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Feindbild : Politiker stellen sich vor Muslime

  • Aktualisiert am

In Mannheim steht die größte Moschee Deutschlands Bild: dpa

Die Angst der deutschen Politik vor Übergriffen auf muslimische Mitbürger wächst.

          Nach den Anschlägen in den Vereinigten Staaten haben Politiker und islamische Verbände in Deutschland eindringlich davor gewarnt, Terror pauschal mit dem Islam gleichzusetzen.

          „Man kann nicht einzelne Verbrecher mit einer Religion gleichsetzen“, sagte der innenpolitische Sprecher der Grünen, Cem Özdemir, am Freitag in Berlin. Özdemir und Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Bündnis90/Grüne) hatten zuvor Vertreter der drei großen islamischen Dachverbände getroffen.

          Auch Nordirland steht nicht für das gesamte Christentum

          Die Gesellschaft dürfe nicht in „Gut und Böse entlang der Trennlinien christlich und muslimisch“ eingeteilt werden, sagte Özdemir. „Barbarisch“ könnten auch andere Religionsgemeinschaften sein, sagte er mit Bezug auf die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland. Niemand käme auf die Idee, von Nordirland auf das ganze Christentum zu schließen. Ebenso dürfe nicht von dem Terroristenführer Osama bin Laden auf den gesamten Islam geschlossen werden. Die Werte der Aufklärung und der Humanismus seien nicht das „Monopol“ des Christentums, sondern fänden sich ebenso bei Juden, Moslems und anderen Religionen, sagte Özdemir weiter.

          Künast erklärte, Anhänger des Islam würden seit den Terroranschlägen oft unter eine Art Generalverdacht gestellt, mit den Tätern zu sympathisieren. Innenpolitisch dürfe es jetzt nicht zu einer „Beweislast-Umkehr“ kommen, so dass Moslems etwa beweisen müssten, dass sie nicht für Gewalt seien.

          Möllemann: Vorsicht vor kollektiven Feindbildern

          Auch die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck (Grüne), zeigte sich besorgt angesichts feindlicher Reaktionen auf Muslime in Deutschland. Der stellvertretende FDP-Vorsitzende und Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, Jürgen Möllemann, sagte, man könne Muslime und Araber nicht pauschal in den Terroristentopf werfen. Möllemann warnte vor einer „Stimmung und Konfrontation: hier das christliche Abendland und dort der Islam“. Muslime und Araber dürften nicht zu „kollektiven Feindbildern“ erklärt werden.

          Muslime in Deutschland verurteilen den Terror

          Die in der Bundesrepublik lebenden Muslime distanzieren sich mit Nachdruck von radikalen Islamisten wie dem Top-Terroristen Osama bin Ladin. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland, der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland und die Türkisch-Islamische Union betonten am Freitag in Berlin, sie verurteilten die Terrorakte in den USA auf das Schärfste. Ali Kilinc von der Türkisch-Islamischen Union sagte, seine Organisation werde zukünftig noch deutlicher machen, dass „Terror und Islam nichts gemein haben“. Aly Abdelwahab vom Zentralrat der Muslime fügte hinzu, die für die Anschläge Verantwortlichen könnten im Islam keine Rechtfertigung für ihre Taten finden. Bundesweit wird in den Moscheen in Deutschland bei den Freitagsgebeten der Opfer der Anschläge und der Hinterbliebenen gedacht.

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