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Türkische Community : Warum Erdogan der Gewinner der Özil-Debatte ist

„Mesut-Özil-Straße“: Seit Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft gibt es in Devrek, der Heimatstadt seiner Großeltern, ein neues Schild – mit Erdogan. Bild: ddp/abaca press

Die Debatte um Özil spielt dem türkischen Präsidenten in die Karten – er wirbt um die Türken in Deutschland. Und stößt dabei auf Gefallen in der Community.

          „Özil hat einen Nerv getroffen“, sagt Nazli. Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Und leider hat er ja recht.“ Schließlich könne in Deutschland nahezu jeder mit Migrationshintergrund Geschichten über alltäglichen und vielleicht auch institutionalisierten Rassismus erzählen. Endlich habe das einer ausgesprochen, der gehört werde, sagt sie – so deutlich, als ob sie in Großbuchstaben sprechen würde.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Das ist die eine, weniger bekannte Seite der Causa Özil. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft blickt jedoch auf die andere Seite. Dort hat der Rücktritt des Gelsenkircheners aus der Fußballnationalmannschaft eine kontroverse Debatte losgetreten. In der türkischen Community jedoch eine Lawine. „Ich muss nun meine Freunde und Verwandten davon abhalten, Anhänger Erdogans zu werden, was sie bisher nicht waren“, sagt die Deutsche türkischer Herkunft, die seit vielen Jahren im deutschen Staatsdienst arbeitet. Verständnislos schüttelt sie den Kopf.

          „Erdogan hat die Debatte gewonnen“

          Die kontroverse Debatte dreht sich um Özils Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Niemand bestreitet, dass Erdogan kein lupenreiner Demokrat ist. Ebenso wenig wie der russische Präsident Wladimir Putin, mit dem sich der Rekordnationalspieler Lothar Matthäus jedoch folgenlos treffen konnte, obwohl er, ebenso wie Özil, keinen politischen Auftrag dazu hatte. Unbestritten ist ferner, dass Özil politisch naiv ist und offenbar über wenig politisches Gespür verfügt. Nichts davon ist neu.

          Neu und unbemerkt ist jedoch der Stimmungswandel in der türkischen Community in Deutschland. Denn die Auseinandersetzung um Özil hat etwas bewirkt, was kaum jemand für möglich gehalten hätte, sagt Serap Güler, Staatssekretärin für Integration in der Landesregierung Nordrhein-Westfalens und Mitglied des CDU-Bundesvorstands. „Erdogan-Befürworter und Erdogan-Gegner vertreten nun eine Meinung.“ Beide Seiten seien sich einig, dass die Kritik an Özil zu weit gehe. Und schließlich: „Erdogan hat die Debatte gewonnen.“ Für ihn sei Özil der Beweis für die Richtigkeit seines Mantras geworden, dass Deutschland Menschen aus der Türkei nicht wolle.

          Geschürt wurde dieses Feuer durch die Kampagne der „Bild“-Zeitung, Özil auszubürgern und ihm damit sein Deutschsein abzusprechen. Unterdessen gewinnt Erdogan den Wettkampf und vergrößert dabei den Kreis seiner Anhänger. Schließlich scheint ihm der Verlauf der Causa Özil recht zu geben. Zudem zeigte der Autokrat politisches Gespür, als er am Montagabend mit Özil telefoniert und danach öffentlich darüber gesprochen hat.

          Deniz Naki widerspricht Özil offen

          „Erdogan brachte damit seine Botschaft rüber, dass er jene mitnimmt, die in Deutschland im Regen stehengelassen werden“, sagt eine alevitische Deutsche türkischer Abstammung. Erdogan hat also wieder gepunktet. Was wäre aber passiert, hätte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an jenem Montagabend bei Özil angerufen und ihn gebeten, seine Entscheidung zu überdenken? So blieb das Feld Erdogan überlassen, und der weiß es zu nutzen.

          Über die Umstände, die zu Özils Rücktritt geführt haben, erreicht Erdogan zwar viele Kritiker und Feinde, aber nicht alle. Einer von denen, die sich nicht einfangen lassen, ist der Fußballprofi Deniz Naki, der in Düren geboren wurde, für den FC St. Pauli spielte und dann, als Kurde, zu Amedspor Diyarbakir in die Türkei wechselte. Dort wurde er wegen seiner politischen Haltung mit lebenslangem Spielverbot belegt.

          In einem offenen Brief an Özil schreibt er, der Rassismus sei eine Krankheit, die gestern ihn, Naki, getroffen habe und heute Özil treffe. Er forderte ihn daher auf, nun ebenso die „rassistischen und faschistischen Angriffe“ gegen Kurden in der Türkei zu bekämpfen. Denn „diejenigen, die Dich bei der nächsten Reise in die Türkei mit offenen Armen empfangen, werden genau dieselben sein, die mich rassistisch angreifen“.

          Naki ist einer der wenigen, die Özil offen widersprechen. Die Wucht der Debatte ist jedoch tief in der türkischen Gemeinschaft in Deutschland zu spüren. Sie ist das Thema der schweigenden Mehrheit, die nun eine Stimme bekommen hat. „Viele sagen, Özil spricht uns aus der Seele, er hat recht“, sagt die CDU-Politikerin Güler. Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, dass auch viele gebildete junge Menschen reagieren. Einer von ihnen ist der 24 Jahre alte Ali Can. Vor wenigen Tagen richtete er den Hashtag #MeTwo ein, in Anlehnung an #MeToo, wo Frauen ihre Erlebnisse mit sexueller Belästigung teilen.

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