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FAZ.NET-Spezial : Es wird heißer, soviel steht fest

Die Extreme werden mehr - bei Neu-Esting löscht die Feuerwehr ein brennendes Feld Bild: ddp

Der Juli bescherte zahlreiche Wetter-Rekorde. Daran sollten wir uns gewöhnen. Statt Sommer und Winter drohen Deutschland Trocken- und Regenzeiten. Was kann der Klimawandel für Auswirkungen haben? Sieben Antworten. Ein FAZ.NET-Spezial.

          3 Min.

          Am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg gab es vergangene Woche hitzefrei. Strenggenommen hätten die Wetterforscher mit dem Wetterforschen sogar aufhören müssen, denn laut Arbeitsstättenrichtlinie darf die Raumtemperatur am Arbeitsplatz 26 Grad Celsius nicht übersteigen. In einem der Büros zeigte das Thermometer am Donnerstag mittag 38,2 Grad.

          Ulf von Rauchhaupt
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um so mehr freut sich Daniela Jacob auf die für nächste Woche angekündigte Abkühlung. Der Expertin für Klimamodellierung am Max-Planck-Institut für Meteorologie wurde die Hitzewelle nicht nur wegen der stickigen Luft in ihrem Büro langsam lästig. Ständig klingelte das Telefon. Dabei war Daniela Jacob schon im April eine gefragte Frau. Damals stellte ihre Arbeitsgruppe im Auftrag des Umweltbundesamtes in Dessau Ergebnisse einer Computersimulation vor, die es zum ersten Mal unternimmt, die langfristigen Folgen der erwarteten globalen Erwärmung für Deutschland detailliert abzuschätzen.

          Skifahren braucht keiner mehr zu lernen

          Die Ergebnisse sind alarmierend. Je nach Anstieg der Treibhausgase könnten demnach bis zum Ende des Jahrhunderts die Temperaturen in Deutschland - vor allem im Süden und Südosten - um bis zu 3,5 Grad Celsius im Vergleich zum Mittelwert der vergangenen Jahrzehnte steigen. Im Sommer wird es in weiten Teilen des Landes weniger regnen, mancherorts bis zu 30 Prozent. Für den Winter dagegen errechneten die Computer mehr Niederschläge. Allerdings könnte nur noch etwa ein Sechstel als Schnee fallen. In den vergangenen 50 Jahren war es im Schnitt noch ein Drittel. Wer heute nicht Skifahren kann, braucht es nicht mehr zu lernen.

          Unseren Jahreszeiten droht damit ein Stück weit ein Muster wie in den winterfeuchten Subtropen, also wie im Mittelmeerraum oder in Kalifornien: Statt grünen Sommern und weißen Wintern gibt es eher eine Trockenzeit und eine Regenzeit - mit langfristigen, aber schwer abschätzbaren Folgen für Pflanzen, Tiere und natürlich auch den Menschen.

          Zunahme extremer Wetterereignisse

          Dabei sind die schleichenden Klimaänderungen gar nicht das eigentliche Problem, auch wenn die möglicherweise sogar so schnell vonstatten gehen wie seit Jahrtausenden nicht mehr. Schlimmer wird sich wohl die Zunahme extremer Wetterereignisse auswirken: häufigere und längere Hitzewellen wie die der vergangenen Wochen, mehr Stürme und sintflutartige Regenfälle.

          Allerdings ist eine solche „Klimaprojektion“, wie die Forscher derartige Berechnungen nennen, keine Wettervorhersage. Der Computer kann nicht berechnen, wie heiß der nächste Sommer wird, sondern nur, daß die 30 Sommer zwischen 2071 und 2100 im Mittel wahrscheinlich heißer werden, als es die zwischen 1961 und 1990 waren - und das auch nur mit einer Unsicherheit von etwa einem halben Grad Celsius. „Das Entscheidende ist, daß die Unsicherheiten deutlich kleiner sind als das Ausmaß der Änderungen“, sagt Frau Jacob.

          Abschwächung des Golfstroms ändert nichts

          Dieser regionale Temperaturtrend paßt zu den Ergebnissen globaler Klimamodelle. Das ist aber insofern wenig erstaunlich, als Frau Jacobs Deutschland-Modell ja auf die Ergebnisse solcher weltweiter Szenarien zurückgreift und sie präzisiert. Allerdings passen die räumlichen Muster gut zu den Klimaprojektionen anderer europäischer Forschergruppen. Kaum ein Klimaforscher zweifelt daher ernsthaft, daß es auch bei uns wärmer wird.

          Daran wird übrigens auch eine Abschwächung des Golfstroms nichts ändern - jener Mechanismus, der in dem Film „The Day after Tomorrow“ eine abrupte Eiszeit auslöst. Tatsächlich könnte der golfstrombedingte Wärmetransport nach Europa nach einem ebenfalls am MPIM entwickelten globalen Klimamodell bis zum Ende des Jahrhunderts um 30 Prozent zurückgehen. Doch das ist in der Hamburger Modellrechnung schon berücksichtigt.

          „Das ist ein wichtiger Punkt“

          Etwas anders sieht es bei der Frage nach den Niederschlagsmengen aus. Hier gibt es auch Forscher, die damit rechnen, daß die globale Erwärmung in Mitteleuropa die sommerlichen Niederschläge eher steigen als fallen läßt. „Die Niederschlagsmengen sind zweifellos am schwierigsten abzuschätzen“, sagt Daniela Jacob, „die Unsicherheiten liegen hier bei zehn Prozent.“ Im großen und ganzen ist die Wissenschaftlerin aber auch bei den Niederschlägen von der Zuverlässigkeit ihrer Rechnungen überzeugt. „Wichtig ist, daß das Modell robust die Muster wiedergibt, die mit der Topographie zusammenhängen“, sagt sie. Das gilt besonders für die deutschen Mittelgebirge.

          So zeigt sich etwa beim Schwarzwald, daß die Niederschläge auf der Westseite abnehmen, auf der Ostseite dagegen tendenziell zunehmen könnten. Was das Hamburger Klimamodell allerdings noch nicht berücksichtigt, ist etwas, das in der Klimageschichte zumindest in einem Fall - vor 10.000 bis 5000 Jahren in der Ostsahara - eine entscheidende Rolle bei einem regionalen Klimawandel gespielt haben muß: die Änderung in der Vegetation und ihre Rückwirkung auf das Klima. „Das ist ein wichtiger Punkt“, sagt Daniela Jacob, die gleichwohl schätzt, daß sich das in Mitteleuropa nur in den Höhenlagen entscheidend bemerkbar machen wird.

          Kann der Mensch nicht auch etwas tun?

          Die größte Unsicherheit allerdings ist der Mensch. Das Treibhausgas Kohlendioxyd aus seinen Auspuffrohren, Flugzeugturbinen und Kraftwerkschloten dürften den prognostizierten Klimawandel zumindest mitverursacht haben. Kann der Mensch daher nicht auch etwas dagegen tun?

          Auch hier sind die Ergebnisse der Klimasimulation ernüchternd. Daniela Jacob hat ihre Computer mehrere Fälle durchrechnen lassen. Die 3,5 Grad Temperaturanstieg bis zum Ende des 21. Jahrhunderts blühen uns demnach, falls der CO2-Ausstoß ungebremst ansteigt wie bisher. Wenn die Menschheit es dagegen schafft, die Emissionen so zu drosseln, daß sie nach 2050 wieder auf das Niveau von 1990 gefallen sind, dann errechnet das Hamburger Modell auch für dieses günstigste denkbare Szenario einen Anstieg um 2,5 Grad. Völlig abwenden können wir den Klimawandel also nicht mehr.

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