https://www.faz.net/-gpf-89kns

An der Grenze zu Österreich : Die Katastrophe als Dauerzustand

Flüchtlinge an der deutsch-österreichischen Grenze Bild: dpa

Im bayerischen Wegscheid schüttelt man den Kopf beim Blick nach Österreich, von wo weiterhin Tausende Flüchtlinge kommen. Jeder hier sehnt sich nach jenem Satz aus Berlin: Mehr geht nicht.

          5 Min.

          Will, Jauch, Lanz, alle wollen ihn haben. Aber was solle er da oben, fragt Franz Meyer. In diesen Talkshows. Reine Zeitverschwendung. Lieber telefoniert der Landrat des Landkreises Passau in der Zeit mit der Bundeswehr, um sie davon zu überzeugen, dass die drei Sanitäter der Bundeswehr, die in Wegscheid in der Halle mit den Flüchtlingen im Einsatz sind, nicht abgezogen werden. Zu einer Übung sollten die Sanitäter, sagt die Bundeswehr. Als ob das in Wegscheid nicht Übung genug sei, sagt der Landrat.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Wegscheid ist eine hübsche kleine Marktgemeinde an der grünen Grenze Bayerns zu Österreich. Ein Netto-Supermarkt am Ortseingang, der Rindenmulch-Verkauf direkt gegenüber, und an den gelben und roten Häusern blühen die Geranien in einer Pracht, als ginge sie der Herbst nichts an. Dass in Wegscheid nun Europa am Scheideweg ist, wie es Landrat, Bürgermeister, Kreisbrandmeister empfinden, passt zwar zum Namen des Ortes. Was damit gemeint ist, zeigt sich jedoch erst, wenn man Zwiebelturmkirche und Friedhof längst hinter sich und die hohen Tannen auf der österreichischen Seite noch vor sich hat. Hier, am Grenzübergang Wegscheid–Hanging, kommen Tag für Tag die Busse mit Flüchtlingen aus Österreich an, Dublin hin oder her, fahren die kurvige Straße durch den Wald hinunter, halten, so gerade eben noch in Österreich, an einer großen Wiese am Waldrand an und warten, bis die Dolmetscher mit den orangefarbenen Westen eingestiegen sind und die Flüchtlingen zum Aussteigen aufgefordert haben. Wenn alle draußen sind, wenden die Busse und fahren wieder zurück. Um neue Flüchtlinge aus Österreich an die Grenze zu Deutschland zu bringen. Busse, die sonst Tagesfahrten wie „Glitzernder Advent“ im Programm haben und auf denen Palmen im Sonnenuntergang gemalt sind, fahren nun zwei-, dreimal am Tag Migranten von Wien nach Wegscheid.

          Eine „humanitäre Katastrophe“

          „Österreich ist im Moment ein riesiges Busunternehmen“, schimpft der Bürgermeister von Wegscheid, Josef Lamperstorfer. Dann zeigt er auf das Zelt des österreichischen Roten Kreuzes an der Wiese, auf der sich die Flüchtlinge sammeln. Eine „reine Goodwill-Aktion“ sei das Zelt, gerade erst aufgebaut, jetzt, wo Österreich so kritisiert werde. Niemand habe das erwartet, dass das Nachbarland einfach ohne genaue Abstimmung die Leute hier abladen würde. „Und zwar unaufhörlich, die ganze Nacht durch.“ Die Menschen, die aus dem Bus steigen, strömen zunächst auf die Wiese. Hunderte sitzen schon in der Herbstsonne im Gras: Kleine Jungen laufen Bällen hinterher, lachende Väter werfen ihre Kleinkinder in die Luft, Frauen wühlen in den Taschen und Tüten nach Kekspackungen. Es sei „fast eine Hyde-Park-Stimmung“, sagt der Bürgermeister. „Aber nachts haben wir hier Minusgrade.“

          Wie in der Nacht zu Montag, als 1100 Menschen auf der Wiese warten mussten. Dann machte das Gerücht die Runde, alle Flüchtlinge müssten zurück nach Österreich. Plötzlich waren Hunderte in Bewegung, marschierten einfach los. Die Feuerwehr konnte nur noch schnell Scheinwerfer aufstellen, damit sie in der Dunkelheit nicht auf die Straße rannten. Der Bundespolizei gelang es schließlich, die Menschen zu einem Parkplatz zu leiten, das Rote Kreuz baute ein Zelt dort auf für die Kinder, die völlig entkräftet und unterkühlt waren. Vor dem Zelt hielt die Polizei die Erwachsenen dazu an, in der beißenden Kälte in Bewegung zu bleiben, so lange, bis endlich die Busse kamen. „Das darf es nicht mehr geben, das ist die humanitäre Katastrophe, die wir in anderen Ländern immer anprangern“, sagt der Bürgermeister.

          Doch es ist kein Ende in Sicht. Allein am Mittwoch kommen insgesamt 55 Busse an mit etwa 3500 Menschen. Kopfschüttelnd blickt Landrat Meyer am späten Nachmittag auf die fünf Reisebusse aus dem Nachbarland, die sich hintereinander bis in den Wald hinein stauen. Der „geordnete ungeordnete Grenzübertritt“ sei das, bestens organisiert. Wie gut, zeigt ein Warnschild des österreichischen Roten Kreuzes für die österreichischen Busfahrer, das am benachbarten Grenzübergang Wegscheidkollerschlag stand: „Wichtig!!! Transport von Flüchtlingen über Grenze verboten!! Ca. 500 Meter vor Grenze OK!“

          Flüchtlinge müssen in Kälte ausharren

          Die Angst der Busfahrer, als Schleuser verhaftet zu werden, zwingt somit dem Landkreis das Spektakel auf, das mit sinkenden Temperaturen die „humanitäre Katastrophe“ zum Dauerzustand werden lassen könnte: Die Busse lassen die Menschen zwar noch in Österreich aussteigen, und die Fahrer weisen ihnen mit „Border, Border“-Rufen den Weg über die Grenze nach Deutschland. Was dann mit ihnen geschieht, auch wenn sie auf österreichischer Seite einfach sitzen bleiben, scheint das Nachbarland kaum zu interessieren. „Wenn die Busse schon kommen, wäre es doch am besten, sie würden direkt weiterfahren, dorthin, wo die Flüchtlinge untergebracht werden können.“ Doch so müssen alle Flüchtlinge zunächst auf der Wiese in der Kälte ausharren, bis sie von der Bundespolizei in die beheizte Wartehalle in Wegscheid gebracht werden, etwa 1,5 Kilometer entfernt.

          Dorthin machen sich am Mittwoch gegen 17.30 Uhr bei nur noch drei Grad etwa 100 Flüchtlinge auf. Ruhigen Schrittes, Plastiktüten in der Hand, die Kleinkinder in Schneeanzügen auf den Rücken gebunden, laufen Frauen und Männer in Zweierreihen hinter dem Mannschaftswagen der Bundespolizei den Weg entlang. Vorne blinkt das Blaulicht in der Dämmerung, von allen Seiten hört man Hunde aus dem Wald kläffen, direkt am Grenzübergang hat ein „Deutscher-Schäferhund-Verein“ sein Quartier. Doch das können die Flüchtlinge nicht wissen, auf sie muss das Gebell ebenso einschüchternd wirken wie die anbrechende Dunkelheit. Erleichterung ist ihnen erst anzumerken, als der Tross nach zwanzig Minuten die ehemalige Lkw-Halle erreicht. Drinnen ist es warm, die Menschen kauern auf den Bänken, ehrenamtliche Helfer vom Roten Kreuz reichen frisches Obst, ein Bundeswehrsoldat trägt mit zwei Migranten eine weitere Bank in die Halle.

          Notunterkünfte sind zum Bersten gefüllt

          Es gibt Tee und Kakao, den allerdings nur „wohldosiert“, wie ein Helfer sagt, denn die Flüchtlinge vertragen die Kuhmilch nicht, da sie an Ziegenmilch gewöhnt sind. „Das mussten wir auch erst mal lernen.“

          Bis vor kurzem wurden hier noch alle Migranten zunächst registriert und durchsucht. „Das schaffen wir aber nicht mehr bei den Tausenden“, sagt der Bürgermeister. „Und wenn ein Maschinengewehr dabei ist, dann ist es eben so.“

          Die weitere Verteilung der Menschen obliegt dann der Bundespolizei. „Das Problem sind die Ziele!“, sagt Meyer. Die Ziele, also die Orte in Deutschland, die die Flüchtlinge aufnehmen, erfährt die Bundespolizei vom Innenministerium in Berlin. Idealerweise, in Wirklichkeit aber selten, kommen also Busse direkt zur Wartehalle nach Wegscheid und fahren 50 Migranten nach Wuppertal, 50 nach Coburg, 60 nach Krefeld. In der Regel warten jedoch Hunderte in Notunterkünften im Landkreis Passau, manchmal bis zu drei Tage lang, auf die Weiterfahrt. Und Tausende kommen mit immer mehr Bussen aus Österreich nach, so dass Passau stets fast 1000 Menschen irgendwie unterbringen und bewegen muss. Von der Wiese in die Wartehalle, von der Wartehalle in die Unterkünfte, von den Unterkünften in die Busse. Bis drei Uhr nachts werden am Mittwoch noch Flüchtlinge in eisiger Kälte an der Grenze warten, bis sie in wieder frei gewordene Unterkünfte gebracht werden können. Etwa 1500 Menschen kann der Landkreis in Notunterkünften unterbringen. „Mehr geht nicht“, sagt Meyer.

          Hoffen auf geschlossene Grenzen

          Ein „Mehr geht nicht“ wünscht sich Meyer von der Kanzlerin. Und ein „Wir nehmen mehr“ von anderen europäischen Ländern – und auch Bundesländern. „Wenn ich höre, dass Bürgermeister in Schleswig-Holstein gegen Erstaufnahmeeinrichtungen protestieren, dann fällt mir dazu nichts mehr ein.“ Königsteiner Schlüssel, die Abkommen von Dublin und Schengen, die europäische Wertegemeinschaft – alles habe sich sang- und klanglos in Luft aufgelöst, findet Meyer. „Das geht vielen hier so.“ Ein junger Bundespolizist habe ihm gesagt, das, was er jemals auf der Polizeischule über Grenzregelungen gelernt habe, finde nicht mehr statt.

          Der Landrat fürchtet um die Menschen, vor allem die vielen Kinder, wenn der Winter kommt. „Denn es ist ja kein Ende in Sicht.“ Noch einen Wunsch hat er also an die Kanzlerin: Sie solle sagen, dass in vierzehn Tagen die Grenzen geschlossen würden. „Damit die Menschen, die noch überlegen, ihr Land zu verlassen, gar nicht erst losgehen.“

          Weitere Themen

          Tusk ruft Polen zu Protesten auf

          Justizreform in Polen : Tusk ruft Polen zu Protesten auf

          Niemand werde stärker für die polnische Justiz kämpfen. als die Polen selbst, sagt der frühere Präsident Donald Tusk. Die regierende PiS-Partei will Richter belangen, wenn sie sich negativ äußern.

          Keine konkreten Ergebnisse Video-Seite öffnen

          Welt-Klimakonferenz : Keine konkreten Ergebnisse

          Der Abschluss der Klimakonferenz verzögerte sich so lange, wie noch nie zuvor. Mit rund 40 Stunden Verspätung einigten sich die Abgesandten von etwa 200 Staaten auf ein gemeinsames Abschlussdokument. Allerdings wurden wichtige Entscheidungen auf den nächsten Gipfel in einem Jahr im schottischen Glasgow verschoben.

          Topmeldungen

          Klimakonferenz in Madrid : Keinen Schritt weiter

          Mit dem Minimalkonsens der Madrider Klimakonferenz sind die Staaten auf dem Stand von vor einem Jahr geblieben. Vielleicht sollte das Format grundsätzlich überdacht werden.
          Abschied vom Kollegen: Feuerwehrleute am Samstag vor Beginn der Trauerfeier in der Pfarrkirche St. Ägidius in Neusäß

          Gewalttat in Augsburg : Mal wieder junge Männer

          Nach dem Tod eines Feuerwehrmannes auf dem Königsplatz in Augsburg stellen sich viele Fragen: Sind junge Migranten heute gewaltbereiter als früher? Und woran starb das Opfer?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.