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Auf dem Flüchtlingstreck : Schlag nach bei Facebook

Bloß nicht ausgehen: Denn wenn das Handy keinen Strom mehr hat, sind die Flüchtlinge blind. Nur auf dem Smartphone können sie nachschauen, wo sie sind, wo sie hin müssen und wo sich ihre Freunde aufhalten. Bild: Reuters

Wie viel für einen Schlepper von Ungarn nach Österreich bezahlen? Wie auf die Polizei reagieren? Im Internet finden Flüchtlinge alle Informationen – und viele Gerüchte.

          Wer als Flüchtling nach Europa will, braucht nur bei Facebook reinzuschauen. Da steht alles Wichtige drin. Zum Beispiel in der arabischsprachigen Gruppe „Stationen für Leute, die nicht wissen, wohin sie gehen“. Sie hat über hunderttausend Mitglieder, die sich im Minutentakt gegenseitig informieren: über neue Entwicklungen an den Grenzen, über Flüchtlingsrouten, über die Preise der Schlepper. Als Ungarn vor wenigen Tagen seine Grenze zu Serbien dichtmachte, verbreitete ein Nutzer mit dem Namen Juan einen Screenshot seines Handybildschirms. Darauf abgebildet: der Weg von der serbischen Hauptstadt Belgrad über die kroatische Grenze. Juan schreibt dazu: „Wir sind wieder unterwegs. Es geht nach Sid, in Kroatien. Ich zeige euch später genau, wie man hinkommt, aber lasst uns erst mal ankommen.“ Darunter hat Abod einen Kommentar hinterlassen: „Wir sind gespannt auf die Infos. Bitte vergiss nicht, alles schnell aufzuschreiben.“

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Einen Tag später hat ein anderer das dann getan. Er erklärt Schritt für Schritt, wie man an Ungarn vorbei nach Österreich kommt. Von Belgrad den Zug nach Sombor nehmen, Kosten: ungefähr 30 Euro, Dauer: acht Stunden. Dann mit dem Zug über die kroatische Grenze, nach Osijek. Von dort nach Zagreb, nach Maribor in Slowenien, anschließend weiter nach Graz. Eine Karte mit Pfeilen und arabischen Städtenamen zeigt, wo die Reise langgeht. „Wenn ihr erst mal in Österreich seid und clever seid“, schreibt der Mann, „könnt ihr nach Deutschland gehen oder wohin auch immer ihr wollt. Wenn nicht, wird euch die Polizei festnehmen. Dann müsst ihr in Österreich bleiben.“

          „Geht nach links, bis keine Soldaten mehr da sind“

          Diese Wegbeschreibung ist noch eine der kürzeren auf Facebook. Denn die Flüchtlinge reisen erst seit wenigen Tagen über Kroatien. Sie kennen noch nicht alle Tricks. Die anderen Routen haben sie dagegen lückenlos dokumentiert. Welche Busse und Züge man nehmen muss und wie viel sie kosten. Was man für die Taxis höchstens bezahlen sollte. An welchen Orten sie warten. Welche Hotels billig sind und bequem. Wo man sein Handy aufladen kann. Wo Polizisten lauern. Und wo man Bettzeug bekommt, um im Wald zu schlafen. Da gebe es ein Geschäft in der griechischen Hafenstadt Thessaloniki, schreibt ein Khalid, gleich links hinter dem Hauptbahnhof. „Einfach nach Maria fragen. Die hat das Billigste vom Billigsten.“ Außerdem empfiehlt er, serbischen Polizisten Geld zuzustecken, das erleichtere die weitere Reise sehr. Höchstens aber 500 Euro – „alles drüber ist Wucher“.

          Kartenmaterial: Für wichtige Informationen gilt unter Flüchtlingen eine einfache Regel: Screenshots machen, bei Facebook reinstellen. Dann wissen alle anderen auch Bescheid. So verbreiten die Flüchtlinge zum Beispiel vielversprechende Routen. Manche rufen aber auch um Hilfe. Etwa, wenn ihr Boot gesunken ist.

          Den Weg über die nun abgeriegelte Grenze nach Ungarn schildert Khalid wie ein Krimiautor: Sobald die Dämmerung einsetzt, geht es vom serbischen Ort Kanjiza am Fluss entlang. Links liegt die Straße, rechts Wald. „Lauft, bis es dunkel ist oder in Ferne ein Grenzpfahl auftaucht. Dort stehen ungarische Soldaten und mehrere Wasserwerfer. Geht nach links, bis keine Soldaten mehr da sind, dann in den Wald, über einen Trampelpfad und einen Friedhof bis ins nächste Dorf. Die Taxifahrer stehen schon bereit, um euch nach Budapest zu bringen. Das sind zwar alles Abzocker, aber ihr habt keine Wahl. Wenn ihr nicht mitfahrt, holen sie die Polizei.“ Khalid ist Syrer, und lebt mittlerweile selbst in Deutschland. Auf seinem Titelbild posiert er vor dem Kugelbrunnen in der Gießener Innenstadt. Das Foto beweist: Er hat es geschafft. Jetzt sollen seine Freunde auch was davon haben.

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