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Familienpolitik : Leise Revolutionen

Bild: F.A.Z.

Beide Volksparteien haben den gesellschaftlichen Wandel erkannt, der das Leben von Familien verändert hat und künftig auch die Familienpolitik verändern wird.

          „In Frankreich gibt es die Rabenmütter-Diskussion nicht“, sagt Maria Böhmer, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag. „Es ist dort selbstverständlich, Kinder und Beruf zu vereinbaren. Diese Selbstverständlichkeit würde ich mir künftig auch für Deutschland wünschen.“ Frau Böhmer ist wie andere deutsche Familienpolitiker derzeit häufig in Europa unterwegs. Deutschland hat nach neuesten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes die niedrigste Geburtenrate in Europa.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Deshalb suchen die Politiker Rat bei den europäischen Nachbarn. Familienministerin Renate Schmidt (SPD) verwies kürzlich auf Schweden, als sie vorschlug, ein steuerfinanziertes Elterngeld einzuführen. Maria Böhmer machte eine Bildungsreise nach Frankreich, um sich dort über die Familienpolitik der konservativen Regierung, die Rolle von Tagesmüttern, die Qualität öffentlicher Krippen (“crèches collectives“) und die Vorschulen (“Ecoles maternelles“) zu informieren.

          Zahl der Ein-Eltern-Haushalte nimmt in allen Ländern der EU zu

          Im Bundesrat hat die Union den Gesetzentwurf der Koalition zum Ausbau der Tagesbetreuung vorerst zwar abgelehnt, doch zumindest in der Analyse des gesellschaftlichen Wandels sind sich die oppositionelle Union und die regierende SPD größtenteils einig: Beide Volksparteien haben die „leisen Revolutionen“, den gesellschaftlichen Wandel erkannt, der das Leben von Familien verändert hat und künftig auch die Familienpolitik verändern wird: In der dienstleistungsorientierten Wissensgesellschaft ist die Versorger-Ehe, in der der männliche Haushaltsvorstand auf Dauer die ökonomische Basis für seine Frau und seine Kinder sichert, immer weniger das vorherrschende Familienmodell.

          Die klassische Familie wird durch neue Familienformen ergänzt: Die Zahl der „Ein-Eltern-Haushalte“ nimmt in allen Ländern der Europäischen Union zu. Religiosität bestimmt weniger die Lebensweise von Familien, was oftmals unterschätzt wird.  Auch aus diesem Grund verliert die Familie ihre Funktion als kulturelle Deutungsgemeinschaft. Frauen tragen einen größeren Anteil zum Familieneinkommen bei als früher, oftmals müssen sie es, um die Ausgaben für Wohnung, gehobene Konsumansprüche und künftig auch die Bildung ihrer Kinder bezahlen zu können. In den westlichen Bundesländern sind es etwa 30 Prozent, die Frauen zum Familieneinkommen beisteuern, in den ostdeutschen Ländern etwa 50 Prozent. Teilzeitstellen haben - vor allem für Frauen - eine größere Bedeutung.  „Die sich entfaltende Berufstätigkeit der Frauen hat dramatische Veränderungen des Familienlebens mit sich gebracht.

          Familienpolitik als präventive Sozialpolitik

          Das Gebären und Aufziehen von Kindern ist mit aushäusiger Arbeit offensichtlich kaum zu vereinbaren. Infolgedessen haben heutzutage nur wenige Frauen mehr als zwei Kinder; immer mehr haben nur eines, manche gar keins“, schreibt der Sozialanthropologe Jack Goody in seiner „Geschichte der Familie“, und dieser Analyse würde kein Familienpolitiker der Union oder SPD ernsthaft widersprechen. Die demographische Krise wirkt zudem seit einigen Jahren als Katalysator auf die familienpolitische Programmatik der Parteien. Daß gerade Akademikerinnen sich immer häufiger gegen Kinder entscheiden, beklagen Familienpolitiker beider Volksparteien.

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