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Fest im Sattel?

Von MARTIN BENNINGHOFF, 5. Mai 2016

Nach 36 Jahren lässt Nordkorea wieder einen Parteikongress abhalten. Wieso, weshalb, warum ist zwar nicht bekannt – aber ohne Absicht geschieht so etwas nicht. Was hat Kim Jong-un vor?

Vater, Sohn und Heiliger Geist: Obwohl die atheistische Diktatur Nordkorea rein gar nichts mit dem Christentum zu schaffen hat – im Gegenteil, Pjöngjang duldet nur eine staatlich kontrollierte Schaukirche –, erinnert die Propaganda dieser ersten und einzigen kommunistischen Erbmonarchie um den dritten Spross der Dynastie, Kim Jong-un, an die christliche Lehre von der Dreifaltigkeit.

Der Vater, das ist der 2011 verstorbene Kim Jong-il. Sein Sohn, das ist der amtierende Diktator Kim Jong-un. Und über allem schwebt der Staatsgründer und Übervater, der 1994 verstorbene Kim Il-sung, als „ewiger Präsident“ eine Art Heiliger Geist. Die Macht im Staate speist sich aus dieser Dreifaltigkeit, die gemeinsam als Einheitsblock gesehen wird. Der Staat, das ist diese Familie, die das Land seit 1948 beherrscht.

© AP Staatsgründer Kim Il-sung (Mitte) und sein Sohn Kim Jong-il im Vorfeld des letzten Parteikongresses 1980.



In nahezu jedem Zimmer des kleinen Landes zeugen Porträts der beiden Verstorbenen von der Allmacht von Vater und Sohn. Zwar gibt sich Kim Jong-un im Vergleich dazu noch bescheiden, aber auch sein Personenkult wird seit 2010 langsam und behutsam hochgefahren. In den Fernsehnachrichten spielt er abendlich die Hauptrolle, in den Zeitungen zeugen Fotos seiner „Vor-Ort-Anleitungen“ davon, wer im Land das Zepter in der Hand hält – die Propaganda ist mittlerweile auf ihn zugeschnitten.

Seine Macht speist sich nicht aus Wahlen, ja selbst nicht ausschließlich aus Druck und Repression: Sie speist sich aus der mythologisch überhöhten Abstammung aus der Staatsgründerfamilie, vor allem vom Großvater. Wer neu an die Staatsspitze rückt, muss deshalb dafür sorgen, dass das scheinbar grenzenlose Vertrauen der Menschen (genau wissen wir das nicht) in die Figur des Kim Il-sung irgendwie auf seinen Nachnachfolger abfärbt. Nur so lässt sich die Macht festigen.

  • © Reuters Kim Jong-un bei der Wahl zur Volksversammlung in 2014.
  • © dpa An Gebäuden prangen die Porträts von Kim I. und Kim II. Aber auch der Personenkult um Kim III. wird stärker.
  • © AFP Kim Jong-un in westlicher Business-Kleidung.

Phase eins der Machtkonsolidierung abgeschlossen? Der Ende dieser Woche stattfindende Parteikongress könnte ein Indiz dafür sein, dass Kim Jong-un in der Frage der Machtsicherung ein gutes Stück vorangekommen ist. Zum ersten Mal seit 36 Jahren findet ein solcher Kongress statt, und Experten vermuten, dass dieser zu einer großen öffentlichen Loyalitätsbekundung der Partei gegenüber dem Herrscher und seiner Familie dienen soll.

© REUTERS Spannung vor erstem Kongress der Arbeiterpartei

Sicher ist das nicht: Über die inneren Machtverhältnisse in Nordkorea ist wenig bekannt. Nur ein Blick in die Geschichte lässt vermuten, dass sich Kim Jong-un nicht „einfach so“ feiern lässt. Beim letzten Parteikongress führte Kim Il-sung seinen Sohn Kim Jong-il als Nachfolger ein. Um die Nachfolgerschaft wird es dieses Mal wohl nicht gehen – dafür ist Kim Jong-un zu frisch im Amt und sein Kind (sollten die Berichte über seinen Nachwuchs überhaupt stimmen) noch zu jung.

Es ist aber nach der Logik der Machtrepräsentation im Land wahrscheinlich, dass es Kim darum geht, ein Zeichen seiner gefestigten Position nach innen und außen zu senden und möglicherweise ein neues Führungsteam zu präsentieren, das loyal einen Ring um ihn bildet. Die erste Phase der Machtkonsolidierung könnte damit abgeschlossen sein.

„Säuberungen“ nach stalinistischer Tradition Seine einzigartige Position in Pjöngjangs Machtgefüge machte Kim Jong-un besonders in den Anfangsjahren seiner Regentschaft besonders anfällig für Putschversuche seitens des Militärs oder der Kamarilla seines Vaters. Sein freundliches Gesicht auf den Propagandabildern sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich dieser Gefahr für ihn sehr bewusst war, und dass er zu stalinistischen Gegenmaßnahmen griff – durch „Säuberungen“ unliebsamer Parteigänger und Militärs.

Ob er nun wirklich fest im Sattel sitzt, wissen wir nicht. Aber langsam schält sich das Bild eines kühlen Machtpolitikers heraus, der genau weiß, wie er das schon häufig totgesagte Regime am Leben hält.

Wer ist dieser Kim Jong-un? Was treibt ihn an, und was will er erreichen, indem er einerseits wirtschaftliche Liberalisierungen in Aussicht stellt und andererseits die Schrauben der Repression anzieht? Der eigentlich alles dafür tun will, dass Devisen in die marode Wirtschaft gepumpt werden, aber zugleich dafür sorgt, dass die Devisen wegen neuer Sanktionen ausbleiben? Der die Hauptstadt Pjöngjang modernisiert, Freizeitparks und Hotels für Touristen bauen lässt, andererseits aber Besucher aus dem Ausland einsperren lässt?

  • © dapd Gute Laune statt sozialistischer Tristesse: Kim Jong-un (vorne rechts) bei der Eröffnung eines Freizeitparks in Pjöngjang 2012.
  • © Reuters Das Foto zeigt angeblich den jungen Kim Jong-un.



Kim Jong-un ist der dritte und jüngste Sohn Kim Jong-ils und wurde um 1983 geboren, genau ist das nicht bekannt. Seine Mutter war eine Tänzerin, die vor mehr als zehn Jahren an Krebs verstarb. Kim soll zwischenzeitlich auf eine Schweizer Schule nahe Bern gegangen sein, allerdings unter falschem Namen im Tross von Botschaftsangehörigen, um nicht als Spross der berühmten Diktatorenfamilie aufzufallen.

© AFP Das Foto soll Kim Jong-un in Bern zeigen – das ist aber unsicher.

Die Berichte dazu variieren stark und sind ungesichert. Sollten sie stimmen, dann könnte es sein, dass er zumindest halbwegs gutes Deutsch spricht und die Berichterstattung über sein Land auf Deutsch verfolgen könnte. Einigermaßen gesichert ist wenigstens, dass er später auf der Kim-Il-sung-Universität in Pjöngjang studierte. Die Universität, die wie so viele öffentliche Einrichtungen nach seinem Großvater benannt wurde, gilt als Kaderschmiede für die kommende Elite.

Fast wie aus dem Nichts tauchte der junge Diktatorensohn 2009 plötzlich auf den offiziellen Fotos der staatlichen Nachrichtenagentur im Gefolge des Vaters auf – so etwas ist in der durchgeplanten Propaganda des Regimes niemals ein Zufall. Der kranke Kim Jong-il ließ ihn vorsichtig als Nachfolger aufbauen. Auch hierbei galt das Prinzip: Der potentielle Nachfolger saugt seine Legitimität aus der größtmöglichen Nähe zu der Machtquelle, in diesem Fall sein Vater.

2010 ernannte ihn Kim Jong-il zum Vier-Sterne-General, obwohl der Sohn wohl keine militärische Ausbildung hatte. In einem Land, in dem das Militär eine überragende Rolle spielt, musste der auserkorene Nachfolger schnell die Hierarchieleiter nach oben klettern. Es ist anzunehmen, dass die erfahrenen Militärs darüber insgeheim wenig erfreut waren – nach außen hin jedoch wurden Loyalitätsbekundungen verlangt. Zugleich rückte er ins Zentralkomitee der Partei, der zweiten wichtigen Säule im Staatsapparat.

Kim Jong-il war zu dem Zeitpunkt zwar krank und durch einen wahrscheinlichen Schlaganfall stark abgemagert, allerdings zeigte er sich 2011 wieder gestärkt und ging sogar auf Staatsbesuch nach Russland. Im Dezember jedoch verstarb er plötzlich, und Kim Jong-un, der bis dahin mehr schlecht als recht zum Nachfolger aufgebaut war, musste von heute auf morgen das Zepter übernehmen.

Die bisherige Regierungsbilanz Kim Jong-uns ist zwiespältig: Entgegen früherer Hoffnungen auf wirkliche Reformen beließ er vieles beim Alten. Einerseits müht sich sein Regime zwar um eine Verbesserung des insgesamt niedrigen Lebensstandards, andererseits setzt es voll auf die militärische Karte und die Fortentwicklung des Raketen- und Atomprogramms – was wiederum zu weiteren Sanktionen und dezimierten Handelsmöglichkeiten führt.

© dapd 2010 noch im Hintergrund: Kim Jong-un (3.v.r.) im Gefolge seines Vaters Kim Jong-il.



Nicht nur der Konflikt mit dem Süden spitzt sich zu; auch der große Bruder im Norden, China, der seit der Staatsgründung und dem Koreakrieg die schützende Hand über die Erbmonarchie der Kims hält, rückte zuletzt ungewohnt weit ab von Pjöngjang. Zwar ist Nordkorea dank chinesischer Massenwaren wie Kleidung und Plastikspielzeug, die man mittlerweile überall im Land entdecken kann, bunter geworden, aber auch der Personen- und Warenverkehr mit China unterliegt immer wieder Beschränkungen und Restriktionen. Die eigens für die chinesischen Besucher gebauten Hotels und Spielkasinos stehen häufig leer, weil die Kundschaft ausbleibt.

© AFP Auch hier folgt Kim Jong-un (3.v.l.) noch seinem Vater.



Die südkoreanischen Devisen bleiben seit der Schließung der Sonderwirtschaftszone Kaesong, in der Unternehmen des Südens mit Billiglohn-Arbeitskräften des Nordens produzierten, ebenfalls aus, und der Ausbau der anderen Sonderwirtschaftszonen an den Grenzen zu China und Russland verläuft schleppend. Das ohnehin isolierte Nordkorea erscheint heute noch isolierter als vor zehn Jahren.

© Reuters Im Trauerzug für seinen verstorben Vater geht Kim Jong-un voran. Hinter ihm läuft der mittlerweile exekutierte Onkel.



Das ist insofern verwunderlich, als dass Kim Jong-un eine größere Offenheit als sein Vater ausstrahlt. Letztlich bleibt aber unklar, welche Kräfte im Hintergrund die Fäden ziehen, oder ob Kim Jong-un persönlich alle Entscheidungen zu verantworten hat. Könnte es nicht sein, dass der Kurs der militärischen Konfrontation dem Druck der Militärs im Rücken des Diktators geschuldet ist? Das wissen wir nicht.

Oder treibt Kim die Bewaffnung mit Langstreckenraketen und atomaren Sprengköpfen voran aus Angst vor dem „regime change“, weil er gesehen hat, was Diktatoren wie Muammar al-Gaddafi in Libyen passiert ist, der sich aus nordkoreanischer Sicht nicht genügend bewaffnet hatte? In Pjöngjang – das zeigten Gespräche mit Nordkoreanern – hat man den Sturz des Exzentrikers aus Tripolis sehr genau beobachtet.

  • © dpa Unklare Machtverteilung: Wie viel haben die Militärs zu sagen?
  • © dpa 2014 beim Test einer Kurzstreckenrakete.
  • © dpa Und bei einem Raketenunterwasserstart. Die Raketenprogramme sind Kims ganzer Stolz.

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ür Kim Jong-un kommt die Gefahr nicht nur von außen: In den vergangenen zweieinhalb Jahren ließ er nach „stalinistischer Tradition“ eine Reihe von einflussreichen Persönlichkeiten aus dem engeren Machtfeld umbringen, darunter seinen Onkel Jang Song-thaek. Laut einem UN-Bericht sitzen zudem tausende politische Häftlinge in den Konzentrationslagern, die, im Land verteilt, auch von dem jungen Diktator nicht aufgelöst wurden.

Ist dies die brutale Machtpolitik eines Pragmatikers? Oder ist da mittlerweile ein Paranoiker am Werk? Schwer zu sagen. Aber: Fakt ist, dass es Kim Jong-un während seiner bislang vierjährigen Amtszeit nicht gewagt hat, zu einem Staatsbesuch ins Ausland zu fahren oder zu fliegen. Selbst sein extrem vorsichtiger Vater war im Jahr seines Todes noch mit dem Zug nach Sibirien gereist, um die russische Staatsführung zu treffen. Großvater Kim Il-sung war aus ganz anderem Holz geschnitzt und sogar zwei Mal in die brüderlich verbundene DDR gereist – wo er das Bad in der Menge nicht scheute.

Kim Jong-un lässt sich hingegen besuchen, von chinesischen und kubanischen Politikern und auch angeblichen Freunden, wie dem ehemaligen amerikanischen Basketballsuperstar Dennis Rodman.

  • © AFP Illustre Freunde: Angeblich zählt der ehemalige amerikanische Basketballstar Dennis Rodman zu Kims Freundeskreis.
  • © REUTERS Optisch nähert sich Kim seinem Großvater an. Hier mit Wissenschaftlern und Technikern im Gespräch.
  • © AP Staatsgäste – wie hier aus China – müssen bislang nach Nordkorea kommen, weil Kim nicht ins Ausland reist.

Kim Jong-un versucht, in anderer Hinsicht den Großvater und dessen joviale Volksnähe zu kopieren. Die Brille, die Frisur, dazu die zugenommene Körperfülle: Mit seinen Gesten und dem Lachen auf den offiziellen Propagandafotos imitiert er den Menschenfischer Kim Il-sung. Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass er eben nicht nur mit einer Militärdoktrin nach innen und außen regieren will. Es könnte gut sein, dass er den Parteikongress dazu nutzen möchte, wieder zur klassischen Einparteienherrschaft mit zivilerem Anstrich zurückzukehren. Dazu könnte er eine neue, womöglich jüngere Führungsriege aus eigenen Leuten um sich scharen.

Das Bild des Kim Jong-un ist dabei nicht eindeutig: Vergleichsweise freundlichen Gesten nach innen folgen Repressionen, vergleichsweise freundlichen Gesten der Öffnung nach außen folgen unfreundliche wie die Festnahme amerikanischer Touristen als Faustpfand für künftige Verhandlungen mit der großen Schutzmacht Südkoreas. Der Student Otto Warmbier, der Anfang des Jahres in Pjöngjang wegen einer Lappalie festgesetzt wurde, sitzt noch immer an einem unbekannten Ort im Gefängnis – die Reisegesellschaft Young Pioneer Tours, mit der er ins Land gekommen war, weiß bis heute nichts über seinen Verbleib.



Dieses Pingpongspiel hat Tradition und ist die typische Strategie der Kim-Dynastie. Kim Jong-un mag in der Inszenierung ein anderer sein als sein Vater, in der Sache aber ähnelt sich die Politik. So marode das System in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ist, es ist von erstaunlicher Langlebigkeit und Stabilität – zumindest solange es ein Mindestmaß an Unterstützung aus China gibt. Abgesänge und Nachrufe auf das System sind daher verfrüht: Die Erbdynastie der Kims könnte durchaus in eine vierte Runde gehen. Und sollte es Donald Trump ins Weiße Haus schaffen, hätte Kim Jong-un einen kurzen Draht zum Erzfeind: Dennis Rodman setzt sich für Trump als Präsident ein.



Text: Martin Benninghoff; F.A.Z.-Multimedia: Carsten Feig

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 05.05.2016 10:23 Uhr