https://www.faz.net/-gpf-87xl2

Nordamerika : Wie Aylan Kurdi Kanadas Wahlkampf bestimmt

  • -Aktualisiert am

Gegen Kaltherzigkeit: Die Tante des auf der Flucht aus Syrien ums Leben gekommene Jungen der Kurdi-Familie führt einen Protestzug durch Vancouver an. Bild: Picture-Alliance

Das Schicksal des toten syrischen Flüchtlingsjungen ist das dominierende Thema: Dem kanadischen Ministerpräsidenten Harper ist die Hilfsbereitschaft vieler Bürger nicht geheuer. Seine Gegner überbieten einander mit Versprechen.

          5 Min.

          Sollten die Kanadier im Oktober ihren Ministerpräsidenten Stephen Harper abwählen, so werden viele Kommentatoren an den 3. September erinnern. An jenem Tag ging das Foto des drei Jahre alten Syrers Aylan Kurdi um die Welt, der nach dem gescheiterten Fluchtversuch seiner Familie tot an einen türkischen Strand gespült worden war.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Das Boot der Kurdis war mehr als 8000 Kilometer Luftlinie von Ottawa entfernt gekentert. Trotzdem wird in Kanada vor der Parlamentswahl am 19. Oktober über fast nichts so engagiert diskutiert wie die Frage, ob das Land angemessen auf die Flüchtlingskrise reagiert. Nach Umfragen hält eine Mehrheit der Kanadier dem Konservativen Harper Untätigkeit bis hin zur sturen Kaltherzigkeit vor. Der Linke Thomas Mulcair und der Linksliberale Justin Trudeau, die sich beide gewisse Chancen auf Harpers Sessel ausrechnen können, haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Sie wollen den Kanadiern in der Flüchtlingskrise vor Augen führen, wie weit sich das Land unter Harper insgesamt von seinen Idealen entfernt habe.

          Das Bild des toten Kindes hatte das kanadische Empörungsfeuer nicht allein entfacht, sondern in Kombination mit einer Falschmeldung. Prominent wurde allenthalben berichtet, die Familie Kurdi habe die gefährliche Flucht über das Mittelmeer erst angetreten, nachdem Kanada ihren Asylantrag abgelehnt habe - und zwar nach einer persönlichen Intervention von Einwanderungsminister Chris Alexander.

          Diese Version hatte der Vater und einzige Überlebende der vierköpfigen Familie verbreitet. Die deutsche Zeitung „Die Welt“ etwa zitierte Abdullah Kurdi mit den Worten, er gebe „den kanadischen Behörden“ die Schuld am Tod seiner Frau und seiner Söhne. Dabei hatte Kurdi Ottawa nie um Asyl ersucht. Vielmehr hatte seine in Vancouver lebende Schwester Tima für seinen Bruder Muhammad einen Antrag gestellt.

          Schicksal eines Kleinkinds : #KiyiyaVuranInsanlik

          Bis Jahresende 10.000 Syrer aus Gefahrenzone bringen

          Tima Kurdi hatte dafür weitere Unterstützer („sponsors“) aufgetrieben. Denn wenn fünf Erwachsene den Behörden garantieren, dass sie einem Flüchtling mindestens ein Jahr lang „emotional und finanziell“ unter die Arme greifen, so hat dieser gute Chancen auf eine Einreiseerlaubnis. Doch wurde der Antrag für den zunächst in die Türkei geflohenen Muhammad Kurdi abgelehnt, weil offenbar Dokumente der türkischen Regierung fehlten.

          Aus kanadischer Sicht war Muhammad Kurdis Flüchtlingsstatus nicht bewiesen. Für die Verwaltung war das Routine; sie befasste den Minister nicht mit dem Fall. Doch auf Bitten von Tima Kurdi überreichte deren (linker) Wahlkreisabgeordneter dem (konservativen) Minister am Rande einer Parlamentssitzung ein Bittschreiben. Angeblich soll die Tante des toten Jungen von Bodrum darin auch ihren Bruder Abdullah, Aylans Vater, erwähnt haben, um dessen Aufnahme sie später bitten wollte. Ob Einwanderungsminister Chris Alexander den Schrieb je las, ist ungewiss.

          Sein Ministerium dementierte die ersten Presseberichte umgehend. Doch das genügte nicht, um die Flammen auszutreten, die den auch wegen der leichten Rezession um sein Amt bangenden Harper ins Schwitzen bringen. Mulcairs Neue Demokratische Partei (NDP) forderte noch am 3. September, dass Kanada bis Jahresende 10.000 Syrer „aus der Gefahrenzone und auf den Weg nach Kanada“ bringen solle.

          Dazu solle die Regierung mehr Beamte in die Region schicken und die Prozeduren beschleunigen. Zwei Tage später hatte sich die NDP bereits festgelegt, dass in den folgenden vier Jahren je 9000 Syrer aufgenommen werden sollten.

          Der Liberale Justin Trudeau, Sohn des früheren Ministerpräsidenten Pierre Trudeau, bot mehr: Er will schon bis Jahresende 25 000 Syrern Asyl gewähren. Am Wochenende trat er mit dem früheren Ministerpräsidenten John Chrétien auf, der Kanadas Reaktion auf die Flüchtlingskrise „peinlich“ nannte und Harpers Verweis auf die Sicherheitsrisiken als „inakzeptablen“ Vorwand für Untätigkeit abtat. Er reise viel durch die Welt, sagte der 81 Jahre alte Liberale, der das Land von 1993 bis 2003 regiert hatte. Überall werde er dasselbe gefragt: „Was ist nur mit Kanada los?“ Die Antwort lautet: Stephen Harper.

          Der Konservative will sich im zehnten Jahr seiner Amtszeit nicht zu einem Kurswechsel hinreißen lassen, der seinen Überzeugungen widerspräche. Für ihn steht die Bekämpfung der Fluchtursachen, also des islamistischen Terrors, im Vordergrund. Mit sechs Kampfflugzeugen sowie einigen Militärausbildern unterstützt Kanada die von Amerika geführte Koalition gegen den „Islamischen Staat“. Während der Linke Mulcair von diesem Militäreinsatz ohne UN-Mandat gar nichts wissen will, möchte der Liberale Trudeau nur die Ausbilder im Irak belassen, aber die Luftwaffe abziehen. Im August hatte Harper angekündigt, binnen vier Jahren 10 000 Syrer und Iraker aufzunehmen - nach strengen Sicherheitsüberprüfungen.

          Harper verdankt seine bisherigen Wahlsiege vielen Einwanderern

          Vielen Leitartiklern in den dominanten, linksliberalen Medien gilt schon diese Sorge vor dem Einsickern von Terroristen als zutiefst unkanadisch - genauso wie Harpers mehrfach bewiesene Bereitschaft, an der Seite der Amerikaner gegen Islamisten zu kämpfen, anstatt auf eine UN-Bitte um Friedenstruppen zu warten.

          Doch nach dem Anschlag vom vergangenen Oktober, als ein Sympathisant des „Islamischen Staats“ in Ottawa einen Soldaten tötete und dann Schüsse im Parlamentsgebäude abgab, sah sich Harper in seiner Haltung bestätigt. Da der Schrecken manchen Wählern noch in den Gliedern sitzen dürfte, distanzierte sich der Liberalen-Spitzenkandidat Justin Trudeau vorsichtshalber leicht von seinem Wahlhelfer Chrétien: Es gehe nicht darum, die Sicherheitsüberprüfungen abzuschaffen. Sie müssten nur beschleunigt werden.

          Mit fremdenfeindlichen Untertönen kommen Politiker in Kanada nicht weit. Stephen Harper, der im vergangenen Jahr als erster Regierungschef seines Landes in der Knesset redete und den israelischen Abgeordneten versprach, dass Kanada für ihr Land „durch Feuer und Wasser“ gehen würde, mag zwar nur wenig Rückhalt unter den gut eine Million Muslimen im Land genießen.

          Viele halten ihm bis heute vor, dass er als Oppositionspolitiker 2003 den Irak-Einmarsch des amerikanischen Präsidenten George W. Bush vehement verteidigte. Doch verdankt auch Harper seine bisherigen Wahlsiege vielen Einwanderern. Vor allem asiatische Kleinunternehmer mit konservativem Familienbild fühlen sich besser von ihm vertreten als von den linken Parteien, die sich als Schutzpatrone des Multikulturalismus verstehen.

          Die Politikwissenschaftlerin Melanee Thomas von der Universität Calgary ist überzeugt, Harper werde politisch dafür bezahlen müssen, dass er sich von der allgemeinen Erschütterung über das Schicksal der Syrien-Flüchtlinge partout nicht anstecken lassen wollte. „Einwanderungsminister Chris Alexander ist auf jeden Fall erledigt“, sagte sie im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Thomas verweist darauf, dass der längst sprichwörtliche „Polizist mit Turban“ heute mindestens so identitätsstiftend für Kanada sei wie einst „Ahornsirup, Eishockey und Kanus“. Das riesige Land mit seinen 35 Millionen Einwanderern definiere sich seit jeher hauptsächlich dadurch, dass es sich von den Vereinigten Staaten abgrenze.

          Es herrsche weitgehend Konsens im Land, dass der kanadische Multikulturalismus, der die Einwanderer zur Bewahrung ihrer Traditionen ermuntert, dem „Schmelztiegel“ der Nachbarn im Süden überlegen sei. Etwa jeder sechster Kanadier gehört heute einer „sichtbaren Minderheit“ an. In rund 15 Jahren dürfte fast die Hälfte aller Kanadier entweder selbst im Ausland geboren sein oder mindestens einen Elternteil haben, der nicht in Kanada zur Welt kam.

          Großherzigkeit der Kanadier kennt keine Grenzen

          Auch Naheed Nenshi, der in Calgary 2010 als erster Muslim zum Bürgermeister einer nordamerikanischen Großstadt gewählt wurde, wirft der Harper-Regierung vor, die „kanadische Psyche“ falsch gelesen zu haben. Gerade im weniger ideologisch verhafteten Westen Kanadas, dessen zweitgrößte Stadt das boomende Calgary ist, hätten die allermeisten Leute den Impuls, anderen Menschen „eine Chance geben zu wollen“, sagte Nenshi der F.A.Z. Eine Gruppe von Flüchtlingen pauschal unter Terrorverdacht zu stellen passe nicht ins Weltbild der Kanadier.

          Nach tagelanger Sendepause hat am Ende auch die Regierung Harper gelobt, der Verwaltung Beine zu machen, um schneller Flüchtlinge aufnehmen zu können. Doch Harper widersteht bisher allen Rufen, sich am Überbietungswettbewerb des Wahlkampfs zu beteiligen und die Zielmarke zu erhöhen. Um die Hilfsbereitschaft der Kanadier in konstruktive und politisch unschädliche Bahnen zu lenken, hat Harper ein anderes Hilfsversprechen abgegeben: Auf jeden Dollar, den Kanadier privat für Syrien-Flüchtlinge spenden, werde die Regierung einen weiteren Dollar drauflegen. Vorsichtshalber ist diese Zusage allerdings bei 100 Millionen Dollar (67 Millionen Euro) gedeckelt. Denn manchmal, so hat Harper gelernt, scheint die Großherzigkeit der Kanadier keine Grenzen zu kennen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wer die Zeit und das Geld hatte, hat sich in diesem Sommer gerne im eigenen Pool gesonnt.

          Vermögensvergleich : Wie reich sind Sie wirklich?

          Neue Zahlen zeigen, wie sich das Vermögen der Deutschen über das Leben entwickelt. Schon mit einem abbezahlten Haus und einer Lebensversicherung können Sie zu den oberen zehn Prozent gehören. Testen Sie selbst, wo Sie in Ihrer Altersgruppe stehen!
          Ein Mund-Nasen-Schutz liegt auf dem Asphalt einer Einkaufsstraße.

          Corona-Pandemie : Neue Corona-Kennwerte braucht das Land

          Steigende Neuinfektionen versetzen Deutschland in Corona-Panik. Doch auch andere Parameter als allein die Zahl der Infizierten sind jetzt entscheidend für die Einschätzung der Corona-Pandemie in diesem Winter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.