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Februarrevolution 1917 : Der Sieg des „historischen Russlands“

Revolutionsstimmung: Aufständische Soldaten und Matrosen im Februar 1917 in den Straßen von St. Petersburg Bild: www.bridgemanimages.com

Wie geht Wladimir Putin mit dem unbequemen Gedenken an die bürgerliche Revolution von 1917 um? Vor 100 Jahren bot sich mit dem Sturz des zaristischen Systems die Chance für eine demokratische Entwicklung.

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          Die Zeit wird knapp: Es bleiben nur noch wenige Wochen, bis sich der Beginn der russischen Revolution von 1917 Mitte Februar zum hundertsten Mal jährt - und die Arbeit am offiziellen Gedenkprogramm hat gerade erst begonnen. Das von Präsident Wladimir Putin eingesetzte Organisationskomitee ist vergangenen Mittwoch zum ersten Mal zusammengetreten. Früher war das kaum möglich, denn der entsprechende Erlass des Kremls stammt vom 19. Dezember. Bis dahin herrschte Ungewissheit darüber, wer dafür verantwortlich sein soll, wie Russland sich jener Ereignisse erinnert, die in ihrer Summe die vermutlich tiefste Zäsur seiner Geschichte sind und nicht nur sein Schicksal, sondern das der ganzen Welt über Jahrzehnte geprägt haben.

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Dass die Vorbereitungen so spät beginnen, hat damit zu tun, dass sich die russische Führung mit der Bewertung des Jahres 1917 schwertut. In Russland wird von Staats wegen seit Jahren ein Geschichtsbild gepflegt, in dem Zweideutigkeiten und Zwischentöne nicht vorgesehen sind. Geschichtsschreibung hat von der Größe, den Siegen und Helden Russlands zu berichten. „Für uns sind nicht die Dutzende von Versionen wichtig, in denen die historische Wahrheit manchmal umherirrt wie in einem dunklen Wald“, schreibt der russische Kulturminister Wladimir Medinskij im Vorwort seines Bestsellers „Mythen über Russland“. Wichtig sei das „leuchtende Beispiel“ für die heutige Generation, das aus der Geschichte zu gewinnen sei.

          Die Rehabilitierung Stalins in den vergangenen Jahren folgt diesem Imperativ. Dessen Verbrechen werden nicht geleugnet, aber gegen die angeblichen Erfolge bei der Industrialisierung des Landes und vor allem gegen den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg abgewogen - und für leichter befunden. Das Gedenken an die vielen Millionen Opfer des GULag kommt daher in der russischen Öffentlichkeit nur am Rande vor. Unschuldige Opfer der Repressionen und Gefangene, die für ihren Glauben oder ihre Ideale einstanden, taugen für die offiziöse Geschichtsschreibung nicht als „leuchtende Beispiele“. Sie finden sich unter Ingenieuren, Professoren, Aktivisten der kommunistischen Jugendorganisation, Geheimdienstlern und Soldaten: Held kann nur sein, wer loyal für Größe und Stärke des russischen Staates gekämpft hat. Dieser wird über allen historischen Brüchen bestehender unveränderlicher Gegenstand nationalen Stolzes gefeiert - so ist es möglich, gleichzeitig das Zarenreich und die Sowjetunion zu glorifizieren.

          Die Revolutionen im Februar und im Oktober 1917 und der darauffolgende Bürgerkrieg zwischen „Roten“ und „Weißen“ entziehen sich dieser Erzählweise. Es sind Jahre des Bruchs, nicht der Kontinuität, Jahre der inneren Schwäche und des Zerfalls, nicht der Siege und der Größe, Jahre eines unendlich grausamen Kampfes von Russen gegen Russen, in dem nur derjenige Helden finden kann, der sich für eine der beiden Seiten entscheidet.

          In seiner diesjährigen Rede an die Nation sagte Putin Anfang Dezember über das bevorstehende Revolutionsgedenken, die „Lehren der Geschichte benötigen wir vor allem zur Versöhnung, zur Stärkung der gesellschaftlichen und politischen Einmütigkeit, die wir heute erreicht haben“. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass „aus eigenen politischen und anderen Eigeninteressen mit den Tragödien spekuliert wird, die praktisch jede Familie in Russland getroffen haben, auf welcher Seite der Barrikaden sich unsere Vorfahren damals auch gefunden haben“.

          In Wirklichkeit zeichnet sich indes ab, dass die russische Führung genau das versucht: die Erinnerung an die Schrecken von Revolution und Bürgerkrieg zur Legitimierung ihrer eigenen Herrschaft zu instrumentalisieren. Die Umwälzungen der Jahre nach 1917 sind ein Trauma, das in der russischen Gesellschaft bis heute nachwirkt, zumal sie sich in ein weit in die russische Geschichte zurückreichendes Muster einzufügen scheinen: Das Zarenreich wurde im 17. und 18. Jahrhundert von unerhört grausamen sozialen Aufständen erschüttert, deren destruktive Wut im 19. Jahrhundert in den Anschlägen linker Terroristen nachklang. Der Begriff des „Russkij Bunt“, der „russischen Revolte“, wurde Synonym einer wilden Gewaltorgie. Angesichts der in Russland tief verwurzelten Furcht vor einem solchen Aufruhr hat die Protestbewegung des Winters 2011/12 betont, sie wolle keine Revolution.

          An diese historischen Ängste der Russen haben die Machthaber bereits während der Revolution in der Ukraine appelliert. „Wir sehen, wie die romantische Rhetorik der Tribune der verschiedenen farbigen Revolutionen Blut und menschliches Leiden nach sich zieht“, sagte der Chef des Auslandsgeheimdienstes, Sergej Naryschkin, auf der ersten Sitzung des Organisationskomitees für die Gedenkveranstaltungen vorige Woche - als Vorsitzender der Russischen Historischen Gesellschaft ist er für die offizielle Erinnerung an 1917 verantwortlich: „Ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft eine kräftige Impfung gegen solche Technologien hat.“ Hinter der Formulierung „solche Technologien“ steht die Behauptung der russischen Führung, Protestbewegungen im postsowjetischen Raum seien Operationen westlicher Geheimdienste zur Schwächung Russlands. Die Unterstellung, Regierungskritiker im heutigen Russland handelten im Auftrag feindlicher Kräfte, wird in den staatlichen Medien regelmäßig wiederholt und wurde mit dem Gesetz über „ausländische Agenten“ in Gesetzesform gegossen.

          Die Analogie zum Jahr 1917 liegt auf der Hand: Schließlich gelangten Lenin und andere führende Bolschewiki im April 1917 mit Hilfe des Deutschen Reiches aus dem Schweizer Exil zurück nach Russland, woraus schon damals der Mythos entstand, sie hätten in deutschem Auftrag gehandelt. Kulturminister Medinskij hat diesen Aspekt aufgegriffen, als er im Mai vorigen Jahres erste Leitlinien für das Revolutionsgedenken formulierte: Es müsse klarwerden, wie „falsch es ist, im innenpolitischen Kampf auf die Hilfe ausländischer ,Verbündeter‘ zu setzen“.

          Den tiefen Bruch, den das Ende der Monarchie im Februar und der kommunistische Umsturz im Oktober 1917 für die russische Geschichte bedeuten, versucht Medinskij durch eine waghalsige geschichtsphilosophische Konstruktion zu überbrücken: Die Bolschewisten seien von der Logik der Geschichte gezwungen worden, nach ihrer Machtergreifung entgegen ihren eigenen ideologischen Vorgaben den zerstörten russischen Staat wiederaufzubauen. Nicht die „Roten“ hätten über die „Weißen“ gesiegt, gewonnen habe „eine dritte Kraft, die am Bürgerkrieg nicht teilgenommen hat - das historische Russland“. Von diesem Punkt zieht Medinskij eine Linie in die Gegenwart: Nach der Zerstörung der Sowjetunion 1991 „sehen wir gerade jetzt, wie das historische Russland, ohne zu schwanken, in seine Rechte zurückkehrt - so wie das immer in unserer Geschichte war“.

          Eine wesentliche Frage hat in diesen Überlegungen keinen Platz: die nach den im jeweiligen Herrschaftssystem liegenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ursachen, die 1917 zur Revolution und 1991 zum Zerfall der Sowjetunion geführt haben. Diese Frage ist angesichts der ungeheuren strukturellen Probleme des heutigen Russlands auch nicht im Sinne der Machthaber.

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