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An der Grenze zu Österreich : Die Katastrophe als Dauerzustand

Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze Bild: dpa

Im bayerischen Wegscheid schüttelt man den Kopf beim Blick nach Österreich, von wo weiterhin Tausende Flüchtlinge kommen. Jeder hier sehnt sich nach jenem Satz aus Berlin: Mehr geht nicht.

          Will, Jauch, Lanz, alle wollen ihn haben. Aber was solle er da oben, fragt Franz Meyer. In diesen Talkshows. Reine Zeitverschwendung. Lieber telefoniert der Landrat des Landkreises Passau in der Zeit mit der Bundeswehr, um sie davon zu überzeugen, dass die drei Sanitäter der Bundeswehr, die in Wegscheid in der Halle mit den Flüchtlingen im Einsatz sind, nicht abgezogen werden. Zu einer Übung sollten die Sanitäter, sagt die Bundeswehr. Als ob das in Wegscheid nicht Übung genug sei, sagt der Landrat.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wegscheid ist eine hübsche kleine Marktgemeinde an der grünen Grenze Bayerns zu Österreich. Ein Netto-Supermarkt am Ortseingang, der Rindenmulch-Verkauf direkt gegenüber, und an den gelben und roten Häusern blühen die Geranien in einer Pracht, als ginge sie der Herbst nichts an. Dass in Wegscheid nun Europa am Scheideweg ist, wie es Landrat, Bürgermeister, Kreisbrandmeister empfinden, passt zwar zum Namen des Ortes. Was damit gemeint ist, zeigt sich jedoch erst, wenn man Zwiebelturmkirche und Friedhof längst hinter sich und die hohen Tannen auf der österreichischen Seite noch vor sich hat. Hier, am Grenzübergang Wegscheid–Hanging, kommen Tag für Tag die Busse mit Flüchtlingen aus Österreich an, Dublin hin oder her, fahren die kurvige Straße durch den Wald hinunter, halten, so gerade eben noch in Österreich, an einer großen Wiese am Waldrand an und warten, bis die Dolmetscher mit den orangefarbenen Westen eingestiegen sind und die Flüchtlingen zum Aussteigen aufgefordert haben. Wenn alle draußen sind, wenden die Busse und fahren wieder zurück. Um neue Flüchtlinge aus Österreich an die Grenze zu Deutschland zu bringen. Busse, die sonst Tagesfahrten wie „Glitzernder Advent“ im Programm haben und auf denen Palmen im Sonnenuntergang gemalt sind, fahren nun zwei-, dreimal am Tag Migranten von Wien nach Wegscheid.

          Eine „humanitäre Katastrophe“

          „Österreich ist im Moment ein riesiges Busunternehmen“, schimpft der Bürgermeister von Wegscheid, Josef Lamperstorfer. Dann zeigt er auf das Zelt des österreichischen Roten Kreuzes an der Wiese, auf der sich die Flüchtlinge sammeln. Eine „reine Goodwill-Aktion“ sei das Zelt, gerade erst aufgebaut, jetzt, wo Österreich so kritisiert werde. Niemand habe das erwartet, dass das Nachbarland einfach ohne genaue Abstimmung die Leute hier abladen würde. „Und zwar unaufhörlich, die ganze Nacht durch.“ Die Menschen, die aus dem Bus steigen, strömen zunächst auf die Wiese. Hunderte sitzen schon in der Herbstsonne im Gras: Kleine Jungen laufen Bällen hinterher, lachende Väter werfen ihre Kleinkinder in die Luft, Frauen wühlen in den Taschen und Tüten nach Kekspackungen. Es sei „fast eine Hyde-Park-Stimmung“, sagt der Bürgermeister. „Aber nachts haben wir hier Minusgrade.“

          Wie in der Nacht zu Montag, als 1100 Menschen auf der Wiese warten mussten. Dann machte das Gerücht die Runde, alle Flüchtlinge müssten zurück nach Österreich. Plötzlich waren Hunderte in Bewegung, marschierten einfach los. Die Feuerwehr konnte nur noch schnell Scheinwerfer aufstellen, damit sie in der Dunkelheit nicht auf die Straße rannten. Der Bundespolizei gelang es schließlich, die Menschen zu einem Parkplatz zu leiten, das Rote Kreuz baute ein Zelt dort auf für die Kinder, die völlig entkräftet und unterkühlt waren. Vor dem Zelt hielt die Polizei die Erwachsenen dazu an, in der beißenden Kälte in Bewegung zu bleiben, so lange, bis endlich die Busse kamen. „Das darf es nicht mehr geben, das ist die humanitäre Katastrophe, die wir in anderen Ländern immer anprangern“, sagt der Bürgermeister.

          Doch es ist kein Ende in Sicht. Allein am Mittwoch kommen insgesamt 55 Busse an mit etwa 3500 Menschen. Kopfschüttelnd blickt Landrat Meyer am späten Nachmittag auf die fünf Reisebusse aus dem Nachbarland, die sich hintereinander bis in den Wald hinein stauen. Der „geordnete ungeordnete Grenzübertritt“ sei das, bestens organisiert. Wie gut, zeigt ein Warnschild des österreichischen Roten Kreuzes für die österreichischen Busfahrer, das am benachbarten Grenzübergang Wegscheidkollerschlag stand: „Wichtig!!! Transport von Flüchtlingen über Grenze verboten!! Ca. 500 Meter vor Grenze OK!“

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