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Flüchtlinge aus Tschetschenien : Verroht und hoch aggressiv

Seitdem schauen sich die deutschen Sicherheitsbehörden die hiesige Szene tschetschenischer Islamisten genauer an. Sie erkennen dabei vor allem, wie wenig sie wissen. Zwar gibt der Verfassungsschutz an, dass seit Jahren rund 200 Anhänger des „Kaukasischen Emirats“ in Deutschland leben. Doch kennen die Behörden eher Einzelpersonen, die in die organisierte Kriminalität verwickelt sind. Die Strukturen des „Emirats“ in Deutschland bleiben im Dunkeln. Denn die Tschetschenen sind in Clanstrukturen organisiert, die sich streng abschotten. Die Anhänger des „Emirats“ sind in der Regel jünger als 35 Jahre, sie betreiben Kampfsportarten, Boxen oder Ringen, sind wenig gebildet und hochgradig aggressiv. Die Aufklärung trifft auf Hindernisse, weil ein übliches Vorgehen, etwa die Ansprache durch Verfassungsschützer, zu gefährlich ist. Die Beamten laufen schlicht Gefahr, angegriffen zu werden. Wer etwas sagen könnte, schweigt auch aus Angst vor den eigenen Leuten. Noch haben die Sicherheitsbehörden keine Belege dafür, dass die Zahl der Anhänger des „Emirats“ in Deutschland durch die Welle tschetschenischer Asylbewerber wächst. Doch wäre es ungewöhnlich, wenn das nicht der Fall wäre. Bisher galt Deutschland allerdings nur als Rückzugs- und Ruheraum.

Gewalt bleibt nicht auf Familien beschränkt

Doch das ändert sich gerade. Die Gewalt, von der die tschetschenische Gesellschaft durchdrungen ist, kommt auch in Deutschland an. In den Unterkünften der Asylbewerber spielt sie eine Rolle. Immer wieder, so heißt es in Eisenhüttenstadt, werden tschetschenische Frauen von ihren Männern verprügelt. Ältere Tschetschenen fordern jüngere Männer dazu auf, ihre Frauen zu züchtigen. Die Gewalt bleibt nicht auf die Familien beschränkt. Im Dezember gab es im Erstaufnahmelager Eisenhüttenstadt eine Massenschlägerei zwischen Tschetschenen und Afrikanern. Die Bereitschaftspolizei brauchte zwei Tage, um die Lage zu beruhigen.

Zumindest ein Teil solcher Vorfälle ist radikalislamisch motiviert. Im Juli griffen in Eisenhüttenstadt zehn tschetschenische Männer ein Ehepaar in seinem Zimmer an, verletzten die Frau und richteten den Ehemann so zu, dass er mehrere Tage im Krankenhaus versorgt werden musste. Der Grund für den Überfall: Die Frau kleidete sich unislamisch, trug Jeans und kein Kopftuch. Der 38 Jahre alte Haupttatverdächtige gilt als Mann mit einer radikalislamischen, salafistischen Einstellung. Er konnte sich seiner Abschiebung nach Polen entziehen, indem er eine Petition einreichte.

Ähnliche Vorfälle fanden in anderen Einrichtungen statt. Im Asylbewerberheim in Wolgast im Kreis Vorpommern-Greifswald wurde im Juni eine 26 Jahre alte Tschetschenin von ihren Landsleuten beschimpft und bedroht, weil sie sich bei einem Syrer ein Bügeleisen ausleihen wollte. Es kam schon zu Streitereien, weil jemand die Gebetszeiten nicht einhielt oder Musik hörte.

Solche Konflikte passen nach Ansicht der Sicherheitsbehörden zu einer besonders gefährlichen Entwicklung: Junge Tschetschenen schließen sich der salafistischen Szene in Deutschland an. In Berlin gelten sie schon heute als ein besonders radikaler Teil. Er beobachte eine Radikalisierung bei jungen Tschetschenen, sagt Ekkehard Maaß von der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft in Berlin. Viele von ihnen seien vor Jahren ohne ihre Väter, die in den Tschetschenien-Kriegen ums Leben kamen, nach Deutschland gekommen; irgendwann hätten sie aufgehört, auf ihre Mütter zu hören. Nun ließen sie sich Bärte wachsen und propagierten strenge religiöse Regeln, die für den Volksislam der Tschetschenen untypisch seien.

Junge Tschetschenen beteiligen sich, so der Verfassungsschutz, an salafistischen Islamseminaren, an Demonstrationen gegen islamfeindliche Gruppierungen wie Pro NRW und, etwa in Bayern, an Infoständen der Salafisten und an deren Koranverteilung. „Für manche beginnt der salafistische Einfluss erst hier in Deutschland, andere erleben hier eine zweite Radikalisierung“, sagt ein Verfassungsschützer. Der Salafismus ziehe junge aggressive Männer an und biete ihnen eine Rechtfertigung für ihre Gewalt. Für Tschetschenen, geprägt durch den Männlichkeitswahn ihrer Heimat und verroht durch die jahrzehntelange Gewalterfahrung, sei das ein geradezu ideales Angebot. Ein Verfassungsschützer sagt: „Das ist ein Mix, der hochgefährlich ist.“

Die Namen der Flüchtlinge wurden geändert.

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