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Festgenommener Attila S. : Terrorist oder Irrfahrer?

Atiila S. in der Türkei: „Ich hab' nicht verstanden, was das ist” Bild: REUTERS

Der in der Türkei festgenommene Attila S. soll der terrorverdächtigen „Sauerland-Gruppe“ bei der Beschaffung von Zündern geholfen haben. Er bestreitet die Vorwürfe, doch den Ermittlern angeblich vorliegende E-Mails sollen sie belegen.

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          Atilla S. wird geahnt haben, dass die Strafverfolgungsbehörden ihn auch in der Türkei nicht in Ruhe lassen werden. Spätestens, als er im Oktober von deutschen Journalisten in Konya besucht wurde, wusste er genau, welche Vorwürfe ihm gemacht werden: Attila S. soll der - im Sauerland gestellten - islamistischen Terrorgruppe um Fritz G. aktiv geholfen, ihr beispielsweise die Zünder beschafft haben, mit denen Fritz G. und seine Komplizen mehrere Autobomben in Deutschland zur Explosion bringen wollten.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          So steht es auch in einem Haftbefehl, den die Bundesanwaltschaft bereits vor Wochen beantragt hat. Darin wird S. Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Nun dringt die Bundesanwaltschaft auf eine Auslieferung nach Deutschland.

          Enger Freund von Fritz G.

          Der 22 Jahre alte Attila S. ist deutscher Staatsbürger. Er wurde in Ulm geboren, arbeitete als Lackierer und Autohändler. S. wird der Islamisten-Szene in Ulm zugerechnet. Der junge Mann, dessen Aliasname beim Bundeskriminalamt mit „Muaz“ angegeben wird, gilt als enger Freund von Fritz G., dem mutmaßlichen Hauptverdächtigen der „Sauerland-Gruppe“.

          Zeitweise soll G. bei Attila S. in Ulm gewohnt haben. S. ist einer von acht Hauptbeschuldigten, gegen die bei der Generalbundesanwältin Harms ein Ermittlungsverfahren läuft (Aktenzeichen GBA 2 BJs 20/07-4). Gegen weitere 40 bis 50 Personen aus dem Umfeld der Gruppe laufen ebenfalls Untersuchungen.

          Silvester an der Kaserne

          Nach Angaben aus den Sicherheitsbehörden besuchte S. im Juni und Juli 2006 ein Terror-Ausbildungslager in Pakistan, welches der IJU, der Islamischen Dschihad Union, zugerechnet wird. In der Silvesternacht 2006 gehörte Attila S. zu den Insassen eines Autos, das in der Nähe einer Kaserne auffiel. Nach Vermutung amerikanischer und deutscher Sicherheitsbehörden diente die nächtliche Fahrt dazu, ein mögliches Anschlagsziel auszukundschaften. Die mutmaßliche Terrorzelle war seitdem von Polizei und Geheimdiensten observiert worden.

          Zum Zeitpunkt der Festnahme der drei Hauptverdächtigen in Medebach-Oberschlehdorn am 4. September befand sich S. bereits im Ausland, möglicherweise schon seit Februar. Er soll nach Auskunft seines Anwalts Gnjidic vor kurzem in der Türkei eine Frau geheiratet haben.

          „Ich hab' nicht verstanden, was das ist

          Attila S. hatte am 11. Oktober gegenüber dem ZDF behauptet, man habe sich in der Silvesternacht bei der amerikanischen Kaserne bloß „verfahren“. Ein Gerät zum Aufspüren von Abhörwanzen, dass man später in seinem Auto gefunden hatte, habe er sich „bei Ebay für ein paar Euro gekauft“ und habe es mal testen wollen - „mehr nicht“. Auf die Frage, ob er bei der Beschaffung der Zünder beteiligt war, die bei der Gruppe im Sauerland gefunden wurden, antwortete er: „Ich hab' nicht verstanden, was das ist.“ Er kenne sich da nicht aus. Allerdings liegen den Ermittlungsbehörden angeblich E-Mails vor, in denen S. mit Fritz G. die Zünderbeschaffung erörtert.

          S. leugnete, in Pakistan gewesen zu sein: „Das ist eine Lüge, gegen die ich mich wehren werde.“ Sein Anwalt, der auch den 2003/2004 von amerikanischen Behörden nach Afghanistan verschleppten Khaled el Masri vertritt, hatte ihm schon im Oktober geraten, sich vor der Bundesanwaltschaft zu den Vorwürfen zu äußern.

          Neue Anschlagspläne?

          Nach unbestätigten Berichten wurde S. in der Türkei nun festgenommen, weil er bei Turkish Airlines einen Flug gebucht hatte und die Gefahr bestand, er werde abtauchen. Ob und wann er ausgeliefert wird, ist unklar.

          Nach Auskunft von BKA-Präsident Ziercke werden weitere Angehörige der IJU-Zelle in Pakistan vermutet. In Sicherheitskreisen wird nicht ausgeschlossen, dass die Gruppe neue Anschlagspläne verfolgt. Ziercke stufte Konvertiten, die aus Ausbildungslagern in Pakistan nach Deutschland zurückkehren, als „hoch gefährlich“ ein.

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