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Fanatismus : Politische Religionen

  • -Aktualisiert am

„Believe in Boston“:Gedenkstätte am Ort des Anschlags Bild: dpa

Wie steigert sich ein junger gläubiger Muslim in einen solchen Hass hinein, dass er zum Massenmörder wird? Trägt womöglich der Islam selbst das Saatkorn der Gewalt in sich? Diese Diskussion wird mit großem (religiösem) Eifer geführt, doch sie ist fruchtlos.

          Die mörderischen Anschläge von Boston, London und Paris wurden von jungen Muslimen verübt, die sich im Kontakt mit Hasspredigern oder auf Internetforen, in denen ein „Heiliger Krieg“ gepredigt wird, radikalisiert hatten. Einige waren den Sicherheitsbehörden schon aufgefallen, doch waren sie nicht als potentielle terroristische Attentäter eingestuft worden. In allen Fällen bleibt ein Rest von Unerklärlichem: Wie steigert sich ein junger gläubiger Muslim in der westlichen Welt in einen Hass hinein, der ihn die Schwelle zum Mord, gar zum Massenmord überschreiten lässt?

          Trägt womöglich der Islam selbst das Saatkorn der Gewalt in sich? Darüber gibt es einen Streit, dessen Protagonisten sich gerne Koran-Verse um die Ohren schlagen, die den aggressiven oder den friedlichen Charakter des Islams beweisen sollen. Oder sie diskutieren über die Bedeutung des Wortes „Dschihad“, das sowohl den Krieg gegen Ungläubige benennt, für fromme Muslime aber auch den inneren Kampf um den richtigen Weg des Glaubens beschreibt.

          Diese Diskussion ist fruchtlos, denn übersteigerte, fanatische Religiosität hat, unabhängig vom Bekenntnis, zu allen Zeiten Scheußlichkeiten bis hin zu Terror und Massenmord gerechtfertigt. Ob die monotheistischen, offenbarten Religionen mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch sich dabei besonders hervortun, darüber streiten die Gelehrten. Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, dass auch gottlose Herrschaftssysteme Rassen- oder Klassenkriege bis zur Vernichtung ganzer Völker führen; man hat Nationalsozialismus und Kommunismus auch als „politische Religionen“ bezeichnet.

          Ein Brandbeschleuniger

          Der politische Islam des 20. Jahrhunderts ist entstanden aus Frustration über die ökonomische, technische und militärische Unterlegenheit der muslimischen Welt gegenüber den modernen Industriegesellschaften, eine Unterlegenheit, welche die Muslimbrüder auf den Abfall vom ursprünglichen, wahren Glauben zurückführten. Damit gerieten sie in Konflikt mit Diktatoren, die als Legitimation ihrer Herrschaft Modernisierungsideologien wie den Antikolonialismus, den Panarabismus oder diverse Spielarten des Sozialismus nutzten. Mit dem Zusammenbruch dieser Ideologien wurden die vorher unterdrückten Islamisten zu einer durch den Widerstand gegen die Diktatoren legitimierten politischen Macht. Doch religiös fundierte Bewegungen neigen dazu, sich in Gemäßigte, Radikale und Extremisten zu zerlegen: Man kennt das aus der Sektengeschichte des christlichen Mittelalters. In diesem Sinn kann man den dschihadistischen Terrorismus als sektiererische Zuspitzung des politischen Islams ansehen.

          Wie im europäischen Zeitalter der Glaubenskriege, so ist heute in der islamischen Welt Religion Bestandteil einer größeren gesellschaftlich-politischen Umwälzung: Es brechen lange unterdrückte soziale Spannungen auf; die islamische Renaissance rivalisiert mit westlich inspirierten Emanzipationsbestrebungen; binnenislamische Konkurrenz (Schiiten gegen Sunniten) wird zum regional-strategischen Machtkampf. Religion ist, wie seinerzeit in Europa, eine Art Brandbeschleuniger.

          Die Millionen Muslime, die außerhalb der islamischen Welt leben, werden von dieser Umwälzung miterfasst. Umfragen zeigen, dass sich in den vergangenen Jahren viele gerade junge Leute auf ihren Glauben zurückbesonnen haben. Die Biographien jener jungen Muslime, die zu Terroristen wurden, geben Hinweise darauf, dass sie persönliche Frustrationserfahrungen gemacht haben, die mit denen vergleichbar sind, die in der arabischen Welt kollektiv erlebt wurden. Zu der Rückbesinnung auf einen angeblich ursprünglichen Glauben kommt dann noch die politische Kränkung, dass Teile der islamischen Welt immer noch oder schon wieder Objekt militärischer Einmischungen sind.

          Das oft angeführte Motiv, Rache für die in Afghanistan oder im Irak getöteten Muslime zu nehmen (als ob die meisten Toten dort nicht Opfer islamistischer Terroristen wären), wird womöglich übersteigert in den Wahn, mit Terroranschlägen nach dem Vorbild Al Qaidas einen Baustein zur Errichtung eines neuen Kalifats beizutragen, in dem das frühere Reich des Islams in alter Bedeutung wiederersteht.

          Jeder nach seiner Fasson

          So lange die islamische Welt im Umbruch bleibt, ist nicht auszuschließen, dass Einzeltäter in westlichen Gesellschaften diesem Wahn verfallen. Sie zu erkennen und zu bekämpfen ist die schwierige Aufgabe der Sicherheitsbehörden. Muslimische Prediger und Gemeinden müssen ihnen dabei helfen, wollen sie nicht ihren eigenen Glauben beschmutzen. Denn die Bedingung des Zusammenlebens verschiedener Religionen in einer freien Gesellschaft ist es, dass keine von ihnen ihren Wahrheitsanspruch auf die Politik ausdehnt.

          Jeder, auch jeder Muslim, kann nach seiner Fasson selig werden, so lange er sich an die Gesetze hält. Damit tun sich besonders Glaubensgewisse nicht leicht - das gilt auch für Christen. Der von Papst Benedikt kritisierte „moderne Wertrelativismus“ hat, recht verstanden, den Sinn, dass Politik festsetzt, was gelten soll, aber nicht darüber richten darf, was wahr ist. Das ist eine Selbstbeschränkung auf die vorletzten Dinge, und die sind kompliziert genug.

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