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Merkel in Kroatien : Unheilvolle Nebenwirkung

Zagreb? Nein, Frankfurt am Tag des WM-Finales 2018 Bild: Marcus Kaufhold

Seit Kroatien in der EU ist, wandern immer mehr Menschen ab. Das drückt die Stimmung – auch vor dem Wahlkampfbesuch der Kanzlerin in Zagreb.

          Kroatien ist das jüngste Mitgliedsland der EU und wird das womöglich noch viele Jahre bleiben, denn neue Erweiterungen sind einstweilen nicht in Sicht. Enthusiasmus für die EU ist allerdings nicht verbreitet bei dem südosteuropäischen Neuling, weshalb auch Angela Merkels einziger Auslandsauftritt im Europawahlkampf, mit dem die Kanzlerin am Samstag in Zagreb den konservativen Spitzenkandidaten Manfred Weber unterstützen will, am Ort des Geschehens nicht auf allzu großes Interesse stößt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die Regierungspartei HDZ (Kroatische Demokratische Gemeinschaft), stärkste Kraft der Zagreber Koalition, versucht natürlich dennoch, den Kanzlerinnenbesuch für sich zu nutzen. Die HDZ ist Merkels CDU und Webers CSU über die gemeinsame Zugehörigkeit zur Europäischen Volkspartei (EVP) verbunden, auch deshalb will man Einigkeit demonstrieren. Merkels Auftritt in Zagreb sei eine Bestätigung der starken Position Kroatiens innerhalb der EU, ließ ein HDZ-Sprecher dieser Tage verlauten.

          Der frühere kroatische Außenminister Miro Kovač drückt es gegenüber der F.A.Z. ähnlich positiv aus: „Der Besuch Angela Merkels in Kroatien wird ihr vierter und der fünfte eines deutschen Bundeskanzlers in den vergangenen 16 Jahren sein. Deutschland ist ein Freund und zugleich Kroatiens wichtigster Handelspartner“, sagte der HDZ-Politiker, der Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses im kroatischen Parlament ist.

          Deutschland ist aber auch ein Partner mit erheblichen Nebenwirkungen für Kroatien. Seit es durch den EU-Beitritt 2013 noch einfacher geworden ist, haben Zehntausende Kroatinnen und Kroaten ihre Heimat verlassen, um in den wohlhabenden EU-Staaten weiter nördlich zu arbeiten.

          Allein in Deutschland leben mehr als 375.000 Kroaten. Viele von ihnen waren zwar schon vor dem EU-Beitritt da, aber danach ist die Abwanderungsbewegung stark gewachsen. In den vergangenen Jahren sind in Deutschland jährlich etwa 30.000 Kroaten hinzugekommen. Kroatien hat offiziell noch etwas mehr als vier Millionen Einwohner.

          Belastung für Kroatiens Sozialsysteme

          Die Auswanderung beginnt, Kroatiens Sozialsysteme ernsthaft zu belasten. „Es kann nicht im Interesse der EU liegen, dass Kroatien und andere jüngere EU-Mitgliedstaaten massiv Fachkräfte verlieren“, sagt Kovač. Kroatien allein könne sich dagegen nicht stemmen, Maßnahmen auf europäischer Ebene seien nötig. Doch welche Maßnahmen könnten das sein, da man in der EU nun einmal niemanden daran hindern kann, in einen anderen Mitgliedstaat umzusiedeln?

          Die Lage sei jedenfalls ernst, sagt die Migrationsforscherin Caroline Hornstein-Tomić vom Zagreber Ivo-Pilar-Institut für Sozialwissenschaften. Zwar lasse sich noch nicht zuverlässig sagen, ob sich die Abwanderung insbesondere junger, gut ausgebildeter Menschen zu einer dauerhaften Emigration verstetigen werde. Doch wenn große Teile der produktivsten Bevölkerungsgruppe das Land weiter in Scharen verließen, könnten die Folgen für Kroatien bedrohlich werden: „Bedrohlich für die demographische Entwicklung, für das Rentensystem, für das Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft.“

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