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Afghanistan : Sie wollen raus – am liebsten nach Deutschland

Blick auf die Hauptstadt: Kabul ist vergleichsweise sicher. Doch auch das hält viele Einwohner nicht dort. Bild: Reuters

Die junge, gebildete afghanische Elite will fort aus dem kaputten Land mit seiner konservativen Gesellschaft. Jetzt machen sich auch die Jüngsten auf den Weg. Ihr Ziel: Deutschland.

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          Am Anfang steht eine naive Frage. Beiläufig gestellt auf einer achtstündigen Autofahrt in einem Toyota Corolla über den Hindukusch, auf dem Weg von Kundus nach Kabul. Vorbei an Humvees der afghanischen Armee, an Schafsherden und einem früheren Stützpunkt der Bundeswehr. Ob sie, Rohullah und Sharif, Fahrer und Beifahrer, jemanden kennen, der sich in den nächsten Tagen auf die Reise nach Europa machen will? Natürlich kennen sie solche Leute, nicht einen, sondern viele. Verwandte, Nachbarn, Facebookfreunde, und bald wollen auch sie gehen. Ob und wie das Land verlassen - das ist ein allgegenwärtiges Gesprächsthema in Afghanistan. „Meine Schwester zum Beispiel“, antwortet Rohullah. Sie ist Englischlehrerin, hat früher Fußball in der Nationalmannschaft gespielt und nun bei einem Schlepper ein Visum für die Türkei gekauft. Für 5500 Dollar. Dort soll ihr Bruder sie vom Flughafen abholen, er hat schon einen deutschen Pass. Oder Rohullahs Mutter. Sie hat eine Einladung für einen Kurzbesuch in München. Zurückkehren will sie davon nicht. Ein paar Kilometer weiter ruft jemand an, der den Zweitfernseher der Familie kaufen will. „Den brauchen wir dann nicht mehr“, sagt Rohullah, 32 Jahre alt, von Beruf Übersetzer.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Auf die naive Frage folgt ein langes Gespräch über Heimat, Liebe und ein Land am Rande des Abgrunds. Das so kaputt ist wie die Straße oben auf dem 3800 Meter hohen Salangpass, über den sich nachts die Lastwagen im Schneckentempo schleppen. „Aus meinem Dorf werden jetzt die Jungs unter 18 geschickt“, sagt Sharif, „denn es gibt dort keine Arbeit.“ Gründe für die Massenauswanderung gibt es viele. Aber ein Thema ist Sharif besonders wichtig: „Viele Frauen wollen jetzt nur noch Männer heiraten, die in Europa sind.“ Das gilt auch für die junge Frau, der er zwei Jahre lang den Hof gemacht hat, bevor sie ihm den Laufpass gab.

          Die weitaus meisten gehen nach Deutschland

          Sharif, 26 Jahre alt, Computerfachmann, hat drei Ziele im Leben: heiraten, seinen Master machen und seine Mutter auf eine Pilgerfahrt nach Mekka schicken. Er zieht sein Smartphone aus der Tasche und zeigt ein paar eklige Bilder, auf die er mächtig stolz ist. Von Einschnitten an seinem Handgelenk, von einem Küchenmesser, das in seiner Brust steckt, und ein Rinnsal Blut, das an seinem durchtrainierten Oberkörper herunterläuft. Die hat er an seine verflossene Freundin geschickt. Natürlich nicht, weil er sich umbringen wollte. „Ich habe erfahren, was echte Liebe ist, ich ertrage die Unfreiheit hier nicht mehr.“ Sharif hat einen Hang zum Drama, doch das Gefühl, der eigenen zutiefst konservativen Gesellschaft entwachsen zu sein, teilt er mit anderen seiner Generation. In Afghanistan ist die arrangierte Heirat noch immer die einzige gesellschaftlich akzeptierte Form der Zweisamkeit. Und gleichzeitig ist es, wie Rohullah sich ausdrückt, „so einfach wie Teetrinken“, eine Freundin an der Universität zu finden und gar mit ihr ins Bett zu gehen.

          Ein ausländischer Pass ist Kapital auf dem afghanischen Heiratsmarkt, auf dem sich die Preise in den Jahren der westlichen Dollarwirtschaft vervielfacht haben. Auch das treibt viele junge Männer in die Fremde. Aber auch Frauen versuchen, über diesen Weg ihre Chancen zu erhöhen. Rohullah hat gerade einen Heiratsantrag ausgeschlagen, der ihm ein Leben in den Vereinigten Staaten ermöglicht hätte. Die Braut sei „abgelaufen“ gewesen, sagt er - eine Bezeichnung für unverheiratete Frauen über 35.

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