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Kommentar : Chinas Sputnik

  • -Aktualisiert am

Geklonte Affen Zhong Zhong und Hua Hua Bild: EPA

Die Chinesen sind dem Klonen von Menschen jetzt einen großen Schritt nähergekommen. Der Westen muss beunruhigt sein. Denn wer klonen kann, ist mächtig.

          Wissenschaftlern ist es zum ersten Mal gelungen, Affen zu klonen. Das wurde diese Woche bekannt. Bemerkenswert ist aber nicht nur, dass es gelungen ist, sondern auch, wem: Chinesen an der Universität in Schanghai. Wer klonen kann, ist mächtig. Zweiundzwanzig Jahre ist es her, dass das Schaf Dolly geklont wurde – und zweiundzwanzig Jahre lang hatten Wissenschaftler im Westen versucht, Affen zu klonen. Nun waren die Chinesen schneller – und sind der Option, Menschen zu klonen, einen großen Schritt nähergekommen (auch wenn sie bestreiten, das anzustreben). Der Westen scheint darüber kaum beunruhigt. Obwohl das geboten wäre.

          Vor sechzig Jahren gab es einen Fall, der in mancher Hinsicht vergleichbar war. Im Oktober 1957 schoss die Sowjetunion den ersten künstlichen Satelliten ins Orbit. Die westliche Welt erfasste ein tiefes Unbehagen. Der Beweis, dass die Kommunisten den Kapitalisten in der Raumfahrt technologisch überlegen waren, kreiste um die Erde. Die Sorge des Westens beschränkte sich nicht auf die Frage, wer die besseren Technologien hatte – am Ende also die besseren Waffen. Es ging darum, welches politische System das erfolgreichere ist: ein freiheitlich individuelles oder eine kollektivistische Diktatur. Es gab sogar einen Begriff für die Verunsicherung: Sputnikschock. Die Menschen in Amerika und Europa zweifelten an der Überlegenheit ihres Systems. Die Frage stellt sich heute wieder. Welches System ist das stärkere? Die Demokratien des Westens oder der hybride Kommunismus mit seinen kapitalistischen Elementen?

          Chinas technologische Aufholjagd

          Die zwei Affenklone, deren Namen zusammengesetzt das Wort „China“ ergeben, sind dabei nur einer von vielen Belegen für die technologische Aufholjagd der Chinesen. Vergangene Woche wurde bekannt, dass es in der Volksrepublik zum ersten Mal mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen gab als in den Vereinigten Staaten. Amerika hatte die Liste seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts angeführt. Auch in Sachen Künstliche Intelligenz legen die Chinesen zu. Kürzlich schlug ein Computerprogramm der Chinesen einen Großmeister im uralten Strategiespiel Go. Das Programm siegte, obwohl der menschliche Spieler Vorsprung bekommen hatte.

          Viele Fachleute gehen davon aus, dass die technologischen Schlachten des 21.Jahrhunderts auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz geschlagen werden. Sie kann Fortschritte in den verschiedensten Bereichen – von Waffentechnik bis zu biologischen Experimenten – beschleunigen oder überhaupt erst möglich machen. Peking plant, dass China bis 2020 die Amerikaner einholt, was die Entwicklung dieser Intelligenzen betrifft. Und bis spätestens 2030 sogar überholt.

          Einige Wissenschaftler und Kommentatoren im Westen spielen die Erfolge Chinas herunter. Viele Affenklone der Chinesen seien gestorben, man müsse abwarten, wie sich die Lebenden machen. Was das Spiel Go angehe, habe ein Programm von Google den Topspieler vergangenes Jahr auch geschlagen. Und bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen sei nicht deren Menge, sondern die Qualität maßgeblich. Entscheidend sei, wer wie oft zitiert werde. In dieser Kategorie führe der Westen weiterhin. Aber wie lange noch?

          Als die Amerikaner Ende der fünfziger Jahre erkennen mussten, dass die Sowjets ihnen technisch voraus waren, stand das Land erst einmal unter Sputnikschock. Doch dann nahm es die Herausforderung an. John F. Kennedy versprach 1961, bis zum Ende des Jahrzehnts einen Mann auf den Mond zu schießen. Das gelang. Die Amerikaner dominierten die Raumfahrt auf Jahrzehnte.

          Heute fordern die Chinesen den Westen heraus. Sie behaupten, die demokratische Ordnung habe ausgedient. Als Beispiel führen sie die Wahl Donald Trumps an. Solche Auswüchse der Demokratie gebe es in ihrem dirigistischen Staat nicht. Der sei die Zukunft. Stabil und wohlhabend. Bisher hat der freie Westen seine Versäumnisse stets irgendwann erkannt und korrigiert. Am Ende konnte er seine Herausforderer immer bezwingen. Dafür musste er die Herausforderung aber wahrnehmen. Und dann geeint handeln.

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