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FAZ.NET-Fernsehkritik : Wir sind doch nicht seine Mailbox

Die Sache mit der Mailbox, das war „ein schwerer Fehler, der mir leidtut, für den ich mich entschuldige“. Das habe er nach Rückkehr aus dem Ausland auch getan. Die Entschuldigung sei akzeptiert worden. „Ich halte das mit meinem eigenen Amtsverständnis nicht für vereinbar.“ Schließlich wolle er besonnen sein, „ich möchte Respekt vor dem Grundrecht der Presse- und Meinungsfreiheit haben“. Er müsse sein Verhältnis zu den Medien „neu ordnen“, sie stärker als „Mittler“ einbinden. Nun, die Medien als Mittler hat Wulff hiermit wunderbar eingebunden, um nicht zu sagen eingesetzt.

Wulffs Schutzfunktionen

Ansonsten setzte er auf Gefühl: Er habe sich in dem Moment als Opfer gesehen, nicht als einen, der „Bringschuld“ hat. „Vielleicht muss man die Situatiuon menschlich verstehen: Vier Länder in fünf Tagen, zehn Termine am Tag“. Das ist ja fast schlimmer als eine Doktorarbeit, ein Mandat und die Familie unter einen Hut zu bringen (aber das sagte Wulff natürlich nicht). Vielmehr verwies er auf die Heimtücke (das Wort gebrauchte er auch nicht, es schwang nur mit), in dieser Lage dann in der fernen Heimat mit „Unwahrheit“ in Verbindung gebracht zu werden. „Dann hat man Schutzfunktionen, man fühlt sich hilflos.“ Dann so zu reagieren, sei „menschlich“ - aber natürlich für einen Bundespräsidenten falsch.

Bei dem Vorwurf, die Intervention bei Redaktionen sei offenbar kein Ausrutscher, sondern ein Muster, wie ein Vorfall im Sommer gezeigt habe, als ein Reporter von der „Welt“ eine ähnliche Reaktion erfahren hat, ging Wulff gleich zum Gegenangriff über: Das wolle doch kein Mensch, dass Dinge offenbar werden und in der Zeitung stehen über die Stiefschwester, die Verwandten, die Kinder. „Wir müssen auch aufpassen, dass Menschen noch bereit sind, ... sich der Öffentlichkeit zu stellen und in die Öffentlichkeit zu gehen.“ Es gebe „Persönlichkeitsrechte“, ja sogar „Menschenrechte auch für Bundespräsidenten“. Und andererseits, im merkwürdigen Widerspruch hierzu, stellte Wulff sich an einer Stelle sogar als Musterbeispiel für Transparenz dar, weil seine Anwälte „morgen früh“ allerlei Unterlagen ins Internet stellen sollten, so dass jeder Bürger die Behauptungen überprüfen könne: „Wenn es das in Zukunft öfter gibt, dann wird das unsere Republik auch zu mehr Transparenz positiv verändern.“

Er habe einen Lernprozess machen müssen

Noch einmal Verständnis heischend: Er habe einen „Lernprozess“ machen müssen, als er von Hannover nach Berlin geholt wurde, „ohne Karenzzeit, ohne Vorbereitungszeit“. Immerhin, da unterbrach ihn Deppendorf: Ob der deutsche Bundespräsident denn jetzt noch im Ausland die Pressefreiheit verteidigen könne? Und Schausten fragte: Warum er versucht habe, die Veröffentlichung der „Bild“-Zeitung zu unterbinden. Das habe er gar nicht versucht, beteuerte Wulff daraufhin. Er habe nur „gebeten“, sie um einen Tag aufzuschieben. Und er habe „gebeten“ zu erwähnen, dass er selbst nun Frau Geerkens als Kreditgeber genannt habe, das also keine „Enthüllung“ sei.

Nein, die Fragen waren nicht das Problem in dieser öffentlich-rechtlichen Sendung. Das Problem war das Format. Wenn man dem Präsidenten die fünf, sechs anstehenden Fragen stellen will und dafür nur eine Viertelstunde Zeit hat, dann ist es kaum möglich, an den Stellen mehrfach nachzuhaken, an denen sich die Widersprüche auftun. Zum Beispiel: Was ist das für eine „Bitte“, wenn Redakteuren mit dem Strafrecht gedroht wird? Oder: Es ging nur um Aufschub? Aber die „Bild“-Zeitung hatte doch schon Tage vorher einen länglichen Fragenkatalog geschickt, wie am Mittwoch im Blatt dokumentiert. Und der Präsident hatte auch schon antworten lassen - die Antworten dann aber wieder zurückgezogen.

Wollte er die Fragen wirklich beantworten?

Um es ganz genau zu machen: Am Sonntag, 11. Dezember 2011, ging die Email mit den Fragen der „Bild“-Redaktion an Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker raus. Der Bitte, noch einen Tag mit der Veröffentlichung zu warten, wurde entsprochen und die Geschichte für die Ausgabe vom folgenden Dienstag verschoben. Am Montag kamen die Antworten auf die Fragen zu Wulffs Kredit bei der Frau des Unternehmers Egon Geerkens und bei der BW-Bank. Doch wurden diese Antworten kurz vor Redaktionsschluss zurückgezogen. Und erst danach, es war Montag, 12. Dezember, 18.19 Uhr, sprach Wulff auf Diekmanns Mailbox. Allein schon durch diese zeitliche Abfolge wird die Einlassung des Bundespräsidenten, er habe die Berichterstattung nicht verhindern wollen, einigermaßen erschüttert.

Im Interview bei ARD und ZDF bleibt die Behauptung stehen. Abnehmen muss man sie Christian Wulff nicht. Wer hier den Rubikon überschritten hat, von dem auf der Mailbox die Rede ist, ist eigentlich keine Frage mehr.

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