https://www.faz.net/-gpf-6wh01

FAZ.NET-Fernsehkritik : Wir sind doch nicht seine Mailbox

Welches Amtsverständnis hat dieser Bundespräsident? Die Umstände des Interviews geben einen Hinweis Bild: dpa

Der Bundespräsident gibt ARD und ZDF ein Interview. Sonst redet er mit niemandem. Das verrät viel über sein Amtsverständnis. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erlebt ein Waterloo.

          6 Min.

          Es ist lange her, dass der Beobachter im Fernsehen zuletzt ein Testbild gesehen hat – eigentlich seit Abschaffung des Sendeschlusses nicht mehr, oder vielleicht einmal bei einer Sendestörung während einer Fußballübertragung aus Fernost. Am Mittwoch nun war ein Testbild der ARD zu sehen, oben Farbstreifen, unten zwei schwarze Balken auf rotem Grund, die immer wieder aufeinander zufuhren und kollidierten. Ein Vorgeschmack auf das, was kommen sollte? Jedenfalls eine äußere Merkwürdigkeit bei einer an auch inneren Merkwürdigkeiten nicht armen Übertragung.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Zu sehen war das Testbild für die Mitglieder der Bundespressekonferenz, die in den Genuss kamen, das exklusive Interview des Bundespräsidenten vorab zu betrachten, am Mittwoch Abend um sechs, zweieinviertel Stunden ehe es dann auf den regulären Kanälen von ARD und ZDF ausgestrahlt werden sollte. Das war das Zugeständnis der beiden öffentlich-rechtlichen Sender an die Kollegen von den anderen Medien, die sich gefragt haben, auf welche Weise sie wohl Antworten von Christian Wulff über sein Verständnis von der Pressefreiheit und von seinem Amt des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland erhalten könnten. Denn solche Antworten standen in Aussicht, seit mittags der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter in der allmittwöchlichen Regierungspressekonferenz angekündigt hatte, die Bundeskanzlerin rechne mit einer baldigen Stellungnahme Wulffs, mit dem sie im ständigen Kontakt stehe, „vielleicht hat sie ja Informationen“.

          Der „staatsferne“ Rundfunk steht parat

          Bei ARD und ZDF musste der Bundespräsident am Mittwoch nicht auf irgendwelche Mailboxen sprechen. Die Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks waren zu erreichen, die Chefs der Hauptstadtstudios waren verfügbar - Bettina Schausten vom Zweiten, Ulrich Deppendorf vom Ersten Deutschen Fernsehen. Mit dem Ersten und dem Zweiten sollte man an diesem Abend besser sehen, zumindest, wie sich der Bundespräsident zu den nach wie vor offenen Fragen zu seinem doppelten Hauskredit und der Botschaft, die er auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs Kai Diekmann hinterlassen hatte, verhielte.

          Christian Wulff im Interview mit ARD und ZDF
          Christian Wulff im Interview mit ARD und ZDF : Bild: AFP

          Die Fragen waren angeblich zuvor nicht abgesprochen worden. So versicherte es Rainald Becker, der stellvertretende Chef des ARD-Hauptstadtstudios. Bei einem Vorgespräch am Vormittag mit dem Bundespräsidialamt sei es nur um technische Dinge gegangen, hieß es auf Anfrage beim ZDF. Aufgezeichnet wurde das Gespräch am Nachmittag „live on tape“, wie es im Fernsehjargon heißt und was andeuten soll, dass es keine Nachbearbeitung gegeben habe. Aber es ist natürlich für den Befragten trotzdem eine ziemlich sichere Sache.

          Ähnlich wie Wulff hatte es seinerzeit der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau gehalten, als Fragen zu seinen Privatflügen hochkochten: Rau gab den „Tagesthemen“ der ARD ein Interview, der Moderator Ulrich Wickert hatte sich freilich ausbedungen, dass er fragen könne, was er wolle und vorab nicht kundtäte, was seine Fragen seien.

          n-tv schnappt sich das Interview

          Wie das bei den öffentlich-rechtlichen Sendern üblich ist, entwickelte sich im Laufe des Tages eine Informationskaskade über die Art und Weise der Informationsgebung. Es ging darum, die Sendezeiten für den vermeintlich großen Coup miteinander abzustimmen. Zeitgleich um 20.15 Uhr sollte die Ausstrahlung erfolgen, doch dann meldete die Deutsche Presse-Agentur, dass „tagesschau.de“ das Interview schon um 19 Uhr online stellen wolle. Aber nur in Auszügen, hieß es auf Nachfrage bei der ARD. Die Kollegen wollten dem ZDF eben doch nicht den Vortritt lassen, dass seinerseits Auszüge in den „heute“-Nachrichten brachte.

          Die Fragen, sagen die Verantwortlichen von ARD und ZDF, seien nicht abgesprochen gewesen
          Die Fragen, sagen die Verantwortlichen von ARD und ZDF, seien nicht abgesprochen gewesen : Bild: AFP

          Die Vorführung des Gesprächs für die Parlamentskorrespondenten in Berlin wiederum war in der ARD-Programmdirektion in München nicht bekannt. Das „staatsferne“ Fernsehen ist halt ein großer Laden. Gleichwohl schrumpft diese Staatsferne bei einer Gelegenheit wie dieser auf Millimetermaß. Die Sender werden zum „Schwarzen Kanal“. Das wird auch daran erkennbar, dass die Interviewer Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf, in den Nachrichten ihrer eigenen Sender befragt, offenbar gar keine eigene Meinung zu dem Vorgang formulieren wollen, an dem sie teilhaben.

          Die Studiochefs von ARD und ZDF: kleinlaut und ratlos

          Liegt Wulff richtig oder nicht? Kommt er damit durch? Was sollen die Bürger von seinen Einlassungen halten? Bettina Schausten meint in der „heute“-Sendung, es sei nicht alles vom Tisch und es werde entscheidend sein, ob neue inhaltliche Details zu Wulffs Krediten ans Tageslicht kommen. Ulrich Deppendorf ringt sich in der „Tagesschau“ zu der Einschätzung durch, der Bundespräsident werde „wohl“ im Amt bleiben können. Man will es nicht fassen: Die beiden Studiochefs sind Augenzeugen aus nächster Nähe und erscheinen, nachdem sie ihre Fragen gestellt haben, wie betäubt und vor allem: kleinlaut und ratlos.

          Die Privatsender Pro Sieben Sat.1, RTL, n-tv und N 24 reichten stante pede eine Protestnote beim Bundespräsidialamt ein, weil sie nicht berücksichtigt wurden. „Die Grundlagen des dualen Fernsehsystems verpflichten auch private Rundfunkstationen zu einer umfassenden politischen Berichterstattung. Diesem Informationsauftrag können wir durch Ihre heutige Entscheidung nicht gerecht werden“, heißt es in dem Schreiben. Der Protest war vergebens. n-tv machte das Beste daraus: Der Nachrichtensender zeigte einen knapp vier Minuten langen Auszug aus dem Interview, schon bevor es bei ARD und ZDF lief.

          Schön, dass sie da sind

          „Schön, dass Sie hier jetzt ins Studio gekommen sind,“ begrüßte Bettina Schausten den Bundespräsidenten als alten Bekannten. Trotzdem ist ihr und Ulrich Deppendorf nicht vorzuwerfen, sie seien liebedienerisch mit Wulff umgegangen. Höflich, ja. Nicht scharf oder aggressiv. Aber es wurde kein Thema umschifft oder dem Gast ein Vorwurf erspart. Hat er sich nicht unwürdig verhalten, als er auf der Mailbox Kai Diekmanns vom Kriegführen sprach? Warum diese Salamitaktik? Hat er in den letzten Tagen an Rücktritt gedacht - damit wurde das Interview eingeleitet.

          Wulffs Interview wird in der Republik mit Spannung erwartet - nicht nur hier in einer Bar in Speyer
          Wulffs Interview wird in der Republik mit Spannung erwartet - nicht nur hier in einer Bar in Speyer : Bild: dapd

          Nein, das habe er nicht, gab der Präsident an, denn er habe in den letzten Wochen viel Unterstützung erfahren – von Bürgern und Mitarbeitern. Er habe „nichts Unrechtes getan, aber nicht alles richtig“ gemacht. Seine Botschaft: Ich habe das Amt für fünf Jahre übernommen, und ich werde nicht davonlaufen. (Subtext: Anders als mein Vorgänger Horst Köhler.)

          Die Sache mit der Mailbox, das war „ein schwerer Fehler, der mir leidtut, für den ich mich entschuldige“. Das habe er nach Rückkehr aus dem Ausland auch getan. Die Entschuldigung sei akzeptiert worden. „Ich halte das mit meinem eigenen Amtsverständnis nicht für vereinbar.“ Schließlich wolle er besonnen sein, „ich möchte Respekt vor dem Grundrecht der Presse- und Meinungsfreiheit haben“. Er müsse sein Verhältnis zu den Medien „neu ordnen“, sie stärker als „Mittler“ einbinden. Nun, die Medien als Mittler hat Wulff hiermit wunderbar eingebunden, um nicht zu sagen eingesetzt.

          Wulffs Schutzfunktionen

          Ansonsten setzte er auf Gefühl: Er habe sich in dem Moment als Opfer gesehen, nicht als einen, der „Bringschuld“ hat. „Vielleicht muss man die Situatiuon menschlich verstehen: Vier Länder in fünf Tagen, zehn Termine am Tag“. Das ist ja fast schlimmer als eine Doktorarbeit, ein Mandat und die Familie unter einen Hut zu bringen (aber das sagte Wulff natürlich nicht). Vielmehr verwies er auf die Heimtücke (das Wort gebrauchte er auch nicht, es schwang nur mit), in dieser Lage dann in der fernen Heimat mit „Unwahrheit“ in Verbindung gebracht zu werden. „Dann hat man Schutzfunktionen, man fühlt sich hilflos.“ Dann so zu reagieren, sei „menschlich“ - aber natürlich für einen Bundespräsidenten falsch.

          Bei dem Vorwurf, die Intervention bei Redaktionen sei offenbar kein Ausrutscher, sondern ein Muster, wie ein Vorfall im Sommer gezeigt habe, als ein Reporter von der „Welt“ eine ähnliche Reaktion erfahren hat, ging Wulff gleich zum Gegenangriff über: Das wolle doch kein Mensch, dass Dinge offenbar werden und in der Zeitung stehen über die Stiefschwester, die Verwandten, die Kinder. „Wir müssen auch aufpassen, dass Menschen noch bereit sind, ... sich der Öffentlichkeit zu stellen und in die Öffentlichkeit zu gehen.“ Es gebe „Persönlichkeitsrechte“, ja sogar „Menschenrechte auch für Bundespräsidenten“. Und andererseits, im merkwürdigen Widerspruch hierzu, stellte Wulff sich an einer Stelle sogar als Musterbeispiel für Transparenz dar, weil seine Anwälte „morgen früh“ allerlei Unterlagen ins Internet stellen sollten, so dass jeder Bürger die Behauptungen überprüfen könne: „Wenn es das in Zukunft öfter gibt, dann wird das unsere Republik auch zu mehr Transparenz positiv verändern.“

          Er habe einen Lernprozess machen müssen

          Noch einmal Verständnis heischend: Er habe einen „Lernprozess“ machen müssen, als er von Hannover nach Berlin geholt wurde, „ohne Karenzzeit, ohne Vorbereitungszeit“. Immerhin, da unterbrach ihn Deppendorf: Ob der deutsche Bundespräsident denn jetzt noch im Ausland die Pressefreiheit verteidigen könne? Und Schausten fragte: Warum er versucht habe, die Veröffentlichung der „Bild“-Zeitung zu unterbinden. Das habe er gar nicht versucht, beteuerte Wulff daraufhin. Er habe nur „gebeten“, sie um einen Tag aufzuschieben. Und er habe „gebeten“ zu erwähnen, dass er selbst nun Frau Geerkens als Kreditgeber genannt habe, das also keine „Enthüllung“ sei.

          Nein, die Fragen waren nicht das Problem in dieser öffentlich-rechtlichen Sendung. Das Problem war das Format. Wenn man dem Präsidenten die fünf, sechs anstehenden Fragen stellen will und dafür nur eine Viertelstunde Zeit hat, dann ist es kaum möglich, an den Stellen mehrfach nachzuhaken, an denen sich die Widersprüche auftun. Zum Beispiel: Was ist das für eine „Bitte“, wenn Redakteuren mit dem Strafrecht gedroht wird? Oder: Es ging nur um Aufschub? Aber die „Bild“-Zeitung hatte doch schon Tage vorher einen länglichen Fragenkatalog geschickt, wie am Mittwoch im Blatt dokumentiert. Und der Präsident hatte auch schon antworten lassen - die Antworten dann aber wieder zurückgezogen.

          Wollte er die Fragen wirklich beantworten?

          Um es ganz genau zu machen: Am Sonntag, 11. Dezember 2011, ging die Email mit den Fragen der „Bild“-Redaktion an Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker raus. Der Bitte, noch einen Tag mit der Veröffentlichung zu warten, wurde entsprochen und die Geschichte für die Ausgabe vom folgenden Dienstag verschoben. Am Montag kamen die Antworten auf die Fragen zu Wulffs Kredit bei der Frau des Unternehmers Egon Geerkens und bei der BW-Bank. Doch wurden diese Antworten kurz vor Redaktionsschluss zurückgezogen. Und erst danach, es war Montag, 12. Dezember, 18.19 Uhr, sprach Wulff auf Diekmanns Mailbox. Allein schon durch diese zeitliche Abfolge wird die Einlassung des Bundespräsidenten, er habe die Berichterstattung nicht verhindern wollen, einigermaßen erschüttert.

          Im Interview bei ARD und ZDF bleibt die Behauptung stehen. Abnehmen muss man sie Christian Wulff nicht. Wer hier den Rubikon überschritten hat, von dem auf der Mailbox die Rede ist, ist eigentlich keine Frage mehr.

          Weitere Themen

          „November wird der Monat der Entscheidung“ Video-Seite öffnen

          Armin Laschet : „November wird der Monat der Entscheidung“

          Der NRW-Ministerpräsident fordert die Wiedereinführung strenger Kontaktregeln zur Bekämpfung des Coronavirus. „Die Lage ist sehr, sehr ernst“, im November entscheide sich, wie Deutschland durch die nächsten Monate durch die Pandemie komme, betonte Laschet.

          Topmeldungen

          Ilhan Omar spricht bei einem Auftritt im Vorwahlkampf in Minneapolis vergangenen August mit der Presse.

          Wahlkampf in Amerika : Trump attackiert muslimische Abgeordnete

          Sie hasse Amerika, sagt der Präsident über die Amerikanerin Ilhan Omar, und greift auch noch die demokratische Gouverneurin von Michigan an. Joe Bidens Unterstützer setzen unterdessen auch auf Staaten, die eigentlich als sichere Bank der Republikaner gelten. Und Melania Trump hat ihren ersten Solo-Auftritt.
          Friedrich Merz in Berlin am Sonntag auf dem Weg zu den Beratungen über den CDU-Parteitag.

          Soll er verhindert werden? : Merz spaltet die Partei

          Es gibt genug Staatsmänner in der Welt, die mit Populismus, Narzissmus, Schaumschlägerei und Verschwörungsdenken glänzen. Will nun auch die CDU einen solchen Mann an ihrer Spitze haben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.