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Familienpolitik : Eine Last, die keiner sieht

  • -Aktualisiert am

Ihre Äußerungen lösten eine heftige Debatte aus: Eva Herman Bild: AP

Eva Hermans Ansichten zur Familienpolitik der Nazis haben die Nation entsetzt. Warum aber hat die Öffentlichkeit so stark reagiert? Sibylle Tönnies findet dafür zwei Gründe - einen schlechten und einen guten.

          Die Debatte um Eva Herman ist weniger wegen der anstößigen Äußerungen interessant als wegen der Heftigkeit der Ablehnung, auf die sie gestoßen sind. Warum hat die Öffentlichkeit so stark reagiert? Es gibt zwei Gründe; nehmen wir erst den schlechten und dann den guten: Die Ablehnung gibt die Gelegenheit, sich vom Nationalsozialismus abzugrenzen. Selbst junge Leute fallen dieser Versuchung anheim. Sie lehnen den Nationalsozialismus von ganzem Herzen ab - und davon wird tatsächlich ihr ganzes Herz beansprucht. Im Übrigen haben sie nämlich kein Herz - jedenfalls dürfen sie sich nicht dazu bekennen.

          Es ist ja keineswegs modern, ein guter Mensch zu sein, im Gegenteil: Es ist verdächtig. Unter den Stichworten Gutmensch und Helfersyndrom steht es unter Soupçon. Man will heute kein Gutmensch sein, und man hat auch kein Helfersyndrom; man denkt heute ordnungsgemäß nur an sich selbst. Ist man also korrekterweise ein Schwein? Nein! Man ist insofern kein Schwein, als man schlecht über die Nazis denkt. Man ist ein dezidierter Gegner des Nationalsozialismus. Das stellt man dadurch unter Beweis, dass man immer neue Nazigreuel in der Vergangenheit aufdeckt und rastlos Naziideen in der Gegenwart nachspürt.

          Haben wir nicht auch mit den Wölfen geheult?

          Im Herbst treffe ich mich mit meinen früheren Anwaltskollegen wieder zum geistigen Austausch. Worüber werden wir reden? Über die juristischen Untaten der Nazis. Mal wieder. Wir alten Linken tun das nämlich seit über dreißig Jahren. Wohl dem, der über ein bisher unbekanntes Schandurteil berichten kann. Der Gedanke, dass wir altlinken Anwälte mal untersuchen, wie weiß unsere eigenen Westen sind, darf nicht aufkommen. Aber haben wir damals nicht auch mit den Wölfen geheult?

          Haben wir nicht Stalinisten und Maoisten verteidigt, ohne zu erforschen, wie die Wirklichkeit aussah, die hinter den Ideen unserer Mandanten stand? Haben wir nicht, soweit wir für die RAF arbeiteten, hemmungslos Kassiber geschmuggelt und auf diese Weise die Verteidigerprivilegien untergraben? Die Diskussion dieser Fragen wäre doch viel interessanter. Wir könnten uns gegenseitig befragen: Warum hast du das mitgemacht? Daraus ließen sich doch Schlüsse auf die Ursachen des Nationalsozialismus ziehen.

          Das Schlechte darf nicht übersehen werden

          Diese Ursachen lassen sich nicht erforschen, wenn man nur auf die Nazigreuel sieht. Es muss endlich erlaubt sein zu fragen, warum der Nationalsozialismus trotzdem so erfolgreich war. Die Antwort ist die: Er hat viel Gutes aufgesaugt. Hitler - diese, mit Goethe, „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ - hat sich des Besten und Heiligsten bemächtigt, es verdreht und missbraucht. Es muss endlich erlaubt sein, den Nationalsozialismus daraufhin zu untersuchen, was er an Gutem verschluckt hat - das ans Tageslicht gefördert, gesäubert und rehabilitiert werden muss und von dem unterschieden, was genuin schlecht war.

          Das Gute, man möge lachen: der Autobahnbau. Er war eine Variante der Keynesschen Arbeitspolitik, wie Roosevelt sie im „New Deal“ angewandt hat. Hitler fand die Pläne in den Schubladen der Ministerien vor, ausgearbeitet von Menschen, die später in der Emigration oder im Widerstand waren. Binnen kurzem war die Arbeitslosigkeit beseitigt, und Hitler gewann Popularität. Das Schlechte am Arbeitsdienst darf dabei nicht übersehen werden. Aber es ist bekannt: sein Zwangscharakter, sein totalitäres, ideologisches Element.

          Das Gute bestand in Elementen der Ideologie

          Das Gute: die Elemente der Jugendbewegung, die Entdeckung der Natur, die Geländespiele, das Draußenschlafen, das Feuermachen, das Singen. Das Schlechte: der Missbrauch für ideologische Zwecke, die Gleichschaltung, die gewaltsame Erstickung des Individuellen, der paramilitärische Charakter, die Kriegsvorbereitung. Sollte man nicht trotzdem die Kinder heute wieder in den Wald führen, sie dort übernachten lassen und ihnen die Chance zu Geländespielen, Feuermachen und Singen geben?

          Das Gute bestand auch in manchen Elementen der Ideologie, die sie mit dem Sozialismus gemeinsam hatte. Das Selbstbewusstsein des einfachen Menschen wurde gestärkt und seine Arbeitsleistung gewürdigt. Der Sinn für das Allgemeinwohl, dessen Träger der Staat ist, wurde wieder geweckt. Das Schlechte auch hier: dass das Maß des Guten weit überschritten, der Einzelne geknechtet und dem Allgemeinwohl geopfert wurde.

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