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Fall Gäfgen : „Wir wurden als Barbaren dargestellt“

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Ortwin Ennigkeit schrieb über seine Rolle im Entführungs- und Mordfall Jakob von Metzler Bild: F.A.Z. - FOTO DIETER RÜCHEL

Der Polizist Ortwin Ennigkeit über sein Verhör des Kindermörders Magnus Gäfgen und die anschließende Debatte, in der aus der Befragung eines Entführers ein Foltermärchen gemacht wurde.

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          Herr Ennigkeit, Sie haben als Ermittler dem Kindesentführer Magnus Gäfgen entlockt, wo der entführte Bankierssohn Jakob von Metzler steckte. Fast genau neun Jahre nach dem Verhör, das viel Aufsehen erregt hat, ist nun Ihr Buch "Um Leben und Tod" erschienen. Was hat Sie bewogen, es zu schreiben?

          Bisher wurde der Entführungsfall vor allem aus der Perspektive des Mörders beleuchtet, und so wurde auch darüber berichtet. Ich will nun zeigen, wie aus der Befragung eines Entführers in kürzester Zeit ein phantastisches Foltermärchen gemacht wurde.

          Jakob wurde am 27. September 2002 entführt, einem Freitag. Die Ermittlungen zogen sich bis Dienstag hin. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

          Wir standen unter enormem Druck. Ich habe in diesen fünf Tagen vielleicht fünfzehn oder zwanzig Stunden geschlafen und war kaum zu Hause. So ging es damals vielen meiner Kollegen.

          Der klagefreudige Kindsmörder und sein Anwalt: Gäfgen und Heuchemer

          Die Polizei hatte den Entführer bei der Geldübergabe beobachtet, ihn verfolgt und festgenommen. Er wollte aber nicht sagen, wo er Jakob versteckt hatte. Dann sollten Sie mit Gäfgen sprechen. Über dieses Verhör gibt es bis heute unterschiedliche Aussagen. Gäfgen behauptet, sie wären bis auf zehn Zentimeter an ihn herangerückt.

          Selbst guten Bekannten würde ich in einem Gespräch nicht so nahe kommen. Und schon gar nicht Herrn Gäfgen. Unsere Beine hatten vielleicht 30 Zentimeter Abstand, die Oberkörper waren etwa einen Meter auseinander. Die Nähe dieses Mannes war mir unangenehm.

          Er sagt, Sie hätten ihn an der Schulter gepackt.

          Ich habe den Mann nie angefasst. Ich habe mich hingesetzt, ihm in die Augen geschaut und ihn gefragt: Was ist mit Jakob? Was ist mit dem Jungen?

          Und die "Neger", von denen Gäfgen sprach, die sich sexuell an ihm vergehen könnten?

          Das ist Blödsinn, absoluter Blödsinn.

          Aber Sie haben ihm schon gesagt, dass erwogen werde, ihm Schmerzen zuzufügen. Sie haben auch angedeutet, dass er im Gefängnis schlecht behandelt werden könnte. Sie sagten: "Du weißt ja, wie es dort Tätern gehen kann, die Kindern etwas angetan haben."

          Zuerst habe ich ihn gefragt, ob er vor dem Knast Angst hätte. Die wollte ich ihm nehmen. Ich habe ihm gesagt, wir könnten die Anstaltsleitung ansprechen, damit ihm nichts passiere.

          Warum wurde die Vernehmung nicht aufgezeichnet?

          Das war damals selbst bei Kapitaldelikten wie Mord oder Entführung nicht üblich. An diesem Dienstagmorgen standen wir auch unter extremem Zeitdruck. Wir hatten am Langener Waldsee eine Hütte gefunden mit einem Kinderschlafplatz und Blutspuren. Wir mussten davon ausgehen, dass Jakob nicht nur hungerte, sondern auch verletzt war.

          Hätte es andere Möglichkeiten gegeben, Gäfgen zum Reden zu bringen?

          Wir hatten ihn mit seiner Mutter konfrontiert - das hatte nichts gebracht. Man hätte Gäfgen theoretisch mit Jakobs Schwester konfrontieren können, zu der er einen Bezug hatte. Das hätte aus meiner Sicht aber auch nicht zum Ziel geführt. Abgesehen davon, hielt ich es für das Mädchen für nicht zumutbar. Außerdem lief uns die Zeit weg. Uns war immer klarer geworden, dass Gäfgen den Jungen allein entführt und versteckt hatte. Er machte keine Anstalten, ihn zu versorgen. Nach der Geldübergabe bummelte er mit seiner Freundin durch Frankfurt. Ich hatte damals keine realistische Alternative. Wir konnten nicht wissen, dass Jakob da schon tot war.

          Die zentrale Frage, die Sie in Ihrem Buch behandeln, lautet: Wie weit darf und muss man gehen, um das Leben eines Menschen zu retten? Sie beantworten diese Frage nur zum Teil, indem Sie sagen, wir mussten tun, was wir taten. Was wäre geschehen, wenn Gäfgen nicht so schnell ausgepackt hätte?

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