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FAZ.NET-Fernsehkritik : Wir sind doch nicht seine Mailbox

Welches Amtsverständnis hat dieser Bundespräsident? Die Umstände des Interviews geben einen Hinweis Bild: dpa

Der Bundespräsident gibt ARD und ZDF ein Interview. Sonst redet er mit niemandem. Das verrät viel über sein Amtsverständnis. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erlebt ein Waterloo.

          Es ist lange her, dass der Beobachter im Fernsehen zuletzt ein Testbild gesehen hat – eigentlich seit Abschaffung des Sendeschlusses nicht mehr, oder vielleicht einmal bei einer Sendestörung während einer Fußballübertragung aus Fernost. Am Mittwoch nun war ein Testbild der ARD zu sehen, oben Farbstreifen, unten zwei schwarze Balken auf rotem Grund, die immer wieder aufeinander zufuhren und kollidierten. Ein Vorgeschmack auf das, was kommen sollte? Jedenfalls eine äußere Merkwürdigkeit bei einer an auch inneren Merkwürdigkeiten nicht armen Übertragung.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Zu sehen war das Testbild für die Mitglieder der Bundespressekonferenz, die in den Genuss kamen, das exklusive Interview des Bundespräsidenten vorab zu betrachten, am Mittwoch Abend um sechs, zweieinviertel Stunden ehe es dann auf den regulären Kanälen von ARD und ZDF ausgestrahlt werden sollte. Das war das Zugeständnis der beiden öffentlich-rechtlichen Sender an die Kollegen von den anderen Medien, die sich gefragt haben, auf welche Weise sie wohl Antworten von Christian Wulff über sein Verständnis von der Pressefreiheit und von seinem Amt des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland erhalten könnten. Denn solche Antworten standen in Aussicht, seit mittags der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter in der allmittwöchlichen Regierungspressekonferenz angekündigt hatte, die Bundeskanzlerin rechne mit einer baldigen Stellungnahme Wulffs, mit dem sie im ständigen Kontakt stehe, „vielleicht hat sie ja Informationen“.

          Der „staatsferne“ Rundfunk steht parat

          Bei ARD und ZDF musste der Bundespräsident am Mittwoch nicht auf irgendwelche Mailboxen sprechen. Die Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks waren zu erreichen, die Chefs der Hauptstadtstudios waren verfügbar - Bettina Schausten vom Zweiten, Ulrich Deppendorf vom Ersten Deutschen Fernsehen. Mit dem Ersten und dem Zweiten sollte man an diesem Abend besser sehen, zumindest, wie sich der Bundespräsident zu den nach wie vor offenen Fragen zu seinem doppelten Hauskredit und der Botschaft, die er auf der Mailbox des „Bild“-Chefredakteurs Kai Diekmann hinterlassen hatte, verhielte.

          Christian Wulff im Interview mit ARD und ZDF

          Die Fragen waren angeblich zuvor nicht abgesprochen worden. So versicherte es Rainald Becker, der stellvertretende Chef des ARD-Hauptstadtstudios. Bei einem Vorgespräch am Vormittag mit dem Bundespräsidialamt sei es nur um technische Dinge gegangen, hieß es auf Anfrage beim ZDF. Aufgezeichnet wurde das Gespräch am Nachmittag „live on tape“, wie es im Fernsehjargon heißt und was andeuten soll, dass es keine Nachbearbeitung gegeben habe. Aber es ist natürlich für den Befragten trotzdem eine ziemlich sichere Sache.

          Ähnlich wie Wulff hatte es seinerzeit der verstorbene Bundespräsident Johannes Rau gehalten, als Fragen zu seinen Privatflügen hochkochten: Rau gab den „Tagesthemen“ der ARD ein Interview, der Moderator Ulrich Wickert hatte sich freilich ausbedungen, dass er fragen könne, was er wolle und vorab nicht kundtäte, was seine Fragen seien.

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