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FAZ.NET-Countdown : Miese Laune

Wirds ein Lächeln? Beatrix von Storch beim Selbstversuch mit dem Smartphone Bild: Reuters

Beatrix von Storch fehlen die kurzen Glücksmomente. Union und SPD eint die Angst. Anlass zur Hoffnung bieten ausgerechnet Amerikas eingefleischte Fake-News-Leser.

          Starten wir mit ein wenig Kopfkino und den kleinen Glücksmomenten in den Tag: Wenn man vor dem Süßigkeitenautomaten steht und, tief in der Hosentasche, noch die fehlenden zehn Cent für seinen Lieblingsriegel findet. Wenn einem in der Stadt liebe Freunde in die Arme laufen, die vor Monaten in die Ferne gezogen sind. Oder: Wenn man Silvester feiert und einem die örtliche Polizei alles Gute für das neue Jahr wünscht. In welcher Sprache auch immer.

          Beatrix von Storch scheint es gegenwärtig schwer zu fallen, sich über so etwas zu freuen. Darauf deuten nicht nur Tweets und Fotos mit ihr hin, bei denen fröhliche Aufnahmen der AfD-Politikerin die absolute Ausnahme sind. Kein Wunder! Wer ständig den Untergang des Abendlandes herbeischreibt, kann kaum gute Laune haben. Es sei denn, er wirft einen Blick auf die jüngsten Umfrageergebnisse der eigenen Partei. Die AfD liegt demnach bei 14 Prozent. Das ist ein Spitzenwert, den sie bislang erst einmal erreicht hat, im März 2016. Die Mischung stimmt einfach: Probleme überzeichnen, Hetzen, Zurückrudern und sich als Opfer stilisieren – das ist zwar alles abgeschaut, funktioniert aber in Deutschland genauso wie in Frankreich, Polen und Amerika. Nur (noch) nicht ganz so gut. Katastrophen und Angst bringen Wählerstimmen.

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          Dabei verlieren die Untergangspropheten der AfD mit ihrer Paranoia die großen Zusammenhänge aus den Augen – oder blenden sie wissentlich aus. Flüchtlingskrise? Die Zahl der Asylbewerber hat sich zuletzt halbiert. Terrorgefahr? Das Risiko, hierzulande durch Anschläge zu sterben (25 Tote seit 2014), ist verschwindend gering. Auf deutschen Straßen sterben hingegen jährlich 2500 Menschen, bei Haushaltsunfällen sogar 10.000. Globalisierungsskepsis? Die Arbeitslosigkeit ist auf den tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung gefallen. Und nebenbei ist der Anteil der hungernden Menschen weltweit stark gesunken. Trotz gewaltigen Bevölkerungswachstums hungert heute nur noch etwa jeder Neunte statt jedem Zweiten vor einigen Jahrzehnten.

          Und schließlich: In Europa schießen in großen Teilen die Menschen seit sehr langer Zeit nur noch Silvester-Raketen in den Himmel, statt einander regelmäßig zu massakrieren. Seit mehr als siebzig Jahre haben wir Frieden – das hat es seit Jahrtausenden nicht gegeben. Und es hat nur dort funktioniert, wo Europa sich vergemeinschaftet hat. Sündenbock EU? Dort, wo Nationalismen wie Unkraut aus dem Boden schießen, wird es unsicher. Der Balkan ist nach seiner nationalistischen Erweckungsphase noch immer weit davon entfernt, eine sichere Gegend zu sein. Und in der Ostukraine tobt ein Krieg. Eine Reportage aus dem Frontgebiet von unserem Osteuropa-Korrespondenten Konrad Schuller lesen Sie hier.

          Doch kommen wir zum großen Elefanten der deutschen Innenpolitik, der nächsten Regierung. Über sie wissen wir auch mehr als drei Monate nach der Bundestagswahl herzlich wenig. Einfach Koalitionsverhandlungen zu führen ist ja ohnehin aus der Mode geraten. Auch Vorverhandlungen reichen nicht mehr aus. Am Mittwochabend haben sich Union und SPD zu Vor-Sondierungsgesprächen (also Vor-Vor-Koalitionsgesprächen) getroffen. Das klingt so ziemlich nach allem, außer nach Vitalität und Aufbruchsstimmung. Aber immerhin, so hieß es nach dem Treffen, sei das Vertrauen zwischen den möglichen Partnern gewachsen. Von Begeisterung für ein „Weiter-so“ ist auch in den Parteien wenig zu spüren. Die Gesprächspartner einen Ängste, sei es vor einer Minderheitsregierung (Union) oder vor einer Neuwahl (SPD). Von der monatelangen Unfähigkeit der etablierten Parteien, eine Mehrheitsregierung zu bilden, triumphiert bislang nur die AfD. Und das zu Recht. Was aber passiert, wenn Groko Nummer drei scheitert? Über das Szenario und die gegenwärtige Stimmung im politischen Berlin schreiben meine Kollegen Eckart Lohse und Markus Wehner.

          Würden sie auch über die politische Stimmung in Washington schreiben, kämen sie nicht um Zitate von wüsten Beschimpfungen herum. Zuerst attackierte der frühere Präsidenten-Flüsterer Stephen Bannon Donald Trump Jr., weil der seinem Vater die ungemütlichen Russland-Ermittlungen eingebrockt habe. Der Konter des Präsidenten ließ nicht lange auf sich warten. Das Wichtigste über das politische Zerwürfnis des jungen Jahres lesen Sie hier im Wortlaut.

          Was sonst noch wichtig wird

          Die CSU trifft sich zu ihrer traditionellen Winterklausur in Kloster Seeon. Mit Blick auf die Groko-Sondierungsgespräche werden die Beschlüsse dort aufmerksam verfolgt. Die Partei fordert eine härtere Asylpolitik. Sie will Leistungen für Bewerber kürzen und den Schutzstatus an eine zweifelsfreie Klärung der Identität koppeln.

          Das sollten Sie lesen

          Fake News lautet die Lieblingsbeleidigung Donald Trumps für die „New York Times“. Das hat einer der renommiertesten Tageszeitung der Welt nicht geschadet. Im Gegenteil: Ihre Auflage wächst seit dem Amtsantritt des 45. amerikanischen Präsidenten rasant. Wie stark aber konsumieren die Amerikaner tatsächlich Nachrichten und Geschichten, die bewusst getürkt worden sind und über die Echokammern des Internets ein großes Publikum erreichen? Am Mittwoch ist die erste Studie erschienen, die sich anhand harter Fakten damit beschäftigt. Das verblüffende Ergebnis: Selbst die eingefleischtesten Fake-News-Konsumenten informieren sich ausgesprochen umfangreich über seriöse Zeitungen, Nachrichtenportale und Blogs. Den Bericht der amerikanischen Kollegen lesen Sie hier, zur gesamten Studie geht es hier. Und hier steht, wie der französische Präsident Emmanuel Macron gegen „Fake News vorgehen möchte. Das hat er gestern Abend angekündigt und ist den seriösen Journalisten auch sonst sehr nahe gekommen.

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