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Extremismus-Prävention : Alternative zum Dschihad

Kämpfer der Terrororganisation „Islamischer Staat“ in Raqqa: Der „Heilige Krieg“ zieht immer mehr Jugendliche auch aus Westeuropa an. Bild: Reuters

Die Länder suchen nach Wegen, junge Menschen schon an den Schulen vom Extremismus abzuhalten. Dazu müssen auch die Lehrer viel lernen.

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          Am Konstanzer Alexander-von-Humboldt-Gymnasium werden die Schüler den 31. Oktober 2013 nicht so schnell vergessen. Am Reformationstag 2013 zog nämlich die 15 Jahre alte Konstanzer Schülerin Sarah O., Tochter eines algerischen Einwanderers, in den Dschihad. Ihre Schulfreundinnen bekamen darauf von Sarah kurze Nachrichten über „Whatsapp“: „Schlafen, Essen, Schießen, Lernen, Vorträge anhören“ oder „Bin jetzt übrigens bei Al Qaida“.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Die Islamismusfachleute der Verfassungsschutzämter messen der Präventionsarbeit an Schulen eine hohe Bedeutung zur Verhinderung einer weiteren Radikalisierung der Jugendlichen bei. Das ist sicher auch ein Grund, weshalb alle Schulleiter von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) wenige Tage nach den Pariser Anschlägen auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ einen fünfseitigen Brief auf dem Tisch hatten. Stoch erinnerte die Lehrer noch einmal daran, dass auch aus dem Südwesten etwa dreißig Schüler in den Dschihad gezogen sind. „Diese alarmierenden Zahlen möchte ich zum Anlass nehmen, Sie über Möglichkeiten der Prävention einer religiösen Radikalisierung Jugendlicher und gegebenenfalls der Intervention zu informieren“, schreibt Stoch. Das ist wohl auch deshalb nötig, weil es trotz des „Aktualitätsprinzips im Gemeinschaftskundeunterricht“ zahlreiche Lehrer gab, die es nicht für nötig hielten, mit ihren Schülern über die Pariser Ereignisse zu sprechen.

          Schulungen: „Jugendszene und Islamismus“

          Verfassungsschützer vergleichen die Situation durchaus mit der in den frühen neunziger Jahren: Damals kannten die Lehrer den Kleidungsstil der jungen Rechtsextremisten nicht. Heute wissen viele nicht, woran sie einen Jugendlichen erkennen, der Gefahr läuft, ein Dschihadist zu werden. Zur besseren Vorbereitung der Lehrer gibt es schon seit Jahren eine Reihe von Projekten mit Schulungen zum Thema „Jugendszene und Islamismus“. Seit dem Schuljahr 2012/2013 soll die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler zudem durch das Präventionskonzept gefördert werden, auch hier spielt der Islamismus eine Rolle. Die Zusammenarbeit von Schulen und Polizeien soll in Baden-Württemberg intensiviert werden, polizeiliche Präventionserziehung soll deshalb auch in den neuen Bildungsplan.

          Zu einer erfolgreichen Präventionsarbeit gehört auch die Lehrerfortbildung. Im Südwesten bietet eine Landesakademie Kurse zum Thema Salafismus an. Eine wichtige Rolle für die Bemühungen, die Radikalisierung bei muslimischen Schülern zu verhindern, kommt dem Modellprojekt islamischer Religionsunterricht zu, das es seit 2006 in Baden-Württemberg gibt. 2000 Schüler bekommen derzeit islamischen Religionsunterricht sunnitischer Prägung. Die grün-rote Landesregierung will das Modellprojekt ausweiten, jährlich sollen etwa zwanzig weitere allgemeinbildende Schulen hinzukommen. Doch es gibt noch immer keinen regulären islamischen Religionsunterricht wie in anderen Ländern.

          Materialien zu Integration und Radikalisierungsprävention

          Nordrhein-Westfalen war das erste Bundesland, das im Schuljahr 2012/213 den islamischen Religionsunterricht eingeführt hat. Derzeit unterrichten 64 Lehrkräfte 6500 Schüler in 92 Schulen des Landes. Weitere Lehrkräfte werden in einjährigen Kursen ausgebildet. Mit dem islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache nach modernen religionspädagogischen Grundsätzen werde ein Grundrecht umgesetzt, sagt die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). „Der islamische Religionsunterricht ist ein Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung für Muslime in unserem Land. Das ist gelebte Integration und gerade im Moment ein Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“

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