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FAZ.NET-Frühkritik: Maybrit Illner : Rolle vorwärts

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Die Forderung eines heutigen Demonstranten nach Sicherheiten von gestern wird künftigen Generationen wohl nur noch ein müdes Lächeln abringen Bild: dpa

Zwischen dem Halbfinale und dem Finale des „Grand Prix Eurovision“ gelang Frau Illner ein bemerkenswertes Stück Journalismus. Es ging um die Rente.

          Bisweilen wird beklagt, es habe sich trotz des Zusammenbruchs der Finanzmärkte seit August 2007 kaum etwas verändert. Die Diskussionen verliefen wieder in den alten Bahnen und Konsequenzen wären kaum gezogen worden. Diese Sichtweise wird zumeist geprägt von der Eurodebatte, die aber kaum als Maßstab betrachtet werden kann. Zu sehr haben wir es hier mit einer Thematik zu tun, die ökonomische und politische Sichtweisen in einzigartiger Weise miteinander verbindet. Die Zukunft des Euro betrifft eben mehr als nur die Wirtschafts- oder Währungspolitik. Die europäische Integration hat zudem die Grenzen zwischen Außen- und Innenpolitik obsolet werden lassen, völlig unabhängig davon, wie man die Zukunft des Euro beurteilt. Es ist tatsächlich ein historisch neuer Sachverhalt, um den es in dieser Debatte geht. Insoweit kann es auch keine Vorläufer dafür geben.

          Kein Stück aus dem Referat „Agitation und Propaganda“

          Wer die Veränderungen in der innenpolitischen Debatte beurteilen will, sollte sich eine Sendung der bis Juli 2007 ausgestrahlten Talk-Show von Sabine Christiansen ansehen – und die mit der gestrigen Sendung von Maybrit Illner vergleichen. „Zu wenig, zu spät, zu ungerecht - reicht die Rente morgen noch zum Leben?“, so war ihr Thema. Frau Christiansen hatte im Jahr 2006 die Erhöhung des Renteneintrittsalters völlig ignoriert. Sie ließ dafür lieber am 30. Oktober 2005 über die Frage diskutieren: „Melkkuh Sozialstaat – sind wir ein Volk von Abzockern?“ Wo bei Frau Christiansen die üblichen Verdächtigen saßen, zumeist garniert mit einem „linken“ Feigenblatt, hat Frau Illner gestern Abend Menschen in ihre Sendung eingeladen, die damals unter der Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit geblieben waren. Wen wundert es dann, dass die Sendung gestern Abend so anders verlief als die zu Frau Christiansens Zeiten? Es war tatsächlich Journalismus und kein Stück aus dem Referat „Agitation und Propaganda“, nur halt damals schon gesamtdeutsch und aus Fernsehgebühren der ARD bezahlt.

          „Eine Currywurst, aber ohne Pommes“

          Das lag auch daran, dass mit der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden, Manuela Schwesig, und dem stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Fuchs, nur zwei Spitzenpolitiker vertreten waren. Beide hatten einen schweren Stand. Mussten sie doch die Folgen einer Politik vertreten, die sie zuletzt in der großen Koalition bis 2009 selbst auf den Weg gebracht hatten. Die Fakten lassen sich nicht bestreiten: In der Gesetzlichen Rentenversicherung hat es seit dem Jahr 2000 für die heutige Rentner-Generation beispiellose reale Einkommenseinbussen gegeben. Der „Senioren-Aktivist“, so nannte Frau Illners Redaktion ihren Gast Walter Bromberger, bezifferte den Kaufkraftverlust auf acht Prozent, womit er allerdings noch optimistisch war. Die Bundesregierung selbst hatte ihn schon im vergangenen Jahr für den Osten auf 22 Prozent und für den Westen auf 17 Prozent beziffert.

          Die Rentenerhöhung von 0,25 Prozent im Westen, auf Basis von Brombergers Rente der Gegenwert „einer Currywurst, aber ohne Pommes“, hat übrigens eine Ursache. In diesem Jahr werden die während der großen Koalition ausgesetzten Rentenkürzungen kompensiert, die damals nach der aktuellen Rentenanpassungsformel eigentlich nötig gewesen wären. Aber damit ist die Dramatik des Umbaus der Rentenversicherung noch unzureichend beschrieben. Vor allem der Journalist und Autor, Holger Balodis, machte deutlich, wie die zahllosen Reformen der vergangenen Jahrzehnte die Ansprüche der zukünftigen Rentnergeneration reduziert haben. Es ist tatsächlich nicht mehr die Frage, ob es Altersarmut geben wird, sondern wer davon nicht betroffen sein wird.

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