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Fall Gerster : Der Feldherr und die Teflon-Frau

  • -Aktualisiert am

Gerster und Engelen-Kefer: „Sie weiß, was in Nürnberg schief läuft” Bild: dpa

Der Streit zwischen Gerster und Engelen-Kefer geht in die nächste Runde. Der Chef der Bundesanstalt für Arbeit hegt eine Verschwörungstheorie. Seine Hauptverdächtige: Die Frau aus dem DGB-Vorstand.

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          Die Kameras laufen, doch noch sind sie nicht auf ihn gerichtet. „Reicht das, um Herrn Gerster in die Defensive zu bringen?" ruft ein Journalist dem CDU-Wirtschaftspoltiker Laumann zu. Dessen Antwort ist zu leise, um bis zu Florian Gerster hinaufzudringen.

          Der steht drei Treppenstufen höher vor dem Sitzungssaal E 200 im Paul-Löbe-Haus wie auf einem Feldherrenhügel und blickt auf den Medienrummel herab: kerzengerade stehend, das Jackett zugeknöpft, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Haare streng nach hinten gekämmt, wartet der Vorstandsvorsitzende der Bundesanstalt für Arbeit (BA) auf seinen Auftritt. Bis dahin übt er sich in aufrechter Haltung, doch fällt ihm das schwerer als an anderen Tagen. Es ist kein Gefühl des Triumphes, das sich in seinem Gesicht spiegelt; er wirkt wie ein erschöpfter Feldherr, der mitansehen muß, wie unten im Tal die Schlacht verloren geht.

          Gersters Verschwörungstheorie

          Union und FDP versuchen aus der Werbeetat-Affaire möglichst viel politisches Kapital zu schlagen, obwohl sie den Kurs des BA-Chefs dem Grunde nach stützen. Doch Gersters Ausweichmanöver, seine beharrliche Weigerung, Fakten offenzulegen, und die verhaltene Rückendeckung durch Rot-Grün müssen die Opposition geradezu in ihrem Eifer bestärken, jeder Unregelmäßigkeit nachzugehen. Gerster erkennt zwar eigene Versäumnisse an und beteuert, heute würde er sich anders verhalten. Doch sieht er sich nicht als Täter, sondern als Opfer all jener Kräfte, die den von ihm eingeleiteten Reformprozeß behindern wollen.

          Engelen-Kefer: „An ihr perlt alles ab”

          Das ist nicht in erster Linie die Opposition. Der unterstellt er zwar, sie wolle die Bundesanstalt in der entscheidenden Phase der Beratungen im Vermittlungsausschuß über die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe diskreditieren, um das Kommunalmodell von Union und FDP durchzusetzen. Seine Verschwörungstheorie hat einen anderen Adressaten: die Gewerkschaften. „Es gibt politische Kräfte, denen die Reformvorschläge des Florian Gerster, die sich zum Teil in der Agenda 2010 wiederfinden, zu weit gehen", deutet er an, ohne Namen zu nennen. Es gebe „auch Beziehungen, die nicht freundschaftlich geprägt sind", fügt er hinzu.

          Wer eins und eins zusammenzählt, ahnt, wen Gerster meint: den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), insbesondere dessen stellvertretende Vorsitzende Engelen-Kefer. Deren Beziehung zu dem Nürnberger Behördenchef ist von tiefem Mißtrauen geprägt, von einem „Unverhältnis" berichten Eingeweihte. Auch daß der DGB-Vorsitzende Sommer sich vor Journalisten weigerte, Gersters Namen auszusprechen, ist so lange noch nicht her.

          Interessierte Kreise an geringerem Reformtempo

          Den Gewerkschaften paßte der Kurs des reformorientierten Sozialdemokraten von Beginn an nicht. Kürzungen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik will der DGB mit aller Macht verhindern. Das glaubt jedenfalls der FDP-Abgeordnete Niebel, der sich als ehemaliger Arbeitsvermittler bestens im Innenleben der Nürnberger Behörde auskennt. „Man muß fragen, wem das Ganze nutzt", sagt der Liberale. „Es gibt eine nicht unerhebliche Anzahl von Personen in der Bundesanstalt, die ein Interesse daran haben, daß das Reformtempo abnimmt." Zwar lasse sich der Kurswechsel nicht mehr verhindern, doch wenn es den Beharrungskräften gelänge, "Gerster so zu schwächen, daß die Reform sie nicht trifft, wäre das schon ein Erfolg", sagt Niebel. Der BA-Chef hat die gleiche Vermutung: „Es gibt Kräfte, die Millionen-Aufträge von der BA erhalten und nicht hinnehmen wollen, daß wir den Weiterbildungsetat zurückschneiden, und die zutiefst irritiert sind, daß dort ein Markt entsteht."

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