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Evangelischer Kirchentag : „Fromm und politisch zugleich“

  • Aktualisiert am

Evangelischer Kirchentag: Abschlussgottesdienst in Dresden Bild: dpa

Mehr als hunderttausend Gläubige nahmen am Gottesdienst zum Abschluss des Evangelischen Kirchentags in Dresden teil. Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) fordert Bürgerbeteiligung: „Wir wollen keine Von-Oben-Politik, sondern sind die Dafür-Republik.“

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          Mit einem Abschlussgottesdienst ist der 33. Evangelische Kirchentag in Dresden am Sonntag zu Ende gegangen. Am Elbufer in der Innenstadt versammelten sich nach Angaben der Veranstalter am Vormittag 120.000 Menschen. Pfarrerin Ulrike Trautwein rief die Gläubigen in ihrer Predigt dazu auf, aufeinander zuzugehen und sich gegenseitig Mut zu machen. Zugleich forderte sie Gerechtigkeit für die Menschen auf der Welt und kritisierte das Streben nach Reichtum.

          Viele Menschen seien abgehängt und könnten nicht am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben, manche seien nur noch an Machbarkeiten und Renditen interessiert. „Aber damit will ich mich nicht abfinden, erst recht nicht, solange so viele Menschen auf dieser Welt leiden, weil sie in schlimmen Verhältnissen leben müssen“, sagte Trautwein und fügte hinzu: „Das Leben hier und heute ist nicht alternativlos.“
          Dies gelte auch für die Art, wie Menschen wirtschafteten und mit internationalen Konflikten umgingen, betonte die Pfarrerin aus Frankfurt am Main. „Mitten unter uns ist noch viel möglich. Die Welt geht nicht einfach den Bach runter.“

          Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt hat die Politik zum Abschluss des evangelischen Kirchentages in Dresden zu einer stärkeren Beteiligung der Bürger an wichtigen Entscheidungen aufgefordert. „Ja, wir wollen keine Von-Oben-Politik, sondern sind die Dafür-Republik“, sagte Göring-Eckardt am Sonntag vor rund 120.000 Besuchern des Abschlussgottesdienst an der Elbe. „Fragt uns, diskutiert fair, hört auf kluge Einwände, bevor ihr große Entscheidungen trefft, zu Bahnhöfen, zu Flughäfen, zu Kraftwerken und Krankenversicherungen“, sagte sie.

          Die Präsidentin des Evangelischen Kirchentages, Katrin Göring-Eckardt (Bundestags-Vizepräsidentin, Grüne)

          „Ein Fenster zum Himmel und eine Tür zur Welt“

          Für die Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckardt ist ein Kirchentag „immer beides: ein Fenster zum Himmel und eine Tür zur Welt“. Christen ließen sich nicht einreden, sie müssten entweder noch politischer oder aber noch frommer werden. „Wir sind beides, und wir haben vor, es zu bleiben“, sagte sie und nahm Bezug auf das Kirchentagsmotto: „Denn da, wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Und wir sind frei, wenn Gott unser Schatz ist, frei für eine bessere, lebenswertere Welt.“

          Beim 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden mit der Losung „... da wird auch dein Herz sein“ wurden rund 118.000 Dauerteilnehmer und mehrere zehntausend Tagesgäste gezählt. Mehr als 2.000 Veranstaltungen standen auf dem fünftägigen Programm. Themenschwerpunkte waren unter anderem der Militäreinsatz in Afghanistan sowie Umweltthemen. Der evangelische Kirchentag findet alle zwei Jahre statt. 2013 ist Hamburg die Gastgeberstadt.

          „Es gibt eine neue Lust auf Theologie“, bilanzierte Frau Göring-Eckardt, am Wochenende. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wandte sich bei ihrem Besuch am Samstag entschieden gegen die Diskriminierung von Christen in aller Welt. Es sei nicht akzeptabel, dass Menschen wegen ihres Glaubens benachteiligt und verfolgt würden, sagte sie auf einem Forum. „Da reichen wir als Christen die Hand allen anderen Religionen zu einem Dialog. Aber wir erwarten auch, dass das, was bei uns zu Hause selbstverständlich ist, auch für alle anderen Christen in allen Ländern dieser Welt gilt.“

          Zeichen der Ökumene

          Die führenden Bischöfe der evangelischen und katholischen Kirche unterstrichen ihren Willen zur Ökumene, sehen dabei aber eher größere Zeithorizonte. „Wir brauchen die Geduld - was wir gemeinsam machen, muss auch theologisch begründet sein“, sagte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. „Wenn wir warten, bis wir alle Probleme gelöst haben, sind wir im Reich Gottes zusammen“, hielt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, entgegen.

          Gut drei Monate vor dem Papstbesuch in Deutschland forderte die katholische Reformbewegung „Wir sind Kirche“ von Benedikt XVI. ein sichtbares Zeichen in der Ökumene. Der Papst solle konfessionsverschiedenen Ehepaaren die gemeinsame Teilnahme am Abendmahl zugestehen, sagte „Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner in Dresden.

          Präses Schneider sagte: „Ich bin erstaunt darüber, wie der Kirchentag in Dresden angekommen ist.“ Vom Kirchentag gingen nach seiner Einschätzung wichtige Impulse für die Kirche aus, gerade im Osten Deutschlands. Hier bekennen sich nur ein Viertel der Menschen zu einer christlichen Kirche, im Westen sind es um die 70 Prozent.

          Die sächsische Hauptstadt war bis Samstagabend fest im Griff der Besuchermassen. Posaunenchöre gaben spontan Konzerte und ließen so die Sehenswürdigkeiten der Elbestadt „erklingen“: das Zwinger-Gelände, die Brühlsche Terrasse, das Martin-Luther-Denkmal vor der Frauenkirche. Vor dem stimmungsvollen Abschluss am Sonntag läuteten die Kirchenglocken in der ganzen Stadt. Gestaltet wurde der Open-Air-Gottesdienst unter anderem von 6000 Bläsern, einer Band sowie mehreren Chören.

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