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Auf dem Flüchtlingstreck : Schlag nach bei Facebook

Oder eine Statistik, welche Flüchtlinge eigentlich nach Deutschland kommen: Von 5470 Leuten, die sich als Syrer ausgeben, seien 2430 aus dem Irak, 600 aus dem Libanon, 160 aus Palästina, 120 aus Marokko, 230 aus Algerien, 460 aus Afghanisten, und so weiter und so fort. „Jedenfalls sind nur 20 Prozent Syrer. Deswegen hat Deutschland Ungarn und Österreich gebeten, jetzt die Grenzen zu schließen.“ Woher er diese Zahlen hat, schreibt der Mann nicht. Auch nicht, woher er wissen will, dass Deutschland hinter dem Stacheldraht in Ungarn steckt. Das ist typisch: Die Flüchtlinge mischen Gerüchte und Informationen oft wild durcheinander.

Sie stehen zwischen Bildern von Kindern, die an den Küsten der Türkei angespült oder im Bombenhagel in Syrien schwer verletzt wurden. Zwischen Videos, auf denen blutüberströmte Familienväter durch Rauchschwaden laufen, ihre Kinder im Arm, irgendwo an der ungarischen Grenze. Und zwischen Bildern von endlos langen Menschentrecks, die durch kroatische Kornfelder laufen. All diese Informationen nehmen Einfluss darauf, wohin die Leute wollen und wohin sie am Ende gehen.

Preise der Schlepper stehen bei Facebook

Weil sich auf Facebook Hunderttausende organisieren, machen dort selbst syrische Bürgerkriegsparteien Propaganda. Es gibt unzählige Fotos von Soldaten Baschar al Assads, direkt neben Bildern vom Elend der Flüchtlinge. Die einen tragen Sonnenbrillen und posieren mit Maschinengewehren, die anderen tragen nur noch Fetzen am Leib. „Bald werden die Flüchtlinge heulen wie Weiber“, steht unter einem Bild. „Denn sie haben ihr Land im Stich gelassen.“ Zwar versuchen die Administratoren, solche Beiträge zu löschen. Aber es rutscht immer mal wieder einer durch. Der Nachrichtenstrom lässt sich kaum kontrollieren.

Das wissen auch die Schlepper. Sie bewerben ihre Dienste ebenfalls bei Facebook und haben sofort auf die Schließung der Grenze in Ungarn reagiert. Auf der Seite „Schlepper von Serbien nach Deutschland“, 2650 Mitglieder, steht am Donnerstag folgende Nachricht: „An meine Freunde und Brüder, die nach Europa wollen. Auch nachdem Ungarn die Grenzen geschlossen hat, bieten wir weiter Reisen in jedes europäische Land an. Der Weg ist absolut sicher.“ Dazu eine türkische Telefonnummer. Die meisten Schlepper nennen die Preise gleich mit. Eine Überfahrt von der Türkei nach Griechenland kostet zwischen 1100 und 1800 Dollar, je nach Qualität des Bootes. Schlauchboote sind billiger, Fähren teurer. Kinder unter zehn Jahren bezahlen die Hälfte.

Keine Informationen über tödliche Risiken

Es gibt alles: Reisen mit dem Boot, zu Fuß oder im Flugzeug. Auf der Seite „Reisen nach Österreich, Holland, Dänemark und Schweden“ werden Flüge in jede europäische Stadt angeboten. Gefälschte Pässe gibt es umsonst dazu. Das Besondere an der Sache: „Ihr müsst keine Fingerabdrücke hinterlassen!“ Möglich sind Reisen vom Libanon, aus Kuweit, Iran, der Türkei und Irak. Zig Leute fragen nach, was das kosten soll. Wer sich nicht sicher ist, ob der Preis angemessen ist, kann das auf den Facebookseiten für Flüchtlinge nachprüfen. Da steht zum Beispiel, dass eine Fahrt von Ungarn nach Österreich in einem Van oder Lastwagen 250 Euro kostet, nach Deutschland nicht mehr als 400 Euro. Und auch, wie man die Schleuser kontaktiert. Man muss nur ein bestimmtes Hotel in Budapest buchen. Die Schlepper kommen dann dahin. „Also legt euch nicht schlafen.“

Natürlich könne man auch einen Zug vom Hauptbahnhof in Budapest nehmen, schreibt der Nutzer. Sie fahren an jeden beliebigen Ort in Österreich oder Deutschland. „Aber ihr müsst aufpassen: Auch hier kann euch die ungarische Polizei noch festnehmen. Um das zu vermeiden, dürft ihr den Polizisten keine Beachtung schenken. Ihr müsst so tun, als wären sie euch egal. Verhaltet euch einfach wie Europäer.“

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