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Europawahl in Italien : Ein zweiter Südtiroler in Brüssel?

In Italien gilt der Umweltschutz noch eher als Luxusproblem – keine einfache Ausgangslage für die Grünen. Bild: dpa

Die italienischen Grünen spielen bei der Europawahl keine große Rolle – von der Klima-Debatte profitieren sie kaum. In Südtirol sieht die Sache anders aus. Doch dort müssen sich die Grünen einen anderen Vorwurf gefallen lassen – mangelnden Patriotismus.

          Die Frau, die verhindern könnte, dass Südtirol in Brüssel stärker vertreten ist, macht sich auf den Heimweg. Judith Kienzl, 35 Jahre, Mutter eines fünfjährigen Sohnes und gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger, ist Spitzenkandidatin der Südtiroler Grünen für die Europawahl. Und sie ist sich keiner Schuld bewusst. „Es ist doch absurd, dass wir uns dafür verteidigen müssen, dass wir mit den italienischen Grünen antreten, unseren natürlichen Partnern“, sagt Kienzl. Sie klingt weniger verärgert als belustigt. „Als wäre es an sich schon gut, wenn mehr Südtiroler im EU-Parlament sitzen – egal welche.“ Ihr sympathisches Lachen – eigentlich eher ein lautes Kichern – mischt sich mit dem Lärm der Autos und Roller auf dem Corso Porta Nuova.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Wenige Tage vor der Europawahl ist Kienzl nach Verona gefahren, um für das Programm der italienischen Grünen zu werben. Zusammen mit dem Veroneser Kandidaten Mao Valpiana und Norbert Lantschner, ihrem Südtiroler Ko-Spitzenkandidaten. Doch die Grünen haben es derzeit nicht leicht in Italien. Trotz Greta Thunberg und Fridays-for-Future-Demonstrationen im ganzen Land. Trotz einer relativ starken Umweltbewegung. Trotz einer Umfrage auf der Kampagnen-Plattform change.org, bei der 75 Prozent der Teilnehmer von den italienischen Parteien forderten, die Klimafrage zur ersten Priorität zu machen.

          „Sind die Grünen geschmolzen?“

          Während die Grünen in Deutschland am Sonntag mit einem starken Ergebnis rechnen dürfen, können ihre italienischen Parteifreunde nicht einmal sicher sein, dass sie auf nationaler Ebene die Vier-Prozent-Hürde überwinden werden. In den letzten Umfragen lag die Liste „Europa Verde“, für die auch die Südtiroler Grünen antreten, bei unter zwei Prozent. „Wo sind die italienischen Grünen geblieben? Auf Grund des Klimawandels geschmolzen?“, fragte der bekannte italienische Journalist und Autor Beppe Severgnini denn auch jüngst süffisant in der Zeitung „Corriere della Sera“. Obwohl ihre Themen Konjunktur haben, spielen die Grünen im politischen Diskurs kaum noch eine Rolle. An ihre Erfolge in den achtziger und neunziger Jahren konnten sie bislang nicht mehr anknüpfen.

          Die Grünen-Spitzenkandidatin Judith Kienzl am Donnerstag in Bozen

          Auch der Einladung der Veroneser Grünen sind am Donnerstag nur eine Handvoll Menschen gefolgt. In einem Veranstaltungsraum im Obergeschoss des Restaurants „Liston 12“ an der Piazza Brà im Stadtzentrum stellen Judith Kienzl und Norbert Lantschner noch einmal eine gute halbe Stunde lang die Schwerpunkte des grünen Europawahlprogramms vor: Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Friedenssicherung. Gemeinsam mit Valpiana treten sie im Wahlkreis Nordwesten an, einem von insgesamt fünf bei der Europawahl.

          Lantschner, der für die Grünen auch im Bozener Gemeinderat sitzt, setzt dabei auf gezirkelte Sätze in fließendem Italienisch. Er ist Fachmann für Klimapolitik und war maßgeblich am Aufbau eines Zertifizierungssystems für energieeffizientes Bauen in Südtirol beteiligt. Kienzl, deren Muttersprache Deutsch ist, braucht etwas länger für ihre Antworten. Doch dass sie für die Zukunft des Planeten und die Interessen der jungen Generation kämpfen will, nimmt man ihr ab. Auch weil sie sich nicht scheut, ihr Engagement unter anderem mit ihrem Muttersein zu begründen – und mit ihrer langjährigen beruflichen Erfahrung in der Jugendarbeit.

          Vier Wochen Wahlkampf liegen hinter Kienzl. Doch eine Chance, selbst nach Brüssel zu gehen, hatte sie nie. „Es ist eine Unterstützungskandidatur, das wusste ich von Anfang an“, sagt sie. Und genau deshalb nehmen viele Südtiroler den Grünen ihr Bündnis mit der italienischen Schwesterpartei übel. Denn im italienischen Wahlsystem gibt es bei der Europawahl eine Vier-Prozent-Hürde auf nationaler Ebene. In Südtirol sind aber nur etwas mehr als 400.000 Menschen wahlberechtigt – in ganz Italien sind es rund 51 Millionen.

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