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Familienpolitik : Schwedisches Modell

  • -Aktualisiert am

Demographische Lichtblicke vermeldet Schweden Bild: picture-alliance / dpa

Familienministerin Schmidt (SPD) hofft durch die Übernahme des Schwedischen Modells, die familienpolitischen Erfolge in Nordeuropa zu wiederholen: Seit 2000 sind die Geburtenzahlen in Schweden um etwa zehn Prozent gestiegen.

          Die schwedische Regierung will ihr System des Elterngeldes begrenzen, etwa zur gleichen Zeit, da die rot-grüne Bundesregierung das schwedische Modell, obwohl abgespeckt, übernehmen will. Bisher können schwedische Eltern ihre bezahlte Elternfreizeit abgestuft nehmen bis zum achten Geburtstag des Kindes; künftig soll das nur noch bis zum vierten Lebensjahr möglich sein.

          Zudem sollen Lücken des Systems, die Frauen zur Teilzeitarbeit ermutigen, geschlossen werden: Nur Mütter, die bei mehreren Kindern in rascher Folge zwischendurch Vollzeit arbeiten, sollen eine volle Elternversicherung erhalten. Eine weitere Änderung bahnt sich an mit der Erwägung der sozialdemokratischen Minderheitsregierung, die Höchstsumme nur zu zahlen, falls Männer stärker als bisher Vaterurlaub nehmen.

          Schweden als Modell

          Familienministerin Schmidt (SPD) nennt seit knapp einem Jahr Schweden als das Modell, nach dem Deutschland sein Erziehungsgeld - derzeit bis zu zwei Jahre lang einkommensabhängig bis zu 300 Euro monatlich - auf einen Lohnersatz umstellen will. Frau Schmidt hofft, die familienpolitischen Erfolge in Schweden zu wiederholen: In Nordeuropa sanken die Geburtenraten in den vergangenen zwei Jahrzehnten anders als im Rest Europas relativ wenig.

          Orientiert sich an Skandinavien: Renate Schmidt

          Seit 2000 steigen sogar die Geburtenzahlen sichtbar, in den vergangenen fünf Jahren in Schweden um etwa zehn Prozent. Im Jahr 2004 betrug die Geburtenrate in Schweden 1,8 Kinder (2000: 1,3). In Deutschland brachte im vorigen Jahr eine Frau im Durchschnitt nur 1,3 Kinder zur Welt. Um den Bevölkerungsrückgang entscheidend zu stoppen, wäre aber in den westlichen Industrieländern eine Geburtenrate von 2,1 Kindern notwendig.

          Mehrere Faktoren

          Dabei gibt es, so belegt eine Langzeitstudie, seit 1974 einen Zusammenhang zwischen Elterngeld und Geburtenrate: Die Geburtenzahl in Schweden schwankte in den letzten drei Jahrzehnten zwischen 88.000 und 124.000 jährlich. Sie stieg, zeitversetzt, an nach Erhöhungen des Elterngeldes. Indes sank die Zahl im Jahrzehnt zwischen 1990 und 1999 schon, bevor die Leistungen gekürzt wurden, mit Beginn einer mehrjährigen Wirtschaftskrise.

          Einen Zusammenhang, so scheint es, gibt es also, er hängt aber auch von anderen Faktoren ab - der generellen Stimmung und der Zukunftszuversicht; von anderen familienpolitischen Angeboten wie der Kinderbetreuung (Krippen- und Kindergärtenplätze), die in Schweden ebenfalls als vorbildlich gilt; und der Einstellung in der Bevölkerung und bei Arbeitgebern zu Kindern und zu arbeitswilligen Müttern.

          Geschlechtsneutrales System

          Bei einer Arbeitsunterbrechung, bei der Mutter oder Vater sich dem Kind zuwenden will, zahlt die Versicherungskasse in Schweden 13 Monate lang Elterngeld in der gleichen Höhe wie das Krankengeld, also 80 Prozent des Einkommens. Eltern, die noch nicht in das Arbeitsleben integriert waren - etwa Studierende oder junge Arbeitslose -, erhalten 390 Tage lang zumindest einen Sockelbetrag in Höhe von etwa 20 Euro täglich.

          Drei weitere Monate erhält der Elternteil täglich sieben Euro. Die Elternversicherung wird zudem zusätzlich vorübergehend bezahlt, wenn das Kind oder der betreuende Elternteil krank ist. Als eines der ersten Länder der Welt führte Schweden 1974 ein geschlechtsneutrales System ein, das vom traditionellen Mutterschaftsurlaub abwich.

          Sicherung des Arbeitsplatzes

          Das Arbeitsrecht läßt zudem eine noch längere Freistellung von der Arbeit bei Sicherung des Arbeitsplatzes zu, dann indes ohne Sozialleistung. Die Verteilung der Arbeitsfreistellung ist flexibel; sie läßt Unterbrechungen zu oder Teilzeitarbeit.

          In Schweden ist der (einkommensteuerpflichtige) Lohnersatz zwar höher als in Deutschland geplant (80 statt 60 Prozent) und die Zeitdauer länger (16 statt 12 Monate); dafür aber wird bisher der Elternurlaub ohne Geldausgleich in Deutschland im Arbeitsrecht großzügiger und länger gewährt als in Schweden.

          Erziehungsurlaub für Väter

          Mindestens zwei der 16 Monate muß der andere Partner nehmen, sonst verfallen sie. Norwegen ist da noch strikter: Der zweite Elternteil, meist der Vater, muß mindestens ein Drittel der Kinderfreizeit nehmen. Teile der schwedischen Sozialdemokraten üben derzeit Druck auf die Regierung aus, den Pflichtanteil für den Vaterschaftsurlaub auf fünf Monate auszudehnen.

          Das System des Lohnersatzes reizt schon jetzt Väter, die meist mehr verdienen, stärker als in Deutschland dazu, Erziehungsurlaub zu nehmen. In Deutschland nehmen bisher nur etwa fünf Prozent der Väter Vaterschaftsurlaub, in Schweden waren es im Vorjahr 18,7 Prozent.

          Deutlich weniger Verdienst für Frauen

          Das schwedische Modell will Frauen helfen, Berufsleben und Mutterschaft besser zu verbinden. Eine britische Soziologin an der London School of Economics, Catherine Hakim, bestreitet das indes in einer Studie über die schwedische Frauen- und Familienpolitik.

          Sie verweist darauf, daß Frauen in Schweden durchschnittlich 20 Prozent weniger verdienen als Männer: eine höhere Spanne als in anderen EU-Ländern wie Spanien, Portugal, Italien oder Belgien, die weniger Gewicht auf familienfreundliche Sozialzahlungen legen.

          Mehr Frauen im oberen Management in Amerika

          In nordischen Ländern seien 80 Prozent der Gehaltsempfänger über dem Durchschnittsgehalt Männer, und 80 Prozent jener unter dieser Gehaltsschwelle seien Frauen. In Schweden seien trotz aller Bemühungen der Regierung in jüngster Zeit nur knapp zwei Prozent des oberen Managements Frauen, in den Vereinigten Staaten aber, in denen Einstellung und Entlassung leicht sind, seien es elf Prozent.

          Drei Viertel der schwedischen Frauen arbeiteten im öffentlichen Dienst, der üblicherweise geringere Anforderungen stelle und schlechter zahle, drei Viertel der Männer seien im Privatsektor beschäftigt.

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