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Fall Hoeneß : Alltägliche Sünden

Der „Fehler“ von Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist ein recht alltägliches Delikt. Nur ist nicht jeder Steuerpflichtige in der Lage, in der Schweiz ein Konto zum „Zocken“ einzurichten und dem deutschen Fiskus mutmaßlich Millionen vorzuenthalten.

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          Der Kaiser hat schon (frei)gesprochen: „Wir sollten niemanden verurteilen, der mal einen Fehler gemacht hat“ sprach Franz Beckenbauer. Es hätte auch von Franziskus sein können: „Selbst die katholische Kirche gewährt eine zweite Chance.“ Gemeint ist dieses Mal nicht der Limburger Bischof, wohl aber ein Fußball-Heiliger.

          Der „Fehler“ von Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist nicht nur ein weltlich Ding, sondern auch ein recht alltägliches Delikt. Nur ist nicht jeder Steuerpflichtige in der Lage, in der Schweiz ein Konto zum „Zocken“ einzurichten und dem deutschen Fiskus mutmaßlich Millionen vorzuenthalten. Es ist dubios genug (oder plausibel?), dass viel Geld von dem früheren Adidas-Chef Louis-Dreyfus floss – der Vorwurf gegen Hoeneß wiegt in jedem Fall schwer. Der ansonsten sehr fürsorgliche Präsident und erfolgreiche Unternehmer muss sich nun asoziales Verhalten nachsagen lassen.

          Die Selbstanzeige war fehlerhaft

          Richtig bleibt freilich auch, dass Hoeneß sich – nachdem das Steuerabkommen mit der Schweiz gescheitert war – selbst anzeigte. Diese Selbstanzeige, die zur Strafbefreiung führen kann, reichte aber in den Augen der Ermittler nicht aus, war fehlerhaft. Allerdings können heutzutage selbst Fachleute kaum eine fehlerfreie Steuererklärung oder Selbstanzeige garantieren – zu wirr ist das Steuerrecht.

          Das entschuldigt Hoeneß natürlich nicht. Aber privilegiert ist er auch nicht: Zwar haben nur wenige wie er das Geld für eine gute Beratung und Verteidigung. Aber bei den üblichen Verdächtigen wird auch nicht das Steuergeheimnis verletzt. Dabei ist diese Vertraulichkeit Voraussetzung dafür, dass der Staat die Mitwirkung des Bürgers verlangen kann. Gewiss hat Ruhm auch seinen Preis, aber ein öffentlicher Pranger stößt sich an rechtsstaatlichen Prinzipien, die nun einmal für alle gelten.

          Dazu gehört die Unschuldsvermutung. Freilich zeigt die bisherige Geschlossenheit des FC Bayern (nicht der Bundesregierung), dass auch ein verfestigter strafrechtlicher Vorwurf nicht automatisch eine berufliche Verbannung nach sich zieht. Otto Graf Lambsdorff wurde einst sogar als frisch verurteilter Steuerhinterzieher zum Vorsitzenden der FDP gewählt. Jeder Verein schmückt sich, wie er kann. Freilich bekommt nicht jeder eine zweite Chance. Womöglich aber sind Steuerdelikte trotz harter Strafandrohungen und großen öffentlichen Gekreisches für viele im Grunde doch nur lässliche Sünden.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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