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Der Fall Jaber Albakr : „Selbstmordattentäter sind nicht automatisch Selbstmörder“

„Das eine ist ein Akt des Krieges, das andere eine schwere Sünde.“ Peter Neumann über den Blick von Dschihadisten auf Selbstmordattentat und Suizid Bild: dpa

Ein mutmaßlicher Terrorist begeht nach seiner Gefangennahme Suizid. Das ist ungewöhnlich, sagt Terrorismusforscher Peter Neumann. Im FAZ.NET-Interview warnt er: Viele aktive IS-Kämpfer aus Westeuropa könnten in ihre Heimat zurückkehren.

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          Herr Neumann, ein mutmaßlicher Terrorist des „Islamischen Staats“ (IS) will sein Leben bei einem verheerenden Anschlag in Deutschland opfern. Dann wird er gefasst und begeht Selbstmord in seiner Gefängniszelle. Wie erklären Sie sich das Verhalten von Jaber Albakr?

          Das ist schon ein Widerspruch. Selbstmordattentäter sind nicht automatisch Selbstmörder. Für einen dschihadistischen Terroristen sind das zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das eine ist ein Akt des Krieges, das andere eine schwere Sünde. Die einzige mir einleuchtende Rechtfertigung wäre, dass Albakr sich einer noch schwereren Demütigung entziehen wollte.

          Vor seinem Suizid bezichtigte Albakr seine Überwältiger, sie unterhielten ebenfalls Verbindungen zum IS. Ist es aus Ihrer Sicht vorstellbar, dass sich eine dschihadistische Terrorzelle im Zuge einer Polizeiaktion gegen sich zerstreitet?

          Das ist natürlich möglich, aber ich halte es für weniger wahrscheinlich. Bei den europäischen IS-Zellen handelt es sich meist nicht um militärähnliche Kommandos, sondern um Kleingruppen mit sehr engen sozialen Bindungen untereinander, die schon lange vor ihrer Radikalisierung untereinander befreundet waren.

          Dennoch werden die Sicherheitsbehörden den Bezichtigungen nachgehen. Welche Möglichkeiten haben sie, um Albakrs Aussage zu prüfen?

          Zunächst müssen sie die Identitäten der Beschuldigten prüfen. Das ist im Falle von Flüchtlingen sehr schwierig, denn häufig ist nur bekannt, was sie selbst über sich mitgeteilt haben. Noch wichtiger aber ist es, sich genau die Computer und Smartphones anzuschauen. Auf ihnen lässt sich feststellen, mit wem die Flüchtlinge kommuniziert haben. Wir wissen, dass der „Islamische Staat“ über Messengerdienste mit seinen Mitgliedern kommuniziert. Werden die Behörden nicht fündig, können sie mit Sicherheit davon ausgehen, dass Albakrs Aussage erfunden war.

          Albakr kam 2015 als Flüchtling getarnt nach Deutschland. In wie fern hat die Flüchtlingskrise die Terrorgefahr erhöht?

          Der unkontrollierte Flüchtlingsstrom hat für den IS Möglichkeiten geschaffen, Kämpfer unbemerkt nach Europa zu schleusen. Einige wenige Flüchtlinge dürften sich zudem in Deutschland radikalisiert haben. Typischerweise handelt es sich um unbegleitete, minderjährige Menschen, die leichte Beute für die Dschihadisten sind. Aber ich warne davor, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Das wäre nicht nur falsch, sondern aus sicherheitspolitischer Perspektive heraus gefährlich. Wie der Fall Albakr zeigt, können die Flüchtlinge am besten selbst beurteilen, ob sich unter ihnen jemand radikalisiert. Die Sicherheitsbehörden sind auf ihre Mitarbeit angewiesen.

          Die Offensive bei Mossul im Nordirak könnte das Ende des „Islamischen Staats“ als Territorium bedeuten. Welche Folgen erwarten Sie für Deutschland?

          Ich gehe auf Grundlage unserer empirischen Studien davon aus, dass sich unter den noch rund 10.000 ausländischen Anhängern im Kerngebiet des IS 1700 bis 2.000 Westeuropäer befinden. Einige werden in den Gefechten sterben oder weiterziehen in andere Kriegsgebiete. Aber die Mehrheit dürfte versuchen, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Auch nach Deutschland. Die Sicherheitslage könnte dadurch kurzfristig noch problematischer werden.

          Peter R. Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King's College London und Direktor des Internationalen Zentrums für Studien zur Radikalisierung (ICSR). An diesem Freitag erscheint sein neues Buch „Der Terror ist unter uns.“

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