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Auf dem Flüchtlingstreck : Schlag nach bei Facebook

Deswegen erklärt er ihnen, wie sie am besten nach Europa kommen. So ist das oft. Ungefähr die Hälfte aller Nachrichten bei Facebook stammt von Flüchtlingen, die ihr Reiseziel erreicht haben und nun den anderen zeigen, wie das geht. Den Rest schreiben die Leute unterwegs, auf dem Handy. Sie schreiben im Zug, im Bus oder auf Booten im Mittelmeer. Sie teilen aber nicht nur ihre Routen mit, sondern stellen auch Videos online, zum Beispiel von Ausschreitungen an der ungarischen Grenze. Sie diskutieren über jede Nachricht, die sie in die Finger bekommen können. Und manchmal rufen sie um Hilfe. Am Donnerstag verbreitete jemand ein Foto von einer Karte bei Googlemaps. Man sieht ein blaues GPS-Signal vor blauem Hintergrund. Sonst nichts. Da, wo normalerweise der Name irgendeines Ortes steht, ist nur eine Positionsangabe. Soundso viel Grad Ost, soundso viel Grad West. Der Text dazu: „Bitte helft uns! Unser Boot ist gerade untergegangen. Kann jemand die Küstenwache anrufen?“

Die Sache mit den Fingerabdrücken

In wenigen Minuten kommentierten Hunderte das Bild. Manche schrieben nur: Möge Gott euch helfen. Andere wollten wissen: Wo seid ihr genau, ist irgendeine Insel in der Nähe? Einer listete in seiner Verzweiflung auf, was Flüchtlinge bei der Fahrt übers Mittelmeer beachten sollten. Erstens, sie brauchen GPS. Zweitens, genügend Schwimmwesten. Drittens sollte jemand mitkommen, der flüssig Englisch spricht. Und viertens sollte jemand folgenden Text in sein Handy einspeichern, um ihn im Notfall an die Küstenwache zu schicken: „Please help me as you can, we are 50 people children and women in the boat in the sea between Turkey and Greece and this is my location... Please hurry up.“ Den Flüchtlingen, die im Mittelmeer um ihr Leben schwammen, brachte das nichts mehr. Sie wurden aber trotzdem gerettet. Auch das stand später in den Kommentaren. Außerdem machte ein Mann namens Rafee noch Werbung für ein Medikament gegen Seekrankheit. Das Foto der Packung lieferte er gleich mit.

Oft tauschen die Flüchtlinge solche allgemeinen Informationen aus. Zum Beispiel, wie das mit den Fingerabdrücken ist. Die müssen sie abgeben, wenn sie von der Polizei gefasst werden und Pech haben. Allerdings gibt es zwei Arten von Fingerabdrücken. Den Unterschied kennen die Flüchtlinge genau. Nummer eins: für die Flüchtlingskartei. Nummer zwei: für die Kriminellenkartei. Wer in einem Land Fingerabdrücke als Flüchtling hinterlassen muss, kann wegen des Dublin-Abkommens wieder dahin zurückgeschickt werden, selbst wenn er später woanders Asyl beantragt. Wer sie als „Krimineller“ hinterlässt, hat das Problem nicht. Die ersten Fragen im Netz, nachdem Ungarn die Grenze zu Serbien geschlossen hatte, lauteten deshalb: Muss man in Kroatien Fingerabdrücke abgeben, und wenn ja, welche Sorte?

Abobadi stellte diese Frage auch für Deutschland. Eigentlich sei er auf dem Weg nach Holland. „Aber die Deutschen haben unsere Fingerabdrücke genommen, von allen zehn Fingern. War das für die Flüchtlings- oder Kriminellenkartei?“ Die Antwort: „Keine Sorge. Meine Cousins haben im Dezember ihre Fingerabdrücke in Deutschland hinterlassen. In Schweden haben sie es den Polizisten dann gesagt. Aber die meinten: kein Problem. Ihr könnt trotzdem hier bleiben.“

Gerüchte und Informationen gemischt

Der Vorteil für die Flüchtlinge ist: Facebook legt ihnen keinerlei Beschränkungen auf. Sie können sich über alles austauschen. Das einzige Kriterium: Es muss interessant sein. Wenn viele Leute auf „Gefällt mir“ drücken, wandern die Beiträge nach oben, sonst eben nicht. So bekommen auch kuriose Geschichten Aufmerksamkeit. Zum Beispiel die eines Journalisten, der beweisen wollte, wie leicht man sich als Syrer ausgeben kann. Dazu stellte er dem niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte syrische Passdokumente aus. Das dauerte ungefähr 40 Stunden, und kostete 800 Dollar. Die Kommentare darunter: „Gut für den Journalisten, dann kann er seine Familie nachholen! :)“. Und: „Seid nicht überrascht. Bald sind auch Barack Obama und Ban Ki-Moon Syrer.“

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