie bewerben ihre Dienste ebenfalls bei Facebook und haben sofort auf die Schließung der Grenze in Ungarn reagiert. Auf der Seite „Schlepper von Serbien nach Deutschland“, 2650 Mitglieder, steht am Donnerstag folgende Nachricht: „An meine Freunde und Brüder, die nach Europa wollen. Auch nachdem Ungarn die Grenzen geschlossen hat, bieten wir weiter Reisen in jedes europäische Land an. Der Weg ist absolut sicher.“ Dazu eine türkische Telefonnummer. Die meisten Schlepper nennen die Preise gleich mit. Eine Überfahrt von der Türkei nach Griechenland kostet zwischen 1100 und 1800 Dollar, je nach Qualität des Bootes. Schlauchboote sind billiger, Fähren teurer. Kinder unter zehn Jahren bezahlen die Hälfte.

          Keine Informationen über tödliche Risiken

          Es gibt alles: Reisen mit dem Boot, zu Fuß oder im Flugzeug. Auf der Seite „Reisen nach Österreich, Holland, Dänemark und Schweden“ werden Flüge in jede europäische Stadt angeboten. Gefälschte Pässe gibt es umsonst dazu. Das Besondere an der Sache: „Ihr müsst keine Fingerabdrücke hinterlassen!“ Möglich sind Reisen vom Libanon, aus Kuweit, Iran, der Türkei und Irak. Zig Leute fragen nach, was das kosten soll. Wer sich nicht sicher ist, ob der Preis angemessen ist, kann das auf den Facebookseiten für Flüchtlinge nachprüfen. Da steht zum Beispiel, dass eine Fahrt von Ungarn nach Österreich in einem Van oder Lastwagen 250 Euro kostet, nach Deutschland nicht mehr als 400 Euro. Und auch, wie man die Schleuser kontaktiert. Man muss nur ein bestimmtes Hotel in Budapest buchen. Die Schlepper kommen dann dahin. „Also legt euch nicht schlafen.“

          Natürlich könne man auch einen Zug vom Hauptbahnhof in Budapest nehmen, schreibt der Nutzer. Sie fahren an jeden beliebigen Ort in Österreich oder Deutschland. „Aber ihr müsst aufpassen: Auch hier kann euch die ungarische Polizei noch festnehmen. Um das zu vermeiden, dürft ihr den Polizisten keine Beachtung schenken. Ihr müsst so tun, als wären sie euch egal. Verhaltet euch einfach wie Europäer.“

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