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F.A.Z. Machtfrage : Auf den Kanzler kommt es an?

Königin von Deutschland? Merkel im Wahlkampf 2013 Bild: Reuters

Der Wahlkampf schreitet voran und immer mehr wird auf die Kandidaten, weniger ihre Themen geschaut. Ist das so schlimm? Die Geschichte zeigt: Ein guter Kanzlerkandidat ist ein Pfund, aber es kommt auch noch auf etwas anderes an.

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          Jetzt ist es also soweit: Der Bundestagswahlkampf dreht sich nun nicht mehr um Themen, sondern um Personen. Den Eindruck muss man zumindest nach der Flutkatastrophe – was für ein WahlkampfTHEMA, eigentlich – zumindest bekommen. Denn diskutiert wurde ja nur kurz über die Klimapolitik des Unions-Kanzlerkandidaten Armin Laschet, viel ausdauernder aber über sein herzhaftes Lachen im Hintergrund, während vorne der Bundespräsident staatstragende Worte ins Mikrofon sprach. Schon vorher verengte sich die Diskussion über die Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock auf die Fehler- und Plagiatssuche in ihrem Buch und die Frage, ob so jemand geeignet ist fürs Kanzleramt.

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten.

          Aber ist das eigentlich so schlimm, wenn die Personen im Vordergrund stehen? Sie sind immerhin die prägenden Gestalten der deutschen Politik. Von SPD-Leuten wird gerade fleißig eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa verbreitet. „Angenommen, Sie könnten den Bundeskanzler bzw. die Bundeskanzlerin direkt wählen – für wen würden Sie sich entscheiden?“ Laschet verliert bei dieser Frage im Vergleich zur Vorwoche und würde nur noch von 15 Prozent der Befragten direkt gewählt. Baerbock verharrt bei 14 Prozent.

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          Aber Scholz! Der käme auf 21 Prozent. „Bundestagswahl ist Kanzlerwahl“ twitterte dazu Raphael Brinkert. Der ist Wahlkampfmanager und verantwortet die SPD-Wahlkampagne. Brinkert ist ein Mann aus der Werbung, der für zugespitzte, auch mal originelle Botschaften steht. Er hat einige Sprüche für den Autovermieter Sixt entwickelt, außerdem den sehr erfolgreich Zalando-Spruch „Schrei vor Glück”. Scholz – Schrei vor Glück?

          Sachkompetenz, aber noch mehr? Olaf Scholz auf einem seiner Wahlplakate.
          Sachkompetenz, aber noch mehr? Olaf Scholz auf einem seiner Wahlplakate. : Bild: EPA

          Brinkerts Kampagne stellt den Kandidaten in den Mittelpunkt. Denn die SPD weiß es ja selbst: Die Partei verharrt in den Umfragen, aber der Kandidat ist ein Pfund. Scholz hat Regierungserfahrung, steht für trockene Kompetenz – fast so wie Merkel. Dem Mann, so die Botschaft, kann man das Land anvertrauen.

          Wird die SPD vielleicht sogar bald noch plakatieren: „Auf den Kanzler kommt es an”? Das war der Spruch des CDU-Kanzlers und -Kandidaten Kurt Georg Kiesinger bei der Bundestagswahl 1969. Bekanntlich ging das Ganze für Kiesinger schief. Seine Partei holte zwar knapp die meisten Stimmen, aber die SPD bildete mit der FDP die erste sozialliberale Koalition. In Deutschland kommt es trotz Richtlinienkompetenz des Kanzlers erst einmal eben auch auf die Koalitionsoptionen an.

          Bleiben wir noch kurz beim Wahlkampf 1969, einfach weil es zu schön ist. Die SPD warb mit einem Spruch, für den sie sich heute vermutlich schämen würde: „Wir haben die richtigen Männer“. Ansonsten begegneten einem schon vertraute Botschaften, so originell ist im Jahr 2021 eben doch nicht alles. Die CDU versprach: „Sicher in die 70er Jahre“, die SPD: „Wir schaffen das moderne Deutschland“. Das ist gar nicht so weit entfernt von „Deutschland gemeinsam machen“, dem aktuellen Slogan der CDU, und dem von Laschet versprochenen Modernisierungsjahrzehnt.

          Kein naheliegendes Bündnis: Kurz Georg Kiesinger und Willy Brandt 1966
          Kein naheliegendes Bündnis: Kurz Georg Kiesinger und Willy Brandt 1966 : Bild: Picture-Alliance

          Was würden die Parteien nur ohne das Wort „modern“ machen? Bei der Inflation dieses Worts über die Jahrzehnte fragt man sich: Ist Deutschland je modern geworden? Muss es modern bleiben? Kann Deutschland je modern sein, oder ist das wie die Suche nach dem Ende des Regenbogens?

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