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Finanzkrise : Ein Kanzler zum Witzemachen

  • -Aktualisiert am

Kanzler-Witze haben Hochkonjunktur in Deutschland. Die „letzten Hemden“ der Bürger für Bundeskanzler Schröder sind jetzt in Bielefeld zu haben.

          Wenn Kanzlerwitze Hochkonjunktur haben, geht die Karriere des Amtsinhabers meist ihrem Ende entgegen. Mit dieser These wurde der Düsseldorfer Psychologe Manfred Koch 1997, ein Jahr bevor der „ewige Kanzler“ Helmut Kohl abtreten musste, in den Medien zitiert. Im Gespräch mit FAZ.NET formulierte er seine These etwas zurückhaltender.

          Laut Koch sind Witze Indikatoren für die Stimmung im Volk. Eine Endzeitstimmung sieht er angesichts der derzeitigen Flut von Kanzler-Witzen jedoch nicht. Für den Witzpsychologen ist die derzeitige Stimmung von Resignation, Ratlosigkeit und Boshaftigkeit gekennzeichnet.

          Das ganze werde gepaart mit einer Portion Masochismus, wenn man darüber lachen könne, dass die Regierung permanent Fehler mache, die man selber ausbaden müsse. Man habe halt lieber einen Kanzler gewählt, der nicht unsympathisch sei, aber der es nicht könne. Einen Bayern hätten die Wähler nicht gewollt, der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel würden sie das Kanzleramt nicht zutrauen.

          Brandt-Witze erforscht

          Koch war lange Jahre Mitarbeiter im Bundespresseamt und hatte dort schon 1974 eingehend die Witze über den damaligen Kanzler Willy Brandt (SPD) untersucht. Über das Ergebnis sei Brandt alles andere als begeistert gewesen. Damals habe es allerdings eine Endzeitstimmung gegeben. Die könne man weniger an den Witzen als am Verhalten der Mitarbeiter in den Ministerien eruieren. Bedenklich sei es beispielsweise, wenn ein Fahrer zuerst in aller Ruhe seinen Kaffe austrinke, wenn er von seinem Minister gerufen würde und sein Verhalten mit den Worten „Der kann fünf Minuten warten“ kommentiere.

          Die Flut der Schröder-Witze wird immer mehr von den Medien aufgegriffen. Auch das Internet widmet sich dem Thema. Der „Steuer-Song“ des Kanzler-Imitators Elmar Brandt ist längst ein Bestseller mit über 350.000 verkauften CDs. Während Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf dem Satiriker vorwirft, er verdiene „parasitäres Geld“, gibt der zurück: „Ich habe in Deutschland den Kanzler wieder zur Nummer Eins gemacht.“ Allerdings nur in der Hitparade. Nun will Brandt mit einem neuen Kanzler-Song beim Grand-Prix antreten. Nicht zuletzt kassiert der Fiskus angesichts des erfolgreichen „Steuer-Songs“ auch ganz schön Steuern.

          „Blondes Fallbeil“

          Doris Schröder-Köpf rutscht dagegen wie ihr Gatte auf der Beliebtheitsskala nach unten. Wie keine andere First Lady mischt sie sich in die Politik ein. Zuletzt forderte sie Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine zum Parteiaustritt auf, als der ihren Mann mit dem früheren Reichskanzler Heinrich Brüning, dessen Gesetze zur Massenarbeitslosigkeit geführt hatten, verglichen hatte. Mit diesen und anderen Aussagen, nicht zuletzt auch gegen Medien, kommt die gelernte Journalistin bei den Medien immer weniger an. Zuletzt titelte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Das blonde Fallbeil.“ Das war vor Jahren das Attribut für den bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU).

          Die jüngste Anti-Schröder-Kampagne ist die bislang witzigste. Nachdem die Steuererhöhungen, die Schröder als Subventionsabbau verkaufte, bekannt geworden waren, wurde dem Internet-Marketing-Fachmann Christian Stein klar: „Die wollen unser letztes Hemd“. Also startete er die Internetinitiative „www.aktionletzteshemd.de“. Eine Kettenmail ruft die Bundesbürger dazu auf, Schröder ihr „letztes Hemd“ zu schicken. Bis zum Wochenende sollen 30.000 Hemden im Kanzleramt eintreffen. Wie das Kanzleramt am Freitag bestätigte, wurden die ersten knapp 400 Hemden bereits an das von einer Arbeitsloseninitiative gegründete Bielefelder Gebrauchtkaufhaus „Bring's und Kauf“ geschickt.

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