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Europawahlkampf : Der Manfred von nebenan

Manfred Weber trifft Unterstützer vor einer TV-Aufzeichnung. Bild: EPA

EVP-Spitzenkandidat Weber gibt sich im Wahlkampf bodenständig und bürgernah. Aber auch bei einem guten Wahlergebnis kann er sich nicht sicher sein, der nächste Kommissionspräsident zu werden.

          7 Min.

          Manfred Weber erwartet ein politisches Heimspiel, als er am vergangenen Freitag im Dresdner Flughafengebäude eintrifft. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) begrüßt den Spitzenkandidaten der Europäischen Volkspartei (EVP) für die Europawahl herzlich. Auf dem obersten Stockwerk haben sich einige hundert, fast ausnahmslos dem CSU-Politiker gewogene Zuhörer eingefunden. Weber schreitet zum Podest und tut zunächst das, was er bei jedem öffentlichen Auftritt tut: Er lächelt.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Die nicht aufgesetzt wirkende Freundlichkeit scheint so etwas wie das Markenzeichen des 46 Jahre alten Niederbayern zu sein. Dass er es sich zutraut, das Amt des EVP-Fraktionsvorsitzenden im Europäischen Parlament mit dem des EU-Kommissionspräsidenten zu tauschen, steht außer Zweifel. Dennoch dürften ihn die jüngsten verbalen Angriffe des sozialdemokratischen Spitzenkandidaten Frans Timmermans und die vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron bekräftigten Zweifel am europäischen Spitzenkandidatenmodell stärker zugesetzt haben, als es den Anschein hat.

          Anmerken lässt er sich das kaum. Der im November auf dem EVP-Parteikongress in Helsinki zum Spitzenkandidaten gekürte Weber will auf der europäischen Bühne jene Aura des netten Manfreds von nebenan bewahren, die den einstigen Gitarristen einer Rockband in seinem zwischen Ingolstadt und Landshut gelegenen Heimatort Wildenberg umgibt. Auch in Dresden hat er diese Aura. Über sein Privatleben gibt er wenig preis.

          Wie wichtig ihm Familie und Freunde sind, lässt sich indes daran ersehen, dass er nach der Veranstaltung und vor der für den kommenden Tag geplanten Weiterreise zu einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Zagreb noch einen Zwischenstopp zuhause einlegt. Seit Monaten hetzt Weber von Termin zu Termin. Gelegenheit zur inneren Einkehr finde er unterwegs beim Besuch von Kirchen, erzählt das Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.

          Nach einem weiteren Fernsehduell mit Timmermans am Vorabend hat der Arbeitstag für Weber mit einer kurzen Pressekonferenz in Berlin begonnen. Gemeinsam mit der örtlichen CDU-Spitzenkandidatin Hildegard Bentele besucht er eine Betreuungseinrichtung für obdachlose Menschen sowie ein Unternehmen, das maßgeschneiderte digitale Modelle zum kostensparenden Einsatz von Sammeltaxis entwickelt hat. Danach geht es vor die südlichen Tore Berlins zu einem Turbinenwerk für Flugzeuge, wo ihn der brandenburgische CDU-Spitzenkandidat Christian Ehler erwartet.

          Man kennt sich, man duzt sich. Weber will bodenständig wirken, obwohl er nicht, wie am Vorabend zum Rededuell mit Timmermans, mit offenem Hemdkragen, sondern mit Krawatte erschienen ist. Ganz sicher ist nicht, was für ihn beim kurzen Eintauchen in die Alltags- und Berufswelt wichtiger ist: die durch präzise Nachfragen gewonnenen Erkenntnisse oder jene Fotos und Berichte, die beim Buhlen um die Wählergunst abfallen. Es ist wohl eine Mischung aus beidem.

          Als der Anwärter auf die Nachfolge des Ende Oktober aus dem Amt scheidenden Präsidenten der EU-Kommission Jean-Claude Juncker in Dresden an das Rednerpodest tritt, wirkt er keineswegs abgehetzt. Im Gegenteil. Er beginnt mit ein, zwei Scherzen. Es entbehre nicht einer gewissen Ironie, dass er, der sich derzeit meistens auf dem Luftweg durch Europa bewege, nun zu einer Veranstaltung auf einem Flughafen mit dem Auto angereist sei. Weber hat die Lacher auf seiner Seite. Nun spult er sein Standardrepertoire ab. Niemand dürfe vergessen, dass die heutige Generation der Europäer die erste sei, die in Frieden und Freiheit lebe.

          Schon am Morgen hat der CSU-Politiker daran erinnert, dass ihn die erste Reise als Spitzenkandidat in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz geführt habe. Jetzt hebt Weber die zentrale europapolitische Rolle hervor, die Christliche Demokraten wie Konrad Adenauer und Helmut Kohl, aber auch die Parteifreunde Theo Waigel und Franz-Josef Strauß übernommen hätten – und die Angela Merkel nach wie vor spiele.

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