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FDP : Wandlungen im gelben Pullunder

Wie weiter? Philipp Rösler und Christian Lindner Bild: Photothek via Getty Images

Die FDP-Bundestagsfraktion hat ihre letzte Sitzung hinter sich gebracht - und „Liquidatoren“ bestimmt. Den politischen Neuaufbruch will auch Hans-Dietrich Genscher beeinflussen. Aber gegen seine Einmischung regt sich Widerstand.

          Die Rauswahl aus dem Deutschen Bundestag bedeutet das Ende der bisherigen FDP. Alle treten ab oder zurück. Nur Hans-Dietrich Genscher nicht. Am Dienstag kam die Fraktion zur voraussichtlich letzten Sitzung im Reichstagsgebäude zusammen. Haupttagesordnungspunkt war die Bestimmung eines „Liquidators“. Der muss die politische Insolvenz verwalten, von Personalfragen bis hin zur Versteigerung fraktionseigener Kaffeemaschinen. Bald beginnt, was der designierte Parteivorsitzende Christian Lindner als „Parlamentspause“ umschreibt.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Hans-Dietrich Genscher, der jede Wendung und Wandlung der FDP seit vielen Jahrzehnten überstanden hat, will auch den jüngsten Neuaufbruch im 21. Jahrhundert beeinflussen, möchte aus seinem Bonner Häuslein mit dirigieren. Dort dreht er vielleicht auch heute an der Wählscheibe seines Telefons. Aber diesmal regt sich Widerstand gegen die Einmischung des Ehrenvorsitzenden. Das ist kaum weniger als eine historische Zäsur: Erstmals in diesem Jahrhundert wird aus der FDP dem Mann widersprochen, der über Jahrzehnte das vielsagende Nichtssagen zu seinem Markenzeichen geformt hat. Sogar die Bundeskanzlerin bewundert ihn dafür. Genscher, der Allerheiligste der ehemals drei Ehrenvorsitzenden neben Walter Scheel und Otto Graf Lambsdorff, gilt als Wegbegleiter sämtlicher FDP-Chefs seit 1985 und hat in dieser Rolle stets auf der richtigen Seite der liberalen Parteigeschichte gestanden. Dass er nun, zunächst von scheidenden Abgeordneten und Juli-Regionalverbänden, dann auch im FDP-Bundesvorstand erstmals öffentlich kritisiert wird, verändert die FDP. Vielleicht zum Besseren?

          Der 86 Jahre alte Genscher hatte am Montag in der Zeitschrift „Der Spiegel“ mit der alten Führung abgerechnet: Die Zweitstimmenkampagne sei „unwürdig“ gewesen, der Wahlkampf habe keine Botschaft besessen. Zum bald ehemaligen Parteivorsitzenden Philipp Rösler ließ er protokollieren, er habe „bei Personalfragen“ schon „frühzeitig gewarnt“. „Handelnde Personen“ hätten, so Genscher wolkig, „nicht das Vertrauen der Wähler“ gehabt. Repräsentanten der FDP habe es an Einfühlungsvermögen gefehlt, urteilte Genscher diplomatisch. Auf die Frage, ob er damit Röslers Worte zu „Anschlussverwendungen“ für Schlecker-Mitarbeiterinnen gemeint habe, entgegnete er gefühlvoll: „Ich wäre unaufrichtig wenn ich behaupten würde, ich hätte daran nicht gedacht.“ Dem Euro-Kritiker Frank Schäffler legte Genscher den Austritt aus der FDP nahe. Zudem pries er die Talente des Retters Lindner. Dass der Gelobte als langjähriger Parteifunktionär selbst mit dem Niedergang zu tun haben könnte, war dem Altmeister des zwiespältigen Wortes keine Erwähnung wert, hieß es mit bitterer Zunge aus dem Kreise der Betroffenen. Zu Lindners sehr plötzlicher Amtsniederlegung als Generalsekretär, mancherorts als Flucht empfunden, sagt Genscher, Lindner habe „auch die Kraft gefunden, sich zu lösen“.

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