https://www.faz.net/-gpf-7pkze

Sigmar Gabriel in Stuttgart : Die Korrekturen des kleinen Partners

  • -Aktualisiert am

„Das war doch gar nichts“: Sigmar Gabriel am Dienstagabend auf einer Wahlkampfkundgebung auf den Stuttgarter Schlossplatz Bild: dpa

Mitten im Europawahlkampf erfindet Sigmar Gabriel die SPD neu. Die Kanzlerin weiß, dass es ihm bereits um 2017 geht.

          Entgegen allen Behauptungen ist Sigmar Gabriel auch nach fünf Monaten im Amt des Wirtschaftsministers und Vizekanzlers der großen Koalition immer noch Sigmar Gabriel. Am Dienstagabend wird der SPD-Vorsitzende auf dem Stuttgarter Schlossplatz von einem gellenden Pfeifkonzert empfangen. Gabriel ist vorgewarnt. Er weiß, dass es den Demonstranten – anders als es kürzlich Frank-Walter Steinmeier in Berlin erlebte – nicht um die „Kriegstreiberei“ des Westens in der Ukraine-Krise geht und auch nicht um die Europawahl. Es ist die radikalisierte Rumpfprotestbewegung gegen Stuttgart 21, welche die Auftritte der etablierten Parteien schon im Bundestagswahlkampf zum Forum ihrer Botschaften machte.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          „Lügenpack, Lügenpack!“, skandieren sie nun in der milden Abendsonne. Gabriels Gesicht läuft rot an: Auf dem Majdan in Kiew wisse man offenbar besser als manchmal in Deutschland, worum es bei dieser Europawahl gehe – um mehr als „um euren Bahnhof“. Der Applaus der SPD-Anhänger übertönt kurzzeitig die Störer. Als das Gepfeife wieder einsetzt, platzt Gabriel scheinbar der Kragen: „Die Art und Weise, wie ihr mit Andersdenkenden umgeht, ist das Gegenteil von Europa.“ Und dann: „Was seid ihr für ein miserables Beispiel für eure Kinder!“ Gabriel gelingt es am Ende, seine Rede halten zu können. Als er von der Bühne tritt, huscht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht: „Das war doch gar nichts.“ Die Sache scheint ihm Spaß gemacht zu haben: endlich mal wieder richtig Rabatz gemacht. Er ist nicht als Verlierer vom Platz gegangen. Mit Nils Schmid läuft er nun hinüber in dessen Finanzministerium und gönnt sich ein kaltes Bier.

          Gabriel kennt die Ungeduld in seiner Partei

          In der SPD fragt sich mancher Funktionär nach fünf Monaten großer Koalition, ob Gabriel vor lauter Regieren die Partei nicht langsam aus den Augen verliere. Und ob es ihm nach fünf Monaten vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der Kanzlerin je gelingen könne, auf Attacke gegen die CDU-Vorsitzende umzuschalten. Gabriel weiß von diesen Fragen. Er kennt die Ungeduld in seiner Partei mit Blick auf deren Umfragewerte. Dass er das Handwerk des Parteivorsitzenden und Wahlkämpfers verlernt haben könnte – diese Sorge muss sich in der SPD keiner machen. Seit dem 22. September vergangenen Jahres hat er wieder und wieder gesagt, er habe eine Idee, wie es für seine Partei in dieser großen Koalition anders laufen werde als in der vorherigen. Die SPD dürfe nicht noch einmal zugleich Regierungs- und Oppositionspartei sein wollen. Gutes Regieren und langer Atem würden belohnt.

          Angela Merkel findet diese Strategie richtig gut. Sieht man von der kurzzeitigen Erschütterung durch die Edathy-Affäre ab, fährt die „Groko“ durch ruhiges Wasser. Sicher ist es so, dass außenpolitische Krisen innenpolitisch disziplinieren. Doch es gibt auch eine Schnittmenge zwischen den Kalkülen Merkels und Gabriels: Er geht nur in Konflikte, die er gewinnen kann. Und sie setzt auf Harmonie, weil sie ihr gutgeschrieben wird. Ist die Europawahl und die Personalie Martin Schulz nun so ein Konflikt, den Gabriel gewinnen kann?

          Weitere Themen

          Berufung abgeschmettert Video-Seite öffnen

          Kardinal Pell bleibt in Haft : Berufung abgeschmettert

          George Pell ist der ranghöchste katholische Geistliche weltweit, der wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Jetzt hat ein australisches Gericht die Gefängnisstrafe gegen den Kurienkardinal und früheren Vatikan-Finanzchef bestätigt.

          Topmeldungen

          Greta Thunberg reist mit der Segelyacht „Malizia“ nach New York.

          Klimaaktivistin in Amerika : „Greta ist das Böse“

          Greta Thunberg wird in den Vereinigten Staaten nicht nur von begeisterten Aktivisten empfangen. Auch die Lobbyisten aus dem Lager der Klimawandel-Leugner laufen sich schon warm.

          Johnson besucht Berlin : Warten auf ein erstes Blinzeln

          Der britische Premierminister Boris Johnson droht der EU mit einem harten Brexit und lockt mit vagen Zugeständnissen – doch in Brüssel und Berlin wächst nur das Unverständnis.
          CSU-Politiker Markus Söder

          Gesetzesvorstoß : Söder will Negativzinsen verbieten

          Bayerns Ministerpräsident will ein Gesetz in den Bundesrat einbringen, um Bankeinlagen von Normalsparern bis 100.000 Euro vor Strafzinsen zu schützen. Allerdings haben Gerichte bereits juristische Grenzen für Minuszinsen auf Kontoguthaben gezogen.

          Luxusbauten in New York : Ästhetische Abschottung

          Ein Penthouse für 239 Millionen Dollar: Die Wohlhabendsten schauen von immer größeren Höhen auf das Stadtvolk hinab. New York baut jetzt superdünn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.