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Femen-Proteste : Zwei falsche Argumente

  • -Aktualisiert am

25. Juni: In Brüssel springen Femen-Aktivistinnen auf das Auto des tunesischen Ministerpräsidenten Bild: dpa

In Tunesien werden die Femen-Aktivistinnen freigelassen - eine gute Nachricht. Aber ihr barbusiger Protest in aller Welt war zuletzt immer öfter aggressiv und ignorant.

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          Als die Frauen zum ersten Mal mit nackten Brüsten, Wasserstoffmähnen und Blumenkränzen auftraten, konnte man ihren Mut und ihre Frechheit schon bewundern. Die Gruppe aus der Ukraine hatte sich 2008 gegründet und „Femen“ genannt. Sie stemmte sich barbusig, schreiend und strampelnd gegen Prostitution, Menschenhandel und Sex-Tourismus. Richtig bekannt wurden die Feministinnen vor der Fußball-Europameisterschaft 2012, als Journalistenscharen in die Ukraine reisten - und sich dankbar auf die Busen-Guerrilla stürzten. In einem Land, dessen Frauenbild nicht zuletzt von Katalogbräuten und Leihmüttern geprägt ist, versprühten diese schönen, stolzen Studentinnen ein bisschen Hoffnung auf künftige, selbstbewusstere Generationen.

          Die Idee, den Körper als Zeichen der Befreiung zu enthüllen und ihn als Provokation einzusetzen, haben sie nicht erfunden. Lady Godiva soll schon vor tausend Jahren nackt gegen die Steuererhöhungen ihres Gatten angeritten sein, und die Achtundsechziger-Frauen rissen vor dem armen Adorno die Lederjacken auf. Nun kamen ukrainische Mädchen und belebten die alte Protestform wieder, so, wie man eine Hippie-Bluse aus dem Schrank der Mutter neu kombiniert. Die Slogans der Femen-Frauen schürfen nicht tief, sie müssen ja in Großbuchstaben auf schmale weibliche Oberkörper gepinselt werden. Aber eine detaillierte Agenda kann auch niemand erwarten von einer Aktionsgruppe. Die Auftritte waren von Anfang an hysterisch, übergriffig und nervend.

          Alice Schwarzer gab ihren Segen

          Sofort traten auch Kritiker auf den Plan. Sie sagten, Sexismus könne nicht mit nacktem Busen bekämpft werden. Die Ukrainerinnen hielten dagegen: Sie würden vom Objekt zum Subjekt, indem sie sich selbstbestimmt auszögen. Alice Schwarzer, Chef-Porno-Feindin, erteilte den östlichen Schwestern ihren Segen und pries sie als mutig, schlau und kreativ. Die Mittel von Femen seien typisch für die spielerische Ironie der zweiten und dritten Feministinnengeneration, schrieb Schwarzer einmal.

          Die Aufmerksamkeit, die nackte Brüste in unseren Breiten auf sich ziehen, verpufft recht schnell. Die ewig gleiche Nacktrandale wurde bald öde. Die Femen-Frauen sind ihrem Rezept „Blankziehen, bis Polizei und Fotografen kommen“ trotzdem treu geblieben, sie expandieren sogar.

          In mehreren Ländern, darunter Deutschland, gibt es inzwischen Femen-Ableger. Ukrainische Meisterentblößerinnen trainieren in Boot-Camps den internationalen Nachwuchs. Spielerisch oder ironisch wirkt das schon lange nicht mehr, eher professionell und verbissen. Vollzeit-Aktivistinnen geben Interviews am Fließband und jetten um die Welt, finanziert durch Spenden unbekannter Herkunft und den Verkauf von Fanartikeln.

          Irgendwann sind die Femen-Frauen offenbar zu der Überzeugung gekommen, dass der ukrainische Busen die Welt retten kann. Sie haben ihr Themenspektrum erweitert und attackieren nun Sexindustrie, Diktaturen aller Art, Kirche, Patriarchat und eigentlich alles, was ihnen so einfällt. Sie haben gegen den Hungerwahn der Modeindustrie gestrippt, gegen Papst Benedikt XVI. („Schwulenfeind“), die männlich dominierte Finanzwelt, Kopftücher, die NPD, Dominique Strauss-Kahn, Silvio Berlusconi, Wladimir Putin und den EU-Politiker Elmar Brok.

          „Topless Jihad“

          Die einst erfrischend kecken Sexismusgegnerinnen zeigen sich immer öfter aggressiv, ignorant und verblendet. Aus Protest gegen die Verurteilung der russischen Punk-Aktivistinnen „Pussy Riot“ sägten sie in Kiew kurzerhand ein Kreuz ab, das für die Opfer des Stalinregimes aufgestellt worden war. Auf ihrem Kreuzzug gegen Zwangsprostitution durchs Hamburger Rotlichtviertel schrieben sie den Nazi-Spruch „Arbeit macht frei“ an das Tor der Herbertstraße.

          Viele der jüngsten Attacken waren unverhohlen islamfeindlich. In den Vereinigten Staaten setzte sich eine Femen-Frau einen Turban auf, klebte sich einen Bart an und posierte dann - oben ohne - in Gebetshaltung. In Paris verbrannten Aktivistinnen eine Flagge mit dem islamischen Glaubensbekenntnis. Aus Solidarität mit einer tunesischen Femen-Aktivistin, die nach Nacktbildern erst mit Steinigung bedroht und dann in die Psychiatrie eingeliefert worden war, riefen die Frauen zum „Topless Jihad“ auf. Dessen Slogan „Muslim women let’s get naked“ geht aber an der Realität muslimischer Frauen vorbei.

          Wütende Musliminnen gründeten eine Protestgruppe, weil sie nicht von nackten Radikalen befreit werden wollen, die ihre Religion beleidigen und das Kopftuch als KZ bezeichnen. Sie fühlen sich schon frei. Schützenhilfe bekommen sie aus Frankreich, wo weiß gewandete, wohl mehrheitlich katholische Mademoiselles die Anti-Femen-Gruppe „Antigones“ gründeten. Die bourgeoisen Pariserinnen, die sich in ihrer moralischen Überlegenheit suhlen, nerven auch. Aber in einem haben sie recht: Nackte Brüste und Aggression bringen nicht viel weiter.

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