https://www.faz.net/-gpf-9nfz6

Anspruch auf Juncker-Nachfolge : Ziemlich dreist

Udo Bullmann und Katarina Barley bei einer Pressekonferenz in Berlin am 27. Mai Bild: AFP

Die SPD ist am Sonntag zusammengefaltet worden, dass es kracht. Ist das die Basis, um große Ansprüche zu stellen? Eigentlich nicht wirklich. Der Fall des Udo Bullmann zeugt von schwerer Realitätstrübung.

          Jetzt, da der Kampf um die neu zu besetzenden europäischen Spitzenpositionen beginnt, wird man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Und es ist weder verboten noch unsittlich zu versuchen, Mehrheiten für den eigenen Mann aus einer schwachen Position heraus zu organisieren. Das ist Teil des politischen Geschäfts. Aber in dem Fall des Udo Bullmann scheint doch ein Fall von schwerer Realitätstrübung vorzuliegen. Der hessische Sozialdemokrat, der bislang die sozialdemokratische Fraktion im europäischen Parlament geführt hat, bestreitet den Anspruch der Europäischen Volkspartei, also den ihres „Spitzenkandidaten“ Weber von der CSU, demnächst an der Spitze der EU-Kommission zu stehen. Argument: Die EVP habe nicht mehr die Ergebnisse und nicht mehr die politische Kraft, um die Europäische Union und die Europäische Kommission zu führen. Selbstredend hält er den Frontmann der Sozialdemokraten, den Niederländer Timmermans, für den natürlichsten Anwärter auf die Juncker-Nachfolge.

          Irgendwie ist das schon dreist und vielleicht auch Ausdruck der Trauer um den zweifellos schmerzhaften Abschied der SPD von der Volkspartei. Denn wenn Bullmann, der einem größeren Publikum nicht viel bekannter ist als der Kassenwart eines Frankfurter Ortsvereins, aus den Verlusten von Union in Deutschland und der EVP ganz allgemein Weber den Griff nach der Brüsseler Spitze bestreitet, dann hätte wahrlich er allen Grund zur Demut: „Seine“ SPD ist am Sonntag zusammengefaltet worden, dass es kracht; in seiner hessischen Heimat waren die Verluste noch größer als im nationalen Durchschnitt. Und in der EU haben die Sozialdemokraten und Sozialisten noch weit stärker verloren als die (überwiegend christlich-demokratisch geprägte) EVP. Wären da nicht die Erfolge der Sozialisten auf der Iberischen Halbinsel, es sähe künftig ganz, ganz mau aus in der Fraktion der Sozialdemokraten in Straßburg und Brüssel. Ach ja: Udo Bullmann war der Ko-Listenführer der SPD in Deutschland, als großer Unbekannter an der Seite Katarina Barleys. Das Ergebnis ist bekannt: Die SPD erhielt 15,8 Prozent der Stimmen, ein Verlust von 11,5 Prozentpunkten. Ist das die Basis, um große Ansprüche zu stellen? Eigentlich nicht wirklich.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Boris Johnsons Wahlkreis : „Der beste Premierminister seit Churchill“

          Boris Johnson gerät wegen der Suspendierung des Parlaments immer stärker unter Druck. Seine Anhänger wollen davon jedoch nichts wissen und stehen weiter hinter ihm. Doch wie lange noch? Beobachtungen aus dem Wahlkreis des Premierministers.

          Kretschmann zu Klimapaket : „Das ist doch ein Treppenwitz“

          Die Grünen in Baden-Württemberg lassen kein gutes Haar am Klimapaket der Bundesregierung, auf das die Koalition so stolz ist. So könne man nicht Politik machen, findet Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
          In Tipp-Kick-Manier: Robert Lewandowski trifft gegen Kölns Timo Horn.

          4:0 gegen Köln : Lewandowski trifft und trifft

          Spaziergang zum Oktoberfest-Beginn: Bayern München startet gegen Köln leicht und locker in die Münchner Festwochen. Der Torjäger vom Dienst ist gewohnt erfolgreich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.