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Familienpolitik : „Niemand bekommt ein Kind, weil er 1000 Mark will“

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Wünschen sich Paare Kinder - und wenn ja, warum? Bild: dpa

Wünschen sich Paare Kinder - und wenn ja, warum? Eine neue Studie weist Ost-West-Unterschiede nach. Gemeinsam ist Ossis und Wessis, dass die finanzielle Situation einer Familie keinen direkten Einfluss auf einen Kinderwunsch hat.

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          Wünschen sich Paare Kinder - und wenn ja, warum? Mitten in die Debatte über die angemessene Höhe des Kindergeldes weist die Leipziger Soziologin Yve Stöbel-Richter nach, dass die finanzielle Situation einer Familie keinen direkten Einfluss auf einen Kinderwunsch hat.

          Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) der Deutschen im Alter von 18 bis 50 Jahren wünschen sich im Moment kein Kind. Das ist ein Ergebnis der Studie über Unterschiede beim Kinderwunsch in Ost und West. Sie kommt mitten in die Debatte über die Reform der Familienförderung.

          Norwegen gefällt Edmund Stoiber. In dem skandinavischen Land erhalten Familien eine hohe Summe Familiengeld statt der in Deutschland üblichen Mischung aus Kinder- und Erziehungsgeld. Doch besonders freut den bayerischen CSU-Ministerpräsidenten und dreifachen Familienvater, dass Norwegen auf eine der höchsten Geburtenziffern Europas verweisen kann. Die seit Jahren unablässig nach unten zeigende Kurve der deutschen Geburtenrate will er nach oben führen und fordert unter dem Titel „Unsere Kinder - Unsere Zukunft“ ein Kindergeld von monatlich 1000 Mark für bis zu drei Jahre alte Kinder.

          Steigt das Kindergeld auf 300 Mark?

          Auch wenn die Bundesregierung einen solchen Betrag als zu hoch ablehnt, will auch sie mit einer Kindergelderhöhung von 270 Mark auf wahrscheinlich 300 Mark den Kinderwunsch finanziell fördern. Doch die Leipziger Soziologin Yve Stöbel-Richter weist in ihrer Dissertation, die FAZ.NET vorliegt, nach, dass die finanzielle Situation einer Familie keinen direkten Einfluss auf einen Kinderwunsch hat. „Niemand bekommt ein Kind, weil er 1000 Mark im Monat will“, sagt Stöbel-Richter. Auch wenn die Gesellschaft häufig als kinderfeindlich empfunden werde, nähmen die meisten Frauen und Männer die finanziellen Einbußen in Kauf und entschieden sich für ein Kind. „Dann hätten doch in der DDR die Geburtenziffern stimmen müssen“, sagt Stöbel-Richter. Trotz einer guten Sozialpolitik seien jedoch die gewünschten Kinderzahlen nicht erreicht worden.

          Soziale Anerkennung durch ein Kind

          Grundlage ihrer Promotion sind repräsentative Befragungen von jeweils knapp 2000 Frauen und Männern in den Jahren 1996 und 1999. Für die Mehrheit der Befragten sind emotionale Gründe entscheidend, sich ein Kind zu wünschen. „Ein Kind gibt meinem Leben erst den wahren Sinn“ oder „Ein Kind gibt mir das Gefühl, ein richtiges Zuhause zu haben“ werden als Gründe angegeben. Mit einem Kind verbinden viele auch soziale Anerkennung, außerdem wird es für die Bildung einer Identität als wichtig angesehen: „Ein Kind ist für mich notwendig, um als Erwachsener anerkannt zu werden“ oder „Kinderlosigkeit bedeutet für mich soziale Abwertung“.

          Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) der Deutschen im Alter von 18 bis 50 Jahren wünschen sich jedoch im Moment kein Kind. „Da spielen auch unbewusste Faktoren eine starke Rolle“, sagt Stöbel-Richter, die selbst Mutter ist. Häufig sei der Kinderwunsch nicht geplant. „Manche verhüten nicht und warten ab, was passiert.“ Dabei gehören Kinder zum Wunschbild eines idealen Lebens für fast alle noch immer dazu: Für immerhin neun von zehn Frauen und Männern ist ein Leben nur mit Kindern ideal. Allerdings sind erhebliche Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern zu erkennen: Während zwischen Sylt und Oberstdorf für jeden Siebten ein kinderloses Leben zum Ideal erklärt wird, kann zwischen Anklam und Zittau nur jeder Fünfundzwanzigste einem solchen Leben zustimmen.

          Unterschiede in Ost und West

          Mit der Studie von Stöbel-Richter können erstmals Ost-West-Unterschiede bei den Fragen, ob und warum Kinder gewünscht werden, nachgewiesen werden. „Auch wenn es wie ein Klischee klingt: Im Westen ist der Individualismus stärker ausgeprägt“, sagt Stöbel-Richter. Die positiven und negativen Aspekte einer Elternschaft würden in den alten Ländern oft miteinander abgewogen. Ängste vor persönlichen Einschränkungen durch Kinder seien bei Westdeutschen weitaus stärker ausgeprägt. „Nach einer Geburt halbiert sich meistens das Einkommen, weil die Mutter nicht mehr arbeitet. Die Belastungen erhöhen sich aber.“ Auch fürchten Westdeutsche in größerem Maß als Ostdeutsche, sich mit einem Kind nicht mehr genügend um ihre Freunde kümmern zu können.

          Kinder als Statussymbole

          Sie geben zudem öfter an, Kinder als Statussymbole zu betrachten: Sie gehören zu einem erfolgreichen Leben dazu. Erst die Karriere, dann die Kinder: Für die berufliche Entwicklung sind Frauen und Männer von Schleswig-Holstein bis Bayern eher bereit, die Geburt eines Kindes hinauszuzögern. Ostdeutsche nennen als idealen Geburtstermin für das erste Kind durchschnittlich ein Alter von 27 Jahren, Westdeutsche dagegen von 30 Jahren. In den zehn Jahren seit der deutschen Einheit haben sich die Ostdeutschen jedoch schon zu Spätgebärenden entwickelt: In der DDR lag das Durchschnittsalter bei der ersten Geburt bei 22 Jahren.

          Mit der Einheit waren zwischen Kap Arkona und Fichtelberg auch die Geburtenziffern rapide gesunken. Erst in den vergangenen vier Jahren ist wieder ein leichter Anstieg der niedrigen Werte zu erkennen. „Mit der Wende gingen viele Partnerschaften auseinander, die Scheidungszahlen schossen in die Höhe“, sagt Stöbel-Richter. Der Kinderwunsch wurde auf unbestimmte Zeit verschoben: Erst mussten neue Sicherheiten geschaffen werden, Beruf und Leben wollten neu organisiert werden. Große Hoffnungen auf einen Geburtenboom in den neuen Ländern hat Stöbel-Richter nicht: „Für viele Frauen, die zur Wende 20 Jahre alt waren, ist es jetzt schon wieder fast zu spät.“

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