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FAZ.NET-Fernsehkritik : Wir sind doch nicht seine Mailbox

n-tv schnappt sich das Interview

Wie das bei den öffentlich-rechtlichen Sendern üblich ist, entwickelte sich im Laufe des Tages eine Informationskaskade über die Art und Weise der Informationsgebung. Es ging darum, die Sendezeiten für den vermeintlich großen Coup miteinander abzustimmen. Zeitgleich um 20.15 Uhr sollte die Ausstrahlung erfolgen, doch dann meldete die Deutsche Presse-Agentur, dass „tagesschau.de“ das Interview schon um 19 Uhr online stellen wolle. Aber nur in Auszügen, hieß es auf Nachfrage bei der ARD. Die Kollegen wollten dem ZDF eben doch nicht den Vortritt lassen, dass seinerseits Auszüge in den „heute“-Nachrichten brachte.

Die Fragen, sagen die Verantwortlichen von ARD und ZDF, seien nicht abgesprochen gewesen
Die Fragen, sagen die Verantwortlichen von ARD und ZDF, seien nicht abgesprochen gewesen : Bild: AFP

Die Vorführung des Gesprächs für die Parlamentskorrespondenten in Berlin wiederum war in der ARD-Programmdirektion in München nicht bekannt. Das „staatsferne“ Fernsehen ist halt ein großer Laden. Gleichwohl schrumpft diese Staatsferne bei einer Gelegenheit wie dieser auf Millimetermaß. Die Sender werden zum „Schwarzen Kanal“. Das wird auch daran erkennbar, dass die Interviewer Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf, in den Nachrichten ihrer eigenen Sender befragt, offenbar gar keine eigene Meinung zu dem Vorgang formulieren wollen, an dem sie teilhaben.

Die Studiochefs von ARD und ZDF: kleinlaut und ratlos

Liegt Wulff richtig oder nicht? Kommt er damit durch? Was sollen die Bürger von seinen Einlassungen halten? Bettina Schausten meint in der „heute“-Sendung, es sei nicht alles vom Tisch und es werde entscheidend sein, ob neue inhaltliche Details zu Wulffs Krediten ans Tageslicht kommen. Ulrich Deppendorf ringt sich in der „Tagesschau“ zu der Einschätzung durch, der Bundespräsident werde „wohl“ im Amt bleiben können. Man will es nicht fassen: Die beiden Studiochefs sind Augenzeugen aus nächster Nähe und erscheinen, nachdem sie ihre Fragen gestellt haben, wie betäubt und vor allem: kleinlaut und ratlos.

Die Privatsender Pro Sieben Sat.1, RTL, n-tv und N 24 reichten stante pede eine Protestnote beim Bundespräsidialamt ein, weil sie nicht berücksichtigt wurden. „Die Grundlagen des dualen Fernsehsystems verpflichten auch private Rundfunkstationen zu einer umfassenden politischen Berichterstattung. Diesem Informationsauftrag können wir durch Ihre heutige Entscheidung nicht gerecht werden“, heißt es in dem Schreiben. Der Protest war vergebens. n-tv machte das Beste daraus: Der Nachrichtensender zeigte einen knapp vier Minuten langen Auszug aus dem Interview, schon bevor es bei ARD und ZDF lief.

Schön, dass sie da sind

„Schön, dass Sie hier jetzt ins Studio gekommen sind,“ begrüßte Bettina Schausten den Bundespräsidenten als alten Bekannten. Trotzdem ist ihr und Ulrich Deppendorf nicht vorzuwerfen, sie seien liebedienerisch mit Wulff umgegangen. Höflich, ja. Nicht scharf oder aggressiv. Aber es wurde kein Thema umschifft oder dem Gast ein Vorwurf erspart. Hat er sich nicht unwürdig verhalten, als er auf der Mailbox Kai Diekmanns vom Kriegführen sprach? Warum diese Salamitaktik? Hat er in den letzten Tagen an Rücktritt gedacht - damit wurde das Interview eingeleitet.

Wulffs Interview wird in der Republik mit Spannung erwartet - nicht nur hier in einer Bar in Speyer
Wulffs Interview wird in der Republik mit Spannung erwartet - nicht nur hier in einer Bar in Speyer : Bild: dapd

Nein, das habe er nicht, gab der Präsident an, denn er habe in den letzten Wochen viel Unterstützung erfahren – von Bürgern und Mitarbeitern. Er habe „nichts Unrechtes getan, aber nicht alles richtig“ gemacht. Seine Botschaft: Ich habe das Amt für fünf Jahre übernommen, und ich werde nicht davonlaufen. (Subtext: Anders als mein Vorgänger Horst Köhler.)

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