https://www.faz.net/-gpf-p5mi

Flüchtlingsdrama : Das Ende einer Rettungsfahrt: Cap Anamur

  • -Aktualisiert am

Schale Geste: Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel Bild: dpa/dpaweb

Ist er ein Robin Hood der Meere? Oder ein abgebrühter Kampagnen-Profi? Vor allem ist Elias Bierdel plötzlich sehr einsilbig geworden. Die Hilfsorganisation Cap Anamur hat der Sache der Flüchtlinge mit ihrer Mittelmeer-Aktion vermutlich einen schlechten Dienst erwiesen.

          Ist er ein Menschenretter oder ein Schlepper? Ein Robin Hood der Meere, der Schiffbrüchige vor sicherem Tod rettet? Oder ein abgebrühter Kampagnen-Profi? Vor allem ist Elias Bierdel plötzlich sehr einsilbig geworden. Nach fünftägiger Haft waren der Chef der Hilfsorganisation Cap Anamur sowie der Kapitän und der Ersten Offizier des Schiffes im sizilianischen Agrigent Freitag nachmittag freigekommen. Gemeinsam mit seinem Münchner Anwalt war Bierdel auf einmal sichtlich bemüht, der Presse zu entkommen. Auch gestern, nach Deutschland zurückgekehrt, äußerte er sich nicht.

          Es sei, sagte er noch in Sizilien knapp, eine humanitäre Aktion gewesen: "Wir sind keine Verbrecher." Das sicher nicht. Aber die Zeichen mehren sich, daß Cap Anamur grob fahrlässig gehandelt und der eigenen Sache beträchtlichen Schaden zugefügt hat. So jedenfalls sieht es Rupert Neudeck, der das Unternehmen 1979 gegründet hatte: Die ganze Aktion Bierdels vor der sizilianischen Küste sei "eine einzige Rufschädigung", sagt er am Freitag: "Das hat mit der alten Cap Anamur nichts mehr zu tun." Elias Bierdel sei es vor allem um die Medienwirkung gegangen.

          Bierdel bei Rettung noch nicht an Bord

          Als die 37 schwarzafrikanischen Flüchtlinge am 20. Juni aus dem Meer gefischt wurden, war Bierdel noch nicht an Bord. Seit Jahren organisieren Schlepper Flüchtlingstrecks durch die Wüste; an der Küste Lybiens oder Tunesiens werden die Flüchtlinge dann in Boote gesetzt, Richtung Italien. 4000 von ihnen sollen in den vergangenen zehn Jahren dabei ertrunken sein, "Pro Asyl" spricht gar von 5.000 Toten. Während trotz dieser Gefahren der Flüchtlingsstrom nicht abbricht, wimmelt es in der Meerenge zwischen Nordafrika und Italien von Booten der Polizei, der Guardia di Finanza und des Militärs, deren Auftrag es ist, die Grenzen der "Festung Europa" zu schützen: ein rauhes, ja ein brutales, aber ein rechtmäßiges Geschäft. Das Nadelöhr ist hier am engsten.

          Warum hat sich die Cap Anamur gerade in diese Zone begeben? In der Kölner Zentrale sagt Michaela Schunko, für "Officemanagement" zuständig: "Von einer gezielten Suche nach Flüchtlingen kann keine Rede sein." Zuerst sei das Schiff zur Reparatur auf den Kanarischen Inseln gewesen, dann nach Malta gefahren: Reparatur, Testfahrt, wieder Reparatur, wieder Testfahrt - "auf der empfing das Schiff einen Funkspruch, es sei ein Schlauchboot mit Personen darin gesichtet worden". Kurz darauf habe man das Boot entdeckt. "Als die Mannschaft sah, daß der Motor ausgefallen war und Wasser in das Schlauchboot gelaufen war, holte sie die 37 Insassen an Bord."

          Fernsehaufnahmen eines "Panorama"-Teams passen jedoch nicht recht zu dieser Version: Sie zeigen ein offensichtlich seetüchtiges Boot und Insassen, die keineswegs entkräftet sind und die ihrer Rettung nicht begeistert, sondern eher überrascht entgegensehen - als hätten sie eigentlich andere Pläne. Etwa die, welche die meisten der afrikanischen Flüchtlinge hier haben: Sie wollen die italienische Küste erreichen, um dort als Illegale Arbeit zu suchen und sich später zu bemühen, ihren Status zu legalisieren.

          „Flüchtlinge machen bewußt falsche Angaben“

          Daß Cap Anamur die Flüchtlinge möglicherweise um der öffentlichen Wirkung willen benutzt hat, darauf weist auch ein anderer Umstand hin. Zunächst hieß es, bei den Geretteten handle es sich um Sudanesen - also um Flüchtlinge, die einer Hölle entkommen sind und denen daher Asyl zusteht. "Wer nur die mindeste Ahnung im Umgang mit dem Flüchtlingsproblem hat", sagt dazu Rainer Lingenthal, Sprecher von Bundesinnenminister Schily, "weiß, daß Flüchtlinge in aller Regel bewußt falsche Angaben machen. Wenn sie sagen, sie kämen aus dem Sudan, ist es fahrlässig, das zu glauben, und erst recht gänzlich unverantwortlich, es weiterzuverbreiten."

          Das habe man auch gar nicht getan, sagt Michaela Schunko und fügt so listig wie blauäugig hinzu: "Außerdem ist die Aufgabe von Cap Anamur, Schiffbrüchige zu retten. Es ist nicht unsere Aufgabe, deren Herkunftsangaben zu überprüfen." Wohl hätten die 37 in ersten Gesprächen gesagt, sie kämen aus dem Sudan - doch habe das Cap Anamur nie als gesicherte Wahrheit verbreitet: Das habe die Presse getan! Erst nimmt man in Kauf, daß die Nachricht von den 37 Sudanesen in Umlauf kommt - dann aber hat man nichts damit zu tun gehabt.

          Auch hier legen die "Panorama"-Bilder anderes nahe: Sie zeigen den Kapitän des Schiffes, wie er ins Funktelefon meldet, die Aufgegriffenen seien Sudanesen. Und es gibt noch mehr Ungereimtheiten, die den PR-Charakter der Aktion nahelegen. Das Schiff steuerte nicht, wie vorgeschrieben, den nächstgelegenen Hafen an, Valetta auf Malta. "Malta hat die Aufnahme abgelehnt", sagt Michaela Schunko von Cap Anamur.

          Drakonisches Asylregiment in Malta

          Während dafür keine Bestätigung zu erhalten war, liegt ein anderes Motiv nahe: In Malta, eben erst der EU beigetreten, herrscht ein drakonisches Asylregiment. Daß es dennoch so lange dauerte, bis das Schiff auf Porto Empedocle bei Agrigent zusteuerte, hatte offensichtlich auch damit zu tun, daß man noch auf Bierdel, den Chef, warten mußte. Auch die Notlage, mit der am 10. Juli die Einfahrt in den Hafen erzwungen wurde, ist umstritten: Michaela Schunko spricht von einer verzweifelten Situation an Bord, "außerdem hatte einer einen Nervenzusammenbruch". Andere, die ebenfalls an Bord waren, wollen davon nichts bemerkt haben.

          Christopher Hein, ein Deutscher, ist Leiter des "Consiglio italiano per i rifugiati" in Rom, dem italienischen Flüchtlingsrat. Am 7. Juli kam er, wie er erzählt, "mit einem sudanesischen Übersetzer meines Vertrauens" vor dem italienischen Hoheitsgebiet auf das Schiff: "Die Gespräche haben mir sehr schnell den Eindruck vermittelt, daß es sich in der Mehrheit nicht um Sudanesen handelt." Hein wundert sich ein wenig darüber, daß die Besatzung unbedingt Porto Empedocle ansteuern wollte. "Es ist ein deutsches Schiff unter deutscher Flagge - da hätte es nahegelegen, sich mit den deutschen Behörden in Verbindung zu setzen und vielleicht einen deutschen Hafen anzusteuern."

          Hein will nicht deutlicher werden, aber es ist zu erkennen, daß ihn die brachiale Vorgehensweise von Cap Anamur befremdet. Hein sagt: "Italien wollte verständlicherweise keinen Präzendenzfall schaffen." Kein schlechtes Wort entschlüpft dem erprobten Kämpfer für die Rechte von Flüchtlingen über Italiens Mitte-rechts-Regierung, die vor einem Jahr das Einwanderungsrecht verschärft hatte.

          Tolpatischige Aktion

          Cap Anamur scheint mit der tolpatschigen Aktion vielen in die Quere gekommen zu sein: der deutschen und der italienischen Regierung mit ihrer gemeinsamen Politik europäischer Grenzsicherung; aber auch Hilfsorganisationen, die hinter einer Fassade rhetorischer Härte recht pragmatisch vorgehen. Es ist, wie es ist: Europa ist eine Festung. Nicht hinnehmbar aber ist es, so Hein, wenn vor Europas Küsten Flüchtlinge, die - warum auch immer - die Heimat verlassen haben, elend im Meer ertrinken: Das könne sich Europa um seiner Selbstachtung willen nicht leisten. "Daher braucht Europa", sagt Hein, "wie jede mittelalterliche Burg Brücken, damit jemand von außen hereingelangen kann. Diese Brücken müssen politisch konstruiert werden - Schiffe aber sollten die Mauer nicht durchbrechen."

          Schilys Sprecher Lingenthal sieht den Fall drastischer. Er spricht von der "Profilneurose des Herrn Bierdel, der in die großen Fußstapfen von Rupert Neudeck treten will, und der mit dem, was er macht, Cap Anamur schadet". Und auch der spart nicht mit Kritik. Schon der Kauf des Schiffes im Februar dieses Jahres sei ein Fehler gewesen: "Besitzt man es, dann muß es eben auch zum Einsatz kommen." Außerdem hält Neudeck die Aktion für kopflos - es fehle ihr das, worauf Neudeck selbst immer peinlich genau geachtet habe, nämlich "ein klares und realistisches Ziel. Und sie war - was unabdingbar ist - mit den deutschen Behörden nicht abgesprochen."

          Neudeck beherrschte das doppelte Spiel: hier das Pathos der Basisaktion, dort der organisierte, mit der Regierung ausgehandelte Ausweg. Der Journalist Bierdel, den Neudeck selbst als seinen Nachfolger ausgesucht hatte, scheint das - noch - nicht zu beherrschen. Er ist auf den Glanz, den die Aktion umgibt, selbst hereingefallen. Undeutlich sagt Neudeck, "das hat mit der Macht zu tun, die man dann plötzlich hat", und murmelt etwas von Entgleitung und Entgleisung.

          Aufmerksamkeit auch mit grellen Mitteln erregen

          Ist Bierdel ein Held oder ein Schleuser? Die Elenden vor den Toren des Kontinents sind namenlos, sie bleiben im dunkeln. Wer auf das Elend hinweisen will, braucht Scheinwerfer. Einer dieser Scheinwerfer heißt Cap Anamur. Es wäre bigott, der Organisation vorzuwerfen, sie schiele auf die Medienwirkung. Was denn sonst? Wenn die Leute nicht hinsehen wollen, muß man Aufmerksamkeit erregen, auch mit grellen Mitteln, auch mit den Mitteln der Event-Kultur. Weil die aber schnell ins halbseidene Fach kippen kann, braucht es viel Fingerspitzengefühl. Hilfsorganisationen brauchen ein inneres System von checks and balances. Fehlt ihnen das, kommt heraus, was nun herausgekommen ist: eine vermurkste, ziellose Ego-Aktion. Das Dilemma der Nichtregierungsorganisationen besteht darin: Sie haben sich selbst ihr Mandat gegeben, sind meist nicht transparent und für Kritik kaum zugänglich. Cap Anamur wollte, nicht zufällig im Süden Italiens, ein Loch in die Festung Europa schlagen. Damit hat sich die Organisation verhoben.

          In den 22 Tagen der gezielten Irrfahrt der 37 Afrikaner auf der Cap Anamur haben 480 andere Flüchtlinge aus Afrika Italiens Boden tatsächlich erreicht. Vielleicht die Hälfte von ihnen wird Europa verlassen müssen, die andere Hälfte hat die unterschiedlichsten Chancen zu bleiben. Ob sie - legal, halblegal - bleiben können, entscheidet sich auf diplomatischem Feld, auf dem auch viele Hilfsorganisationen spielen. Dinosaurier der Hilfe, die nur die Propaganda der Tat kennen, schaden da eher. Die Cap Anamur ist beschlagnahmt, vielleicht wird sie als Instrument zur kriminellen Tat verschrottet. Auf die drei Freigelassenen, denen der Untersuchungsrichter hehre Motive unterstellte, könnte dennoch eine Haftstrafe warten: wegen faktischer Schleuserei. Und von den 37 Afrikanern werden 14 demnächst wohl abgeschoben (Cap-Anamur-Chef zurück in Deutschland - Gerettete werden abgeschoben), 23 haben vorerst eine kleine Aussicht auf "humanitären Schutz". Der Scheinwerfer ist erloschen, der Alltag zurückgekehrt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.