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„Merkozy“-Gespräch im Fernsehen : Die Dialektik der hellgrauen Jacke

  • -Aktualisiert am

Oh là là, der graubiedere Stoff der „patronne“: Auch im Umfeld des Fernsehauftritts des Gespanns „Merkozy“ dominierte die visuelle Botschaft Bild: REUTERS

Das Fernsehinterview von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy war ein Lehrstück über die kulturellen Tücken des deutsch-französischen Verhältnisses.

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          Die Bundeskanzlerin ist innerparteilich ohne Rivalen, beherrscht die europäische Politik, nimmt für Frauen eine Vorbildfunktion ein und hat sich den Titel der mächtigsten Frau der Welt durch eine Kombination aus Fleiß, taktischem Gespür und Intelligenz redlich verdient. Ihre Schwäche aber sind die Männer - jedenfalls die in herausgehobenen symbolischen Positionen: Angela Merkel hat kein Gespür, kein Händchen für Präsidenten.

          Im Salon Murat des Élyséepalasts standen die Stühle der beiden Gesprächspartner sehr eng, viel zu eng beieinander, der Abstand zwischen Präsident und Kanzlerin war geringer als der zwischen Sarkozy und Barack Obama während ihres gemeinsamen Interviews nach dem G20-Gipfel in Cannes. In der beengten Situation wirkte die habituelle Dynamik Sarkozys wie der Eifer eines Angestellten, der die Anwesenheit der „patronne“ nutzen möchte, um etwas für seine Beförderung zu tun. In einem Sempé-Cartoon würde er dann samt Stuhl um- und auf seine Nachbarin drauffallen, es wäre verheerend und lustig. Die Wirkung des gestrigen Auftritts dürfte ähnlich sein, bloß ohne Humor. Es konnte einen der Gedanke beschleichen, Merkel wolle Sarkozy in Wahrheit loswerden, so sehr funktioniert diese Winterhilfsaktion als dialektische Erledigungsoperation.

          Was bleibt, ist die hellgraue Botschaft der Biederkeit

          Man möge sich nur mal eine Sekunde in jene Zuschauer versetzen, auf deren Stimmen Sarkozy unbedingt angewiesen ist: ältere, auf dem Lande wohnende Franzosen mit katholischer Erziehung und einem rechtsanarchistischen Weltbild, garniert mit einer ordentlichen Dosis Fortschritts- und Ausländerfeindlichkeit, wobei das Ausland auch Paris sein kann - Frankreich ist ein kompliziertes Land. In so einer Ordnung der Dinge steht der Präsident also ganz oben, als republikanischer Monarch, aber das bedeutet auch, dass er weit weg ist. Man will gar nicht so viel von ihm wissen, umgekehrt soll er die Bürger ja auch in Ruhe lassen. Der Präsident muss das dann aber auch können, allein sein.

          Gestern Abend sah es aus, als wäre der Präsident mit jemandem zusammengezogen, als habe er den Élyséepalast unerlaubt untervermietet und versuche nun, seinem wie ein einziger missgünstiger Concierge staunenden Wählervolk das hehre Projekt der neuen WG darzulegen. Der Wortanteil des Abends wird so durchgerauscht sein. Mehrheitlich waren die französischen Zuschauer gestern Abend ohnehin bei anderen Sendern, nur in den Werbepausen von TF1 und M6 ging die Quote des Merkozy-Duetts etwas nach oben. Pointen gab es keine, es dominierte die visuelle Botschaft und das war die hellgraue Jacke der Kanzlerin.

          Der Platz im Museum ist ihr sicher. Die Jacke also: Warm und vernünftig wie die Jacke der Kanzlerin wird die französische Zukunft, wenn ihr mich, ihren besten Freund und fleißigsten Referenten, wählt - das war gestern Sarkozys Botschaft. Vergesst die goldenen Ornamente unserer Paläste, die weiten Parks, vergesst den Luxus, die Moden, die Geheimnisse. Kleidet euch in Grau, nehmt Platz im europäischen Stuhlkreis, und wir reden über alles. Es war eine Ansammlung von Signalen, die bei Sarkos Wählern den Fluchtreflex auslösen. Nur das Lob des Frischkornbreis hat noch gefehlt. Die politische Gemeinschaft mit einer Frau, der protestantischen deutschen Kanzlerin, stößt die ab, die Sarkozy braucht, und gefällt denen, die ihn eh nicht wählen. Merkel hat für Sarkozy denselben fatalen Effekt wie seine mondäne Ehefrau Carla Bruni: Beide schneiden ihn von seinem Wählerstamm ab.

          Die dialektische Vertracktheit der Großfamilie

          Angela Merkel gebrauchte in diesem quasitherapeutischen, kommunitären Setting passenderweise den Begriff der „Parteienfamilie“ und von dieser Familie hätte man gern mehr erfahren. Ist es eine Patchworkfamilie oder eine schöne sizilianische Großfamilie? Und was wären denn die Familienwerte? Sarkozy und Merkel haben ihre jeweiligen Parteien so runderneuert, dass einem ganz schwindelig werden kann.

          Erst ganz pro Markt, wirtschaftsnah und finanzfreundlich, Atlantiker, die mit George W. Bush grillen; jetzt die europäischen Bankenzähmer mit ökologischem und sozialem Gewissen. Insofern war es nur logisch, dass Merkel den Rahmen ihrer politischen Unterstützung einigermaßen weit stecken musste, wobei ihr Versprechen, ihn zu unterstützen - „egal, was er tut“ - wieder so dialektisch vertrackt war, schließlich ist es ein altes Argument der Sarko-Gegner, allen voran des früheren Präsidenten Chirac, dass der Mann eben zu allem imstande sei.

          Der sozialistische Kandidat François Hollande kommentierte die Hilfe jedenfalls recht cool auf Twitter mit dem anerkennenden Hinweis, die Kanzlerin habe sich da aber eine „recht schwere“ Aufgabe gewählt. Nur wenige Franzosen ermessen indes, dass das enge Zusammenrücken, die unbedingte Hilfszusage, die umfassende Unterstützung und herzliche Bejahung Stufen eines Prozesses sind, den Karl Theodor zu Guttenberg, Horst Köhler und Christian Wulff bereits mit ihr absolviert haben.

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